Reaktion auf Stresstest: Trittin verlangt Sofort-Stilllegung aller Altmeiler

Umweltminister Röttgen lässt offen, ob die Stresstest-Ergebnisse zu einer schnelleren Abschaltung deutscher Reaktoren führen. Opposition und Umweltschützer sind damit unzufrieden: Grünen-Fraktionschef Trittin nennt die Testresultate "schockierend" und fordert eine zügige Umsetzung des Atomausstiegs.

AKW Krümmel: Unzufriedenheit mit dem Stresstest Zur Großansicht
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AKW Krümmel: Unzufriedenheit mit dem Stresstest

Berlin - "Sichtbare Grenzen" bei der Sicherheit der deutschen Atomkraftwerke räumt Bundesumweltminister Norbert Röttgen ein, nachdem am Dienstag der Bericht der Reaktorsicherheitskommission (RSK) vorgestellt wurde. Die AKW-Prüfer hatten in seinem Auftrag alle 17 deutschen Meiler überprüft. Als Beispiel nannte der CDU-Politiker den Absturz eines großen Verkehrsflugzeugs, gegen den hierzulande kein Kraftwerk gesichert sei.

Röttgen hatte die RSK nach der Atomkatastrophe von Fukushima beauftragt, die Sicherheit aller Meiler neu zu prüfen. Das Gremium sollte beurteilen, ob die Anlagen auch technischen Pannen und extremen äußeren Belastungen über die bisher angenommenen Szenarien hinaus standhalten.

Doch eine klare Empfehlung für die Abschaltung von Atomkraftwerken gaben die Experten nicht. Es wurden zwar Schwachpunkte im Fall von Flugzeugabstürzen eingeräumt. Die ältesten Anlagen könnten aber möglicherweise entsprechend nachgerüstet werden.

Die Grünen sahen in dem Bericht der Sicherheitsexperten zwar eine Bestätigung, sie hielten ihn aber auch für unzureichend. Fraktionschef Jürgen Trittin bezeichnete die Testresultate als "schockierend". Der Atomausstieg müsse nun zügig kommen und die sieben Altmeiler sowie das AKW im norddeutschen Krümmel sofort stillgelegt werden. "Keines dieser alten Kraftwerke darf jemals wieder ans Netz gehen", forderte er am Dienstag in Berlin.

Es sei "erschreckend", dass Röttgen bei der Festlegung, dass die Anlagen Biblis A und B, Brunsbüttel, Philippsburg 1, Unterweser, Isar 1 und Neckarwestheim 1 "komplett und unwiderruflich vom Netz genommen werden sollen, zurückgerudert ist". Röttgen lasse es "offen, ob Teile von diesen Anlagen wieder ans Netz gehen sollen".

Roth warnt vor Tricksereien

Grünen-Chefin Claudia Roth stellte den Wert des Stresstests in Frage. "In einem Zeitraum von nur zwei Monaten ist eine vollständige und abschließende Überprüfung aller Risiken der Atomkraftwerke nicht zu machen", sagte sie dem "Hamburger Abendblatt". Roth warnte die Regierung vor "Tricksereien" und verlangte einen "schnellen, verbindlichen und endgültigen Ausstieg". Dieser sei bis 2017 möglich.

Auch der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel kritisierte, der Prüfungszeitraum sei zu kurz, die Kriterien seien veraltet und unzureichend. Ein Kraftwerk wirklich zu überprüfen, dauere bis zu eineinhalb Jahre, sagte Gabriel schon vor der Vorlage des Berichts im ZDF-"Morgenmagazin". Der Reaktorsicherheitskommission hätten lediglich drei Monate zur Verfügung gestanden.

Unzufrieden reagierte auch die Linke. "Die Ergebnisse der Stresstests zeigen vor allem, dass der Filz der Atomlobby immer noch so weit in Regierungskreise hineinreicht, dass eine unabhängige Bewertung der Sicherheit von Atomkraftwerken unmöglich ist", sagte ihre Energieexpertin Dorothée Menzner. "Solange AKW-Betreiber nicht von "unabhängiger Stelle überprüft und überwacht werden, sind alle Stresstests wertlos".

Nach Ansicht der Umweltschutzorganisation Greenpeace rechtfertigt der Bericht aber die sofortige Stilllegung der sieben ältesten Atomkraftwerke. "Jetzt muss die Bundesregierung ihre Ankündigungen der vergangenen Wochen wahrmachen. Sicherheit kennt keine Kompromisse", sagte Heinz Smital, Atomexperte der Organisation.

Der Chef des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Hubert Weiger, sagte: "Im Grunde bestätigt die Reaktorsicherheitskommission, dass es keine Reaktorsicherheit gibt." Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) müsse endlich politisch entscheiden, ob sie der Bevölkerung die Gefahren der Atomkraft weiter zumuten wolle oder nicht.

Der Präsident des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu), Olaf Tschimpke, bemängelte, die Ergebnisse der Atomkommission beruhten lediglich auf Angaben der AKW-Betreiber und seien damit weitgehend wertlos für die nötigen Beschlüsse zum Atomausstieg.

