Reaktionen auf Amoklauf Politiker fordern nach Schul-Blutbad Konsequenzen

Sollen Schulen zu Hochsicherheitszonen aufgerüstet werden? Nach dem tödlichen Amoklauf von Winnenden fordern Politiker und Gewerkschaften schärfere Maßnahmen zur Prävention. Die Vorschläge reichen von der Kameraüberwachung bis zum Waffenregister, doch Verbände warnen vor verfrühtem Aktionismus.


Berlin - Von einem "Tag der Trauer für ganz Deutschland" spricht Bundeskanzlerin Angela Merkel angesichts des entsetzlichen Blutbads in einer Realschule im schwäbischen Winnenden. Wenige Stunden nach dem Amoklauf mit mindestens 16 Toten reißen die Beileidsbekundungen nicht ab - zugleich werden aber auch erste Forderungen nach Konsequenzen laut.

Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) sagte, zunächst müsse herausgefunden werden, was der Auslöser für den Amoklauf gewesen sein könnte. Sie schlug vor, Schulen und Eltern sollten in Zukunft sogenannte "Erziehungspartnerschaften" bilden. Sie wies darauf hin, dass solche Taten häufig von sozial isolierten Jugendlichen begangen würden - und nahm indirekt Erziehungsberechtigte und Aufsichtspersonen in die Pflicht: Diejenigen, die Waffen besäßen, müssten dafür sorgen, dass "Nichtberechtigte keinen Zugang dazu" bekämen, forderte die Ministerin.

Volker Kauder, Chef der Unionsfraktion im Bundestag, zeigte sich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE "betroffen und erschüttert" über den Amoklauf, warnte aber davor, vorschnelle Forderungen zu erstellen. Statt "eilig über die Verschärfung der Waffengesetze" zu diskutieren, muss erstmal geklärt werden, was passiert ist und wie der Amokschütze an die Waffen kommen konnte", sagte der CDU-Politiker.

Dass der Amoklauf vermutlich auch den Bundestag beschäftigen wird, machte Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) klar: "Wir müssen jetzt genau die Ursachen und Hintergründe der Tat aufdecken.", sagte er der "Rheinischen Post". Er gehe davon aus, dass der Amoklauf "ein parlamentarisches Nachspiel" habe. Bosbach warnte jedoch davor, die Schulen in Deutschland "zu Hochsicherheitstrakten" auszubauen. "Das wollen auch die Schulen nicht", sagte der Innenexperte. Für eine politische Bewertung des "schlimmen Verbrechens" sei es noch zu früh.

Nur mit Chipkarte ins Klassenzimmer?

Bosbach wies darauf hin, dass die Bundesregierung nach dem Amoklauf von Erfurt sowohl den Jugendmedienschutz verbessert und das Waffengesetz verschärft habe. In der Thüringer Landeshauptstadt waren bei dem Schulmassaker vom 26. April 2002 16 Menschen erschossen worden. Der 19-jährige Täter hatte sich danach getötet.

Der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer warnte vor schnellem Aktionismus. Erst "mit ein bisschen Abstand" müsse man überlegen, ob es noch sinnvolle Präventionsmaßnahmen gebe. Dies müsse man "mit der gebotenen Gründlichkeit und auch mit dem auch gebotenen Abstand" thematisieren. "Es bleibt traurige Realität, dass es totale Sicherheit auf diesem Planeten leider nicht gibt", sagte der CSU-Politiker.

Linken-Fraktionsvize Bodo Ramelow erneuerte seine Forderung nach einem zentralen elektronischen Waffenregister. "Noch sind keine Details über den Täter bekannt, aber die Frage über Gewalt und Waffengewalt in der Gesellschaft wird sich erneut stellen", sagte der Spitzenkandidat der Linken in Thüringen.

Harte Konsequenzen forderte hingegen die Gewerkschaft der Polizei (GdP): Sie rief die Politik auf, für eine bessere Sicherung von Schulgebäuden zu sorgen. Es müsse überprüft werden, welche baulichen Voraussetzungen geschaffen werden könnten, damit "während der Unterrichtszeit nicht jeder x-Beliebige" in eine Schule laufen könne, erklärte GdP-Chef Konrad Freiberg in Berlin. Zwar sei ein "lückenloser Schutz" vor solchen Taten nicht möglich. Es müsse aber die Frage im Mittelpunkt stehen, wie der junge Tatverdächtige an die Waffe gelangen konnte, sagte Freiberg.

