Raus letzte Rede Abschied von der alten Republik

Johannes Rau hat in seiner letzten politischen Rede die Eliten des Landes in die Pflicht genommen. Der scheidende Bundespräsident zeichnete das Sittenbild einer an sich selbst zweifelnden Republik.

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 Rau im Schloss Bellevue: Mahnungen an die Nation
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Rau im Schloss Bellevue: Mahnungen an die Nation

Berlin - Johannes Rau nimmt Abschied in diesen Tagen von der politischen Bühne Berlins. Er hat, aus Anlass der Antisemitismus-Konferenz, vor rund zwei Wochen zum letzten Mal einen großen Empfang für 150 Gäste und den israelischen Staatschef im Schloss Bellevue gegeben, er lädt Journalisten zum Hintergrundgespräch in jene Räume ein, die bald zur Baustelle werden.

Sein Nachfolger, der nach aller politischen Arithmetik wohl Horst Köhler heißen wird, kann das Gebäude schon nicht mehr nutzen, denn nur einen Tag nach der Präsidentenwahl am 23. Mai rücken die Handwerker an. Das Schloss muss saniert werden, ganze 15 Monate sind dafür veranschlagt. Nur den Garten wird Rau am 25. Juni noch einmal nutzen - für das alljährliche Sommerfest. Es wird sein Abschied von den Bürgern sein. In Berlin wird der Mann aus Nordrhein-Westfalen auf jeden Fall bleiben - zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern.

Am Mittwoch, im Schloss Bellevue, als Rau seine letzte große politische Rede hielt, saß ein Teil der Politprominenz noch einmal zusammen, die bald im Schloss Charlottenburg, dem Ausweichquartier, Köhler bei feierlichen Anlässen zuhören wird, unter anderem SPD-Chef Franz Müntefering, FDP-Chef Guido Westerwelle, Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit.

Mangel an Verantwortung beklagt

Rau hat seine Rede "Vertrauen in Deutschland - eine Ermutigung" überschrieben. Es ist in erster Linie eine Ansprache an jene, die im Saal sitzen: Repräsentanten in Politik, Wirtschaft, Kirchen, Medien. Also jene, die in der Republik Verantwortung tragen. Rau beklagt den Mangel an Vertrauen und Verantwortungsbereitschaft, der der eigentliche Grund für die pessimistische Stimmung und die mangelnde Kraft zur Veränderung sei. Das Land, analysiert er, nähere sich einer kollektiven Depression. Er kritisiert "Egoismus, Gier und Anspruchsmentalität in Teilen der so genannten Eliten", die alle Maßstäbe verloren hätten. "Gelegentlich kann man den Eindruck gewinnen: Unser Land, seine Zukunft, das alles bedeutet vielen nichts mehr."

Berliner Politik als Hintergrundfolie

Es ist eine grundsätzliche Ansprache, die sich abspielt vor dem Hintergrund der fast täglichen Turbulenzen in Berlin, dem Hickhack ums Zuwanderungsgesetz, den Meldungen über maßlose Managerhonorare und einer an schrillen Tönen sich oft gegenseitig überbietenden Mediengesellschaft. Es ist eine Rede, die den Zustand zu umschreiben versucht, in dem sich die Republik in diesen Monaten aus Sicht Raus befindet. Er wird dafür viel Zuspruch finden. Er sagt sogar bissige Sätze, die er sich sonst nur im privaten Kreis erlaubt, wonach "die Verfallszeit von Verabredungen" in der Politik kürzer sei "als die eines Bechers Joghurt".

Und doch bleibt Rau auch wieder Rau - maßvoll in der Gesamtschau, die Kritik im Ungefähren lassend, so dass sie auf alle gleichmäßig niederregnet. Er tadelt die Regierung, er tadelt die Opposition, die Vorschläge gegenseitig blockierten, obwohl sie sie insgeheim für richtig hielten. Er tadelt auch die Bürger, die Medien, die Wirtschaft, die Lobbyisten. Er spricht von der Resignation, die das Land zu befallen droht: "Noch nie hatten so wenig Menschen in Deutschland Vertrauen in die Politik einer Regierung - und noch nie haben gleichzeitig so wenige geglaubt, die Opposition könnte es besser."

Es sind Sätze, die viele unterschreiben werden - und genau so hat er sich immer gesehen, letzlich als Mann des Ausgleichs. Er wollte ein Bürgerpräsident sein, keiner, der spaltet, keiner, der provoziert, wie es Roman Herzog, gegen den er 1994 unterlag, mit seiner "Ruckrede" getan hat. Herzog hielt seine Ansprache in der Ära Kohl - bewirkt hat auch sie nichts, doch das Wort "Ruck" aus der ersten "Berliner Rede", deren Wirkung damals selbst Herzog-Berater überraschte, blieb haften. Mit diesem Vergleich muss Rau bis heute leben.