Die atomkraftkritische Ärzteorganisation IPPNW sieht in den Stresstests nichts anderes als eine "freundliche Betreiberbefragung". IPPNW-Atomexperte Henrik Paulitz sagte: "Das ist so, als würde man mit dem Pkw beim TÜV vorfahren und dort den Entwurf eines selbsterstellten Mängelberichts überreichen."

als/AFP/DAPD

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insgesamt 143 Beiträge
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1. Lol
alocasia 17.05.2011
Da waren sie selbst an der Macht und da waren die Reaktoren noch in Ordnung nun wollen Sie die Dinger gleich abschalten. Wie durchsichtig ist denn das?
2. headline und inhalt....
hamkon1 17.05.2011
... klaffen mal wieder meilenweit auseinander. mitnichten wird die "sofort-abschaltung aller AKW" gefordert. sondern höchstens die von sieben alt-AKW. dagegen ist die BILD-zeitung seriös.
3. Woher soll der Strom dann kommen?
karlauer, 17.05.2011
Momentan sind zu gewissen Zeiten alle Leitungen zu unseren europäischen Nachbarn voll ausgelastet. Teilweise haben wir in den letzten Tagen fast 8 GW importiert.
4. Stromimporte
srimbach 17.05.2011
Zitat von karlauerMomentan sind zu gewissen Zeiten alle Leitungen zu unseren europäischen Nachbarn voll ausgelastet. Teilweise haben wir in den letzten Tagen fast 8 GW importiert.
Nun, dies liegt aber zu einem guten Teil einfach daran, weil wir eine europäische Strombörse haben und alle Anbieter dort automatisch den preiswertesten Strom kaufen (müssen). Da ist es klar, dass wir aktuell mehr hoch subventionierten Atomstrom aus Frankreich nutzen. Dies liegt nicht daran, dass es hier in Deutschkand die Kapazitäten nicht geben würde.
5. Volksverdummung
herbert 17.05.2011
wir sind eingezäunt mit AKWs im Ausland lieber Trittin und was machen wir mit den AKWs? Oder strahlen die nur bis zur Grenze? Wenn die Merkel morgen sagt: Deutsche streicht alle Häuser schwarz wegen der Wärmeaufnahme, dann haben in einer Woche schon 20 Prozent der grauen deutschen Masse ihr Haus schwarz angestrichen. Dies alles in Begleitung der Blödzeitung die deutsche Bibel für die Unterschicht. Grausam was in Deutschland im Moment abgeht !
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Interaktiv
Interaktiv: Atomkraft und Strom weltweit

Kriterien des AKW-Stresstests
Grundsätzliche Kriterien
Überprüfung, ob die Kühlung der Brennelemente sowohl im Reaktordruckbehälter als auch im Brennelementlagerbecken bei bisher nicht zu erwartenden Ereignissen eingehalten werden kann - und ob die Freisetzung radioaktiver Stoffe begrenzt werden kann.

Reaktionsmöglichkeiten, wenn die Kühlung der Brennelemente sowohl im Reaktordruckbehälter als auch im Abklingbecken ausfällt, es keinen Strom gibt oder eingetretene massive Brennelementschäden bis zur Kernschmelze führen.

Notstromversorgung, Personalverfügbarkeit in Notfällen, Wasserstoffbildung und Explosionsgefahr und Vorgehen, wenn das AKW wegen zu hoher Strahlenbelastung nicht mehr betreten werden kann.
Erdbeben
Überprüfung der Standorte auf Erdbebensicherheit. Bis zu welcher Stärke können sie Beben aushalten, die deutlich über den bisher für Deutschland zu erwartenden Stärken liegen?

Erhalt der Funktionen bei einem besonders starken Erdbeben.

Überprüfung von Folgeschäden mit Blick auf Anstieg bzw. Absinken des Flusspegels, Brand, Kühlmittelverlust, Überflutung, Zerstörung der Infrastruktur, Beeinträchtigung der Personalverfügbarkeit.
Hochwasser
Überprüfung der Anlagen auf potenzielle Schäden durch bisher nicht einkalkuliertes Hochwasser - zum Beispiel wegen Staudammbrüchen, extremer Sturmflut, Tsunamis oder der Auswirkungen von Treibgut. Dabei soll die mögliche Zerstörung der Infrastruktur und fehlendes Personal berücksichtigt werden.

Überprüfung der Auswirkungen auf Notfallmaßnahmen bei Überschreitung der in der AKW-Auslegung vorgesehenen Wasserhöhe.
Flugzeugabsturz und Terrorangriffe
Überprüfung des Erhalts der Funktionen beim Absturz eines Verkehrs- oder Militärflugzeugs. Dabei sollen unterschiedliche Absturzszenarien berechnet werden, je nach Flugzeugtyp, Geschwindigkeit, Beladung oder Aufprallort.

"Bauliche Reserven" beim Einschlag eines Flugzeugs - also eine Überprüfung, ob die Betonhüllen dick genug sind.

Auswirkungen eines Kerosinbrands (Flugzeuge tanken Kerosin).

Wirksamkeit einer räumlichen Trennung, etwa des Leitstands vom Reaktor.

Folgen eines radioaktiven Lecks nach einem Flugzeugabsturz.
Cyber-Angriffe
Prüfung der Notfallmaßnahmen bei Verlust einzelner Reaktorteile durch eine gezielte lokale Zerstörung von Systemen.

Gefährdung bei Angriffen von außen auf computerbasierte Steuerungen und Systeme, Stichwort Cyberterrorismus.
Ausfall von Kühlung und Notstrom
Überprüfung der Folgen eines stationären Blackouts von mehr als zwei Stunden etwa mit Blick auf die Batteriekapazitäten.

Überprüfung eines langen Notstromfalls von mehr als 72 Stunden im Hinblick auf die Dieselversorgung (Kraftstoff, Öl, Kühlwasser)

Reparatur oder Ersatz von Dieselaggregaten durch eine alternative Notstromversorgung (Gasturbine, Wasserkraftwerk).

Folgen eines Ausfalls der Nebenkühlwasserversorgung im Hinblick auf andere Kühlmöglichkeiten wie Brunnenkühlung.

Quelle: dpa