"Solche Maßnahmen gaukeln nur Sicherheit vor"

Der "Rheinischen Post" sagte Freiberg: "Es ist überlegenswert, wie in anderen großen Gebäuden Zugangssicherungssysteme mit Chipkarten zu installieren." Die Einführung von generellen Waffenkontrollen an Schulen lehnte Freiberg ab. "Entschlossene Einzeltäter können auch solche Kontrollen überwinden, die andererseits Millionen Schüler unter Generalverdacht stellen würden", erklärte er in Berlin.

Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle rief Schulen in seinem Land auf, ihre Sicherheitskonzepte zu überprüfen. Seit 2002 müsse jede bayerische Schule zusammen mit der Polizei Schulzugang, Videoüberwachung, Aufsichtspflicht und andere Vorsichtsmaßnahmen regeln. Diese Sicherheitskonzepte müssten überprüft und fortgeschrieben werden, mahnte Spaenle.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnte hingegen vor verfrühten Reaktionen und Forderungen nach der Tat. "Jetzt geht es darum, die Schülerinnen und Schüler, die Lehrkräfte und ihre Angehörigen vor Ort so gut wie möglich zu unterstützen", sagte ihr Vorsitzender Ulrich Thöne.

Der Präsident des deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, wandte sich dagegen, nun an Schulen Sicherheitsmaßnahmen wie Kameras oder Wachposten einzuführen. "Solche Maßnahmen gaukeln nur Sicherheit vor", sagte Kraus. Absoluten Schutz könne es nicht geben. "Wenn jemand Amok läuft, kann er auch einen Schulbus ins Visier nehmen und sie können nichts machen."

Mit einer Schweigeminute gedachte das Europaparlament in Straßburg der Opfer des Amoklaufs von Winnenden. EU-Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering gab zu möglichen Konsequenzen allerdings nur eine vage Erklärung ab: "Es ist unsere Aufgabe als verantwortungsvolle Politiker in der Europäischen Union und in allen Mitgliedstaaten, unser Möglichstes zu tun, damit solche Taten rechtzeitig erkannt und verhindert werden können."

Auch der Europarat äußerte sich am frühen Nachmittag zu dem Blutbad: "Wir müssen aktiv werden, um derartige Verbrechen in Zukunft zu verhindern", sagte der Generalsekretär der Staatenorganisation Terry Davis.

Die verheerendsten Amokläufe
Amok
Der Begriff Amok kommt von dem malaysischen Wort "amuk" und bedeutet so viel wie "wütend" oder "rasend". Mehr auf der Themenseite...
14. Dezember 2012: Newtown, USA
Der 20-jährige Adam Lanza erschießt in einer Grundschule im US-Bundesstaat Connecticut 20 Schüler und sechs Lehrkräfte. Zuvor tötete er seine Mutter.
20. Juli 2012: Aurora, USA
In einem Kino in Aurora im US-Bundesstaat Colorado eröffnet ein Mann während der Premiere des neues "Batman"-Films das Feuer. Zwölf Menschen sterben, 58 weitere werden verletzt. Der Amokläufer wird festgenommen.
2. April 2012: Oakland, USA
Ein 43-Jähriger tötet am christlichen College von Oikos in Oakland, Kalifornien, sieben Menschen und verletzt drei weitere. Anschließend stellt er sich der Polizei. Die Opfer mussten sich in einer Reihe vor einer Mauer aufstellen, bevor sie hingerichtet wurden.
12. Oktober 2011: Seal Beach, USA
Im kalifornischen Badeort Seal Beach schießt ein Mann wegen eines Sorgerechtsstreits mit seiner Ex-Frau in einem Friseurladen um sich. Er tötet acht Menschen, darunter die Mutter seines Kindes.
5. November 2009: Fort Hood
Ein Militärpsychiater eröffnet in der US-Militärbasis Ford Hood in Texas das Feuer und löst die bislang größte Schießerei auf amerikanischem Armeegelände aus. Der Mann tötet 13 Menschen und verletzt 42 weitere, bevor er überwältigt werden kann.
17. September 2009: Ansbach
Der Abiturient Georg R. verletzt bei einem Anschlag am humanistischen Gymnasium Carolinum in Ansbach acht Mitschüler und einen Lehrer. Die Tat wurde offenbar lange im Voraus geplant.

