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Rassismus in Deutschland: Wir wehren uns. Schon immer.

Ein Kommentar von

Immer mehr Menschen wehren sich gegen Drohungen von Rechtsextremisten, weil sie selbst betroffen sind. Endlich merken sie, wie groß das Rassismus-Problem in Deutschland ist. In Wahrheit ist es das aber schon lange.

Demo gegen Fremdenhass und Rassismus in Dreieich (Hessen): Wir sind alle gleich Zur Großansicht
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Demo gegen Fremdenhass und Rassismus in Dreieich (Hessen): Wir sind alle gleich

"Die Drohungen und Beleidigungen rechtsgerichteter Internet-User, von AfD-Anhängern und Pegida-Mitläufern haben ein Ausmaß erreicht, das wir uns nicht mehr gefallen lassen", schreibt Stefan Kruecken, Leiter des Verlags Ankerherz. Grund sind Drohungen gegen einen Kolumnisten, der auf der Homepage des Verlags Position für Flüchtlinge bezieht. Weiter schreibt Kruecken: "Wir werden jede Drohung und jede Beleidigung - auf unserer Internetseite, auf Facebook oder in Papierform - zur Anzeige bringen."

Ähnlich formuliert es die "Berliner Zeitung", weil Journalisten, Politiker und andere öffentliche Personen, die sich in irgendeiner Form zugunsten von Flüchtlingen äußern, bedroht werden. Auf Facebook wurde gerade zum Mord an zwei Redakteuren der Zeitung aufgerufen. Die "Bösartigkeit im Netz" sei ein "Angriff auf die Zivilisation", schreibt Chefredakteurin Brigitte Fehrle. "Es ist Zeit, sich dagegen zu wehren." Und Arno Schupp, Ressortleiter Berlin/Brandenburg, schreibt für die Zeitung "in eigener Sache": "Uns reicht es!" Künftig werde man "gegen alle vorgehen, die unsere Redakteure bedrohen und diffamieren".

Gut, dass immer mehr Menschen endlich zur Kenntnis nehmen, dass Rassismus in weiten Teilen der Gesellschaft verbreitet ist. Aber tun wir bitte nicht so, als wäre das eine neue Entwicklung, die überraschend über uns hereinbricht! Menschen, die wegen ihrer Haut- und Haarfarbe, wegen ihres fremd klingenden Namens, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Kleidung nicht in die engstirnige, möchtegernarische Welt passen, bekommen diese Form von Bedrohung und Ablehnung schon seit jeher zu spüren. Und das gelegentlich selbst von Behörden.

Leben mit rassistischen Anfeindungen

Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, als Kind von Einwanderern, nicht von Flüchtlingen. Die Achtzigerjahre habe ich als bedrückende Zeit in Erinnerung, weil meine Familie mehrfach abgeschoben werden sollte. Wir wehrten uns dagegen juristisch. Einmal begründete ein Gericht unsere bevorstehende Abschiebung mit dem Beruf meines Vaters (er war Kapitän) mit den Worten: "Er ist Seemann. Die Heimat eines Seemannes ist das Meer." Meine Mutter habe sich "mit Eheschließung die berufstypisch notwendige überwiegende Trennung von ihrem Ehemann selbst zugemutet", und diese "Lebensverhältnisse" träfen meine Eltern nicht nur in Deutschland, sondern auch anderswo. Also könne man uns genauso gut auch rauswerfen.

Meine Frau, weiß und blond, erlebte rassistische Anfeindungen erstmals auf einer gemeinsamen Reise nach München. Wir standen da offensichtlich einem eiligen Menschen auf der Maximilianstraße im Weg. Er trat mir in die Hacken und sagte: "Mach Platz, Kanake!" Später erlebte sie, wie eine ganze Reihe von Menschen auf Rügen in einen Bus stieg - und der Busfahrer just in dem Moment die Tür schloss, als ich einsteigen wollte, und losfuhr. Ich könnte Dutzende solcher Vorfälle aufzählen, die ich zwar verkraften, aber nie vergessen kann.

Man muss versuchen, damit irgendwie umzugehen. In den Neunzigerjahren wurde mir in manchen Klubs gelegentlich der Zutritt verwehrt, während meine - weißen - Freunde keine Probleme hatten. Bei einem besonders schicken Laden in Hamburg, der mich auffällig oft abgewiesen hatte, meldete mich ein Freund deshalb als "arabischen Scheich" an. Ich trat entsprechend gekleidet auf, ein paar Freunde spielten Bodyguards, und schon wurde ich nicht nur reingelassen, sondern gleich in einen mir bis dahin unbekannten VIP-Bereich geführt. Natürlich war ich bald umringt von Schönheiten, und es fiel mir schwer, die Scheich-Rolle durchzuhalten. Meine Freunde verschwanden irgendwann lachend in der Menge, und ich tat so, als verstünde ich weder Deutsch noch Englisch. Den Frauen machte das nichts aus. Es floss Champagner in Strömen. Ich lud sie alle ein. Irgendwann ging ich. Ohne zu bezahlen. Das war meine kleine Rache.

Wir lassen uns nicht einschüchtern. Vergesst es!