 Rau in der Nikolaikirche: Worte aus einer fernen Welt
DPA

Rau in der Nikolaikirche: Worte aus einer fernen Welt

Sein Nachfolger wird es schwerer haben. Köhler wird schon vor seiner Wahl als Reformer-Präsident gehandelt, als schwarz-gelber Doppelgänger von Friedrich Merz, als einer, der die Menschen aufrüttelt und das Ende der Genügsamkeit einleiten soll. Vielleicht ist Köhler das größte Missverständnis, dem der Medienbetrieb erliegen wird. Denn dem früheren Währungsfonds-Direktor droht irgendwann die Entzauberung. Das ist der Unterschied zu Rau. Davon blieb er im Grunde genommen verschont, weil die Ansprüche an ihn, von Seiten seiner eigenen politischen Gefährten, von den Medien, geringer waren.

Er muss bis heute damit leben, dass er kein Wunschkandidat von Rot-Grün war, schon gar nicht von Gerhard Schröder. Als er 1999 endlich im Amt war, zeigten sich viele in seiner Partei erleichtert, einen Impuls erwarteten die Wenigsten von ihm.

Als Rau ins Präsidialamt einzog, war er da, wo viele glaubten, er immer hin wollte - so, als ob das ein Makel ist und als ob politische Karriereabsichten vor dem höchsten Amt halt machen müssten. Im ersten Jahr seiner Amtszeit drang er kaum durch, verhielt sich die Presse ihm gegenüber oft höhnisch. In der "Welt" wurde er mit dem Satz verspottet, 100 Tage mit Rau seien wie 100 Tage ohne Rau. Manchmal war auch einfach nur Pech dabei - die Rede im israelischen Parlament, die er noch heute für eine seiner wichtigsten hält, ging in jenen turbulenten Tagen der CDU-Spendenaffäre unter.

Die Hypothek

Rau musste von Anfang an mit einem Vorurteil kämpfen, das in anderen Gesellschaften und vor 30 Jahren in seiner Republik gar nicht aufgekommen wäre: er sei zu alt. Dabei war er, als er ins Amt kam, jünger als Gustav Heinemann, der 1969 mit 70 Jahren Bundespräsident am Beginn der sozial-liberalen Ära wurde.

Raus Amtseinführung fiel in die Phase des Aufbruchs von Rot-Grün, in das juvenile Zeitalter des Börsenbooms und der hippen IT-Branche. Sein moralischer Tonfall schien überholt. Heute - Rau ist 73 - Rot-Grün erlahmt, die Wirtschaft ebenso, viele IT-Fachleute sind arbeitslos, dringt er mit seinen Botschaften weitaus stärker durch. Vielleicht auch, weil er sie präziser zu setzen suchte - etwa in seiner Rede zu Gentechnik, zum Kopftuchstreit oder jüngst auf der Antisemitismus-Konferenz. Und da, wo sein Amt politisch wurde, tat er das mit Umsicht: Er unterschrieb das Zuwanderungsgesetz von Rot-Grün, das unter unwürdigen Umständen im Bundesrat zustande gekommen war und deutete der Opposition an, es vom Bundesverfassungsgericht überprüfen zu lassen. Was diese tat - erfolgreich. Auch das war ein typischer Rau - ausgewogen. Aber in jener verfahrenen verfassungsrechtlichen Situation war sein Typus gefragt. Und plötzlich jubelten sogar die Medien. "Eine Lektion in politischer Anständigkeit", wie die "Süddeutsche" damals schrieb.

An Tugenden appelliert

Es war fast ein Symbol, dass Walter Scheel, der Alt-Bundespräsident aus der Ära von Willy Brandt und Helmut Schmidt, am Mittwoch in der ersten Reihe im Schloss Bellevue saß. Denn was oft vergessen wird: Mit Rau verlässt einer der letzten aus der alten Garde der Bundesrepublik die politische Bühne. Fast ein halbes Jahrhundert war der Sozialdemokrat, der für das höchste Amt im Staate seine politische Mitgliedschaft ruhen ließ, politisch aktiv. Er hat den Zweiten Weltkrieg noch erlebt, er ist christlich geprägt, was von den meisten Kabinettsmitgliedern nicht mehr gesagt werden kann.

 Ehepaar Rau: Bleibt in Berlin
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Ehepaar Rau: Bleibt in Berlin

Er entstammt einer Welt, die dabei ist, mit der alten Bundesrepublik zu verschwinden und mit ihr auch manche Wertvorstellungen. Es gibt Sätze, die typische Rau-Sätze sind, Widerhall aus fernen Zeiten, die, gesprochen aus dem Munde eines Joschka Fischer und eines Gerhard Schröder, wahre Lachstürme im politisch aufgeladenen Betrieb Berlins auslösen würden. Einer geht so: "Wahrhaftigkeit, Glaubwürdigkeit", hat Rau am Mittwoch erklärt, "aber auch Pflichtbewusstsein und Anstand sind Tugenden, auf die wir nicht verzichten können."

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