Einer Schülerin fügt er eine lebensgefährliche Kopfverletzung zu, eine andere erleidet schwere Brandwunden. Der 18-Jährige selbst wird bei seiner Festnahme durch mehrere Schüsse schwer verletzt. Mehr auf der Themenseite...
3. April 2009: Binghamton, USA
Jiverly Wong , ein 41-jähriger Immigrant aus Vietnam erschießt in einem Zentrum für Einwanderer 13 Menschen und begeht anschließend Selbstmord.
11. März 2009: Winnenden
Der 17-jährige Tim K. ermordet in der Albertville-Realschule im schwäbischen Winnenden 15 Menschen. Danach erschießt sich der Täter selbst. Mehr auf der Themenseite...
10. März 2009: Alabama, USA
Ein Amokläufer im US-Bundesstaat Alabama tötet mindestens neun Menschen und erschießt sich dann selbst. Das Blutbad ereignet sich in Geneva County im Südosten Alabamas nahe der Grenze zu Florida.
23. Januar 2009: Dendermonde, Belgien
Ein 20-jähriger Belgier ersticht in einer Kindertagesstätte im ostflämischen Dendermonde zwei Kleinkinder und eine Betreuerin. Zehn weitere Kleinkinder und zwei weitere Betreuerinnen werden zum Teil schwer verletzt.
23. September 2008: Kauhajoki, Finnland
Der 22-jährige Berufsschüler Matti-Juhani Saari tötet in der westfinnischen Kleinstadt Kauhajoki zehn Menschen. Anschließend begeht er Selbstmord. Mehr auf der Themenseite...
7. November 2007: Jokela, Finnland
Der 18-jährige Schüler Pekka-Eric Auvinen tötet insgesamt acht Menschen in einem Schulzentrum in Jokela .
16. April 2007: Virginia, USA
An der Technischen Universität von Virginia erschießt ein Student 32 Menschen und verletzt 15 weitere. Das Massaker an der Virginia Tech gilt als eines der folgenschwersten an einer Bildungseinrichtung in den USA. Mehr auf der Themenseite
12. Februar 2007: Amokläufe in Salt Lake City und Philadelphia, USA
Mindestens zehn Menschen sterben bei zwei Amokläufen in Salt Lake City und Philadelphia (USA) . Ein Täter eröffnet in einem Einkaufszentrum in Salt Lake City das Feuer und tötet fünf Menschen. Ein Polizist erschießt den Amokläufer.
In Philadelphia werden drei Teilnehmer einer geschäftlichen Konferenz Opfer eines Amokläufers. Er nimmt sich anschließend das Leben.
20. November 2006: Emsdetten
Der 18-jährige Sebastian B. schießt in seiner ehemaligen Schule im westfälischen Emsdetten um sich. Elf Menschen werden verletzt. Mehr auf der Themenseite...
2. Oktober 2006: Pennsylvania, USA
In Lancaster County im US-Bundesstaat Pennsylvania tötet ein Amokläufer an einer Amish -Schule fünf Mädchen. Dann nimmt er sich das Leben.

21. März 2005: Red Lake/Minnesota, USA
In Red Lake im US-Bundesstaat Minnesota erschießt ein 16-Jähriger eine Lehrerin und fünf Schüler. Zuvor hatte er schon einen Schulwärter, seinen Großvater und dessen Lebensgefährtin getötet. Im Internet outet sich der Täter als Anhänger nationalsozialistischer Rassenlehren .
26. April 2002: Erfurt
Bei einem Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt tötet der 19-jährige Schüler Robert Steinhäuser binnen zehn Minuten 16 Menschen und sich selbst. Unter den Toten sind zwölf Lehrer, die Schulsekretärin, zwei Schüler und ein Polizist. Steinhäuser war ein Jahr vor der Tat von der Schule verwiesen worden. Mehr auf der Themenseite...
27. März 2002: Nanterre, Frankreich
Im Pariser Vorort Nanterre erschießt ein Amokläufer acht Menschen. Anschließend springt er aus dem vierten Stock eines Polizeigebäudes in den Tod.
26. September 2001: Zug, Schweiz
Ein Amokläufer dringt in das Kantonsparlament im schweizerischen Zug ein und tötet 14 Menschen. Anschließend tötet er sich selbst.