Es ist ein weiter Bogen von seltsamen Richtern über rassistische Alltagsbegebenheiten bis hin zu Morddrohungen, die ich wegen meiner Arbeit als Journalist regelmäßig erhalte - manchmal, nach der Veröffentlichung eines Artikels, Dutzende an einem Tag. Allen Fällen ist gemein, dass sie von einem Ungeist geprägt sind, den es schon lange gibt, der hin und wieder einem großen Publikum seine hässliche Fratze zeigt und im Internet sein ideales Biotop gefunden hat. Man hätte dieses Monstrum schon längst bekämpfen können. Müssen.

Die meisten Strafanzeigen dürften ins Leere laufen, weil der anonyme Verfasser einer Droh-E-Mail nicht zu ermitteln ist, weil er so geschickt formuliert hat, dass ihm keine Straftat nachzuweisen ist oder weil die ermittelnde Staatsanwaltschaft schlicht nicht genug Personal hat, um solchen Fällen nachzugehen. Trotzdem müssen diese Strafanzeigen gestellt werden. Damit das Ausmaß des Problems deutlich wird. Damit das Personal in den Ermittlungsbehörden aufgestockt wird. Vor allem aber müssen wir mehr denn je unsere Stimmen erheben gegen all diesen Hass. Im Alltag, in Gesprächen, in den sozialen Medien. Oft höre ich den Spruch: "Nimm's dir doch nicht so zu Herzen!" Wer das sagt, verkennt die Lage.

Deutschland ist kein schlechtes Land. Viele Menschen setzen sich für ein friedliches Miteinander ein, leisten derzeit Großes bei der Hilfe für Flüchtlinge. Aber es ist eben auch keine kleine Minderheit, die dieses Bild trübt. Offensichtlich vergessen ziemlich viele "besorgte Bürger" - das mag altmodisch klingen - Anstand und Moral, nur weil sie mit ihrem Leben unzufrieden sind, weil sie Zukunftsängste haben oder, und das ist besonders erschreckend, weil sie ihren Wohlstand in Gefahr sehen. Diese Angst verwandelt sich mal in eine Überheblichkeit gegenüber Fremden, mal in Feindseligkeit. Diese Menschen vergessen, wie gut es ihnen im Vergleich zum größten Teil der Welt geht.

Eines muss klar sein: Wir lassen uns weder bedrohen noch einschüchtern. Und falls jemand glaubt, wir, die Nachfahren der Zugereisten, würden hier irgendwann verschwinden, sozusagen uns vertreiben lassen: vergesst es!

Zum Autor
Janna Kazim
Hasnain Kazim ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Istanbul.

E-Mail: Hasnain_Kazim@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 307 Beiträge
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1. Völlig richtig,
sabato.74 29.01.2016
dieser Kommentar. Auch die Vorfälle in Köln wurden reichlich ausgeschlachtet von Xenophoben. Das ist das Problem: Der Rassismus kommt in Deutschland neuerdings noch viel öfter als bisher getarnt als liberale Bürgerlichkeit daher.
2. @ Hasnain Kazim
Big_Lebowski 29.01.2016
Danke für deutliche Worte! Wird Zeit, dass mehr solche Artikel kommen, die persönliche Erlebnisse beschreiben ... Ich bin Deutscher und habe mir extra ein Fitnesscenter in einem Problemviertel bei Hamburg gesucht, welches von einem Türken betrieben wird und in dem viele Nordafrikaner, Syrer, Russen trainieren (und relativ wenig Deutsche). Super Leute! Hilfsbereit, lustig und kommunikativ, wenn sie sich akzeptiert fühlen.
3. Wohlstand in Gefahr?
Rosenblüte1 29.01.2016
Ihre Aussage, dass die sogenannten "besorgten Bürger" ihren Wohlstand in Gefahr sehen, halte ich für übertrieben. Eher ist es doch so, dass der gesellschaftliche Wohlstand derart ungleich verteilt ist, dass die am unteren Ende der Skala noch nicht einmal eine Vorstellung davon haben, wie groß er ist. Eine Kollegin von mir meinte mal schnippisch, dass, wer 10.000 Euro besitzt, auch keinen Anspruch auf Hartz IV haben sollte. Der Betrag war für sie der Inbegriff von Reichtum, dabei liegt das Durchschnittsvermögen hierzulande laut Piketty in der Größenordnung von 200.000 Euro!
4. Ein längst überfälliger Artikel!
alyeska 29.01.2016
KEINER sollte sich diesen Hass von Rechts gefallen lassen. Klare Worte und ein deutliches Auftreten ist da ein Anfang. Aber auch kompromisslose Anzeigen bei Gewalt und Angriffen gegen die körperliche Unversehrtheit sollten selbstverständlich sein. Null Toleranz gegen den scheinbar weit verbreiteten braunen Sumpf. Danke für diesen Artikel!
5.
erdmännle 29.01.2016
Nachdem ich 42 Jahre im Ausland gelebt hatte, 32 Jahre davon in Großbritannien, war ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland 2005 doch sehr erstaunt, wie rassistisch und kleinkariert doch viele Deutsche sind, vor allem in ländlichen Gegenden; sogar mein Mann (Engländer, jetzt 86 Jahre alt) wurde angefeindet, weil nicht wenige Einheimische der Ansicht sind, dass er Deutsch lernen muss und das möglichst fließend. Alter und Gesundheitszustand werden da einfach übersehen.
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