Reaktion auf Scharpings Wasserspiele "Einfach nur peinlich!"

Für die Münchner Verleger der "Bunten" ist das aktuelle Heft ein voller Erfolg. Lange nicht mehr wurde so viel über einen Titel der Illustrierten gesprochen wie über die Liebesgeschichte von Verteidigungsminister Rudolf Scharping. Vor allem in Berlin: Dort lästern politische Freunde wie Feinde über die Story.

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"Bunte"-Titel: "Neckische Wasserspiele"

"Bunte"-Titel: "Neckische Wasserspiele"

Berlin - Krasse Meinungsänderungen sind in der Politik nichts Ungewöhnliches. Und doch klingen manche Sätze, sind sie erst ein paar Monate alt, plötzlich urkomisch. "Wenn man Politiker ist, gibt es am Privatleben ein Interesse der Öffentlichkeit", sagte Rudolf Scharping vor fast genau einem Jahr in einem Interview mit dem SPIEGEL. Über die "Bild"-Zeitung und die "Bunte" hatte der Verteidigungsminister kurz zuvor bekannt gegeben, dass er verliebt sei, und zwar in die Frankfurter Rechtsanwältin Kristina Gräfin Pilati-Borggreve.

Die Zeitungsberichte seien lediglich auf "Nachfragen" nach seiner Liebesbeziehung entstanden, die er beantwortet habe, so der oberste Befehlshaber der Bundeswehr. "Und damit ist es dann auch gut", konstatierte Scharping in festem Ton. Doch von wegen. Eine Homestory nach der anderen organisierte das frisch verliebte Paar danach. Zum vorläufigen Höhepunkt kam es bei ARD-Talker Alfred Biolek, als der Wehrminister eine geschlagene Stunde seiner Tina in die Augen blickte und ihr "zärtlich" den Rücken streichelte, wie die "Bunte" treffend beobachtete.

"Total verliebt auf Mallorca"

Dass Scharping sich noch steigern kann, hat er in dieser Woche bewiesen. Der aktuelle Titel der Münchner Society-Illustrierten zeigt den Minister bei "neckischen Wasserspielen" mit seiner Gräfin, Titelzeile: "Total verliebt auf Mallorca". Es folgt eine neunseitige Fotostrecke. Knutschend ließen sich die beiden in einem Meer aus Blumen ablichten oder fahrradfahrend, er auf dem Sattel, sie auf der Stange vor ihm. Beide auf der Terrasse bei einem Glas Weißwein und Star-Autor Paul Sahner immer ganz nah dran. Im Interview dann schwören sich die beiden ewige Liebe und träumen von der Zukunft.

Publizistisch ist die Geschichte aus Mallorca ein voller Erfolg, denn besonders in Berlin redet fast jeder davon. Rudolf Scharping ist zum Büro-, Pausen- und Kneipengespräch geworden. Leider aber findet kaum jemand Gefallen an dem öffentlich turtelnden Liebespaar. Viele - egal ob politische Freunde oder Feinde - glauben, dass Scharping mit dieser Geschichte weit übers Ziel hinausgeschossen ist.

Öffentlich will kaum jemand etwas sagen

Und auch im eigenes Haus rumort es. Im Verteidigungsministerium machten die Bilder schnell die Runde. Scharpings Untergebene spotten über den "Autisten, der viel turtelt, aber nichts entscheidet". Gerade jetzt, wo deutsche Bundeswehrsoldaten kurz vor einer riskanten Mazedonien-Mission stehen, könne durch die "Bunte"-Story der Eindruck enstehen, dass der Minister "nicht voll hinter dem Einsatz steht", lästert ein Beamter auf der Bonner Hardthöhe.

Verwirrung bis Verärgerung herrscht auch in der SPD-Fraktion. "Das ist das Letzte", empört sich eine Abgeordnete hinter vorgehaltener Hand. "Wenn Scharping meint, er müsste auf seine alten Tage etwas nachholen, dann ist das einfach nur peinlich." Andere SPD-Politiker pesten ebenfalls ausgiebig gegen den "turtelnden Rudi", doch niemand will sich damit zitieren lassen. Und auch das Kabinett schweigt sich professionell aus, um den Imageschaden nicht weiter zu vergrößern.

Kein Gespür für Peinlichkeit

Die Opposition im Bundestag schwankt zwischen Spott und Entsetzen. "In pubertärer Fidelität tritt er sein liebesgeschwängertes Dolce Vita öffentlich breit", unkt Willy Wimmer, Ex-Staatssekretär im Verteidigungsministerium. "Seine Mitteilsamkeit lässt vermuten, dass den Ausprägungen seines Gefühlslebens ein Gespür für Peinlichkeit abgeht."

Turteln weiter auf Mallorca: Minister Scharping und seine Freundin
DPA

Turteln weiter auf Mallorca: Minister Scharping und seine Freundin

Zwar dürfe sich jeder dem Gespött der Leute hingeben, nicht aber ein Verteidigungsminister. Das Soldatengesetz schreibe schließlich vor, dass kein Soldat durch sein Verhalten Achtung und Vertrauen aufs Spiel setzen darf, moniert Wimmer. "Würde der Generalinspekteur der Bundeswehr diese Zurschaustellung nachahmen, wäre er nicht zu halten", echauffiert sich der Wehrexperte.

Und auch die "Süddeutsche Zeitung" macht sich über den Minister lustig. Im legendären Streiflicht - der Glosse auf der Seite eins - versucht das Blatt den Fehltritt des Ministers zu erklären: "Er ist so verliebt, dass er sein Herz für seinen Kopf und sein Bauch für sein Fahrrad hält." Als Heilung für den Minister empfehlen die "SZ"-Schreiber, er solle ein halbes Jahr nach Mazedonien gehen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

"Toll, wie der Minister rangeht"

Einzig die "Bild" hält dem obersten Soldaten die Treue. "Minister Scharping badet im Glück" titelt die Boulevardzeitung an der Stelle auf Seite eins, auf der sonst ein barbusiges Modell zum Hinsehen einlädt. Stattdessen servieren die Blattmacher ihren Lesern ein Bild aus Mallorca, auf dem Rudolf Scharping seine Lebensgefährtin "zärtlich aus dem Pool hebt" und sie "behutsam" wieder auffängt.

Lesen Sie im zweiten Teil, was die Soldaten über den turtelnden Minister denken und wie sich die "Bunte"-Macher über die Geschichte freuen



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