8. Juni 2001: Osaka, Japan
Ein 37-jähriger Japaner ersticht in einer Grundschule in der japanischen Stadt Osaka acht Kinder und verletzt 20 weitere zum Teil schwer.
20. April 1999: Littleton/Colorado, USA
Beim Schulmassaker von Littleton stürmen die beiden Schüler Eric Harris und Dylan Klebold die Columbine Highschool in Littleton im US-Staat Colorado und ermorden dort zwölf Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren und einen Lehrer. 24 weitere Menschen werden verletzt, bevor sich die beiden Amokläufer selbst das Leben nehmen. Mehr auf der Themenseite...
24. März 1998: Jonesboro/Arkansas, USA
Ein elf- und ein 13-jähriger Schüler lösen an ihrer Schule in Jonesboro im US-Staat Arkansas falschen Feueralarm aus und richten aus dem Hinterhalt ein Blutbad an. Im Kugelhagel sterben vier Mädchen und eine Lehrerin.
22. Mai 1997: Brasilien
Im Nordosten Brasiliens bringt ein ehemaliger Soldat 17 Menschen um. Erst tötet er seine Frau und seine Schwiegermutter, dann geht der Amoklauf auf der Straße weiter. Grund der Tat: Gerüchte über seine angebliche Homosexualität .

28./29. April 1996: Tasmanien
35 Menschen fallen dem Amokläufer Martin Bryant auf der australischen Insel Tasmanien zum Opfer, darunter mehrere Kinder. In einem Café der ehemaligen Strafkolonie in Port Arthur schießt der geistig verwirrte Täter mit einem automatischen Schnellfeuergewehr auf die Gäste. Danach setzt er seinen Amoklauf auf der anderen Straßenseite fort.
13. März 1996: Dunblane, Schottland
Ein 43-jähriger Mann erschießt in der Turnhalle der Grundschule im schottischen Dunblane 16 Erstklässler und deren Lehrerin. Der Todesschütze begeht nach der Tat Selbstmord.
23./24. September 1995: Toulon, Frankreich
Ein 16-jähriger Schüler bringt nahe dem französischen Toulon insgesamt 13 Menschen um und tötet sich anschließend selbst. Erste Opfer am Abend des 23. September sind sein Stiefvater, sein Halbbruder und seine Mutter. Am nächsten Morgen setzt der Täter im Nachbarort seiner Heimatstadt den Amoklauf fort.
16. Oktober 1991: Killeen/Texas, USA
Im texanischen Killeen tötet ein Mann in einer Cafeteria 23 Menschen. Anschließend begeht er Selbstmord.
Dezember 1989: Montréal , Kanada
An der Polytechnischen Hochschule von Montréal kommt es zum schwersten Schulmassaker der kanadischen Geschichte. Der 25-jährige Marc Lépine erschießt 14 Frauen und verletzt 13 weitere Personen, bevor er sich selbst das Leben nimmt. In einem Schreiben nennt der Mann Hass auf Feministinnen als Motiv.
18. Juli 1984: Kalifornien, USA
In einem Schnellrestaurant in San Diego erschießt ein 41-Jähriger wahllos 21 Menschen. Er wird von einem Polizisten erschossen.
1. August 1966: Universität von Texas, USA
An der Universität von Texas schießt der Amokläufer Charles Whitman mehr als eine Stunde lang von einem Turm der Universität auf Passanten. Mindestens 17 Menschen werden getötet.
11. Juni 1964: Volkhoven bei Köln
Beim Attentat von Volkhoven bei Köln stürmt ein Wehrmachtsveteran eine Volksschule. Er fügt acht Kindern tödliche Verletzungen zu und ersticht zwei Lehrerinnen.

amz/dpa/AP/ddp

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