Rebellische Rentner Aufstand der Silberköpfe

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2. Teil: Wo es darum geht, etwas zu bewahren, demonstrieren die Rentner


Aber müssen wir uns auf eine neue Revolte einstellen? Sind Deutschlands Senioren künftig nicht nur die Hauptzielgruppe der Werber, die Adressaten der Parteien im Wahlkampf, sondern auch die einzigen Rebellen der Republik?

Wissenschaftler bezweifeln das - sehen aber ein größeres gesellschaftliches Engagement der Senioren. "Heute schalten sich grundsätzlich ältere Menschen mehr in das gesellschaftliche Geschehen ein", sagt der Berliner Protestforscher Dieter Rucht. "Menschen sind heute länger fit, gesünder, vitaler und gehen vielleicht auch eher in den Ruhestand. Sie haben Zeit, und sie fühlen sich von gesellschaftlichen Veränderungen stärker betroffen als früher." Sie wollten nicht nur im Altersheim sitzen, basteln und Walzer tanzen, so Professor Rucht.

"Insbesondere wenn es darum geht, etwas zu bewahren, sind viele Rentner bei Demonstrationen - sei es eben in Stuttgart oder woanders, bei Konflikten um Flughafenausbau oder Naturschutz", erklärt Rucht. Die Proteste gegen Atomkraft seien etwas Besonderes, weil dort viele ältere Leute demonstrierten, die bei diesem Thema schon vor 30 Jahren dabei waren. "Die sagen sich jetzt: Es kann doch nicht sein, dass unsere damaligen Proteste vergeblich waren."

Und auch grundsätzlich hat sich die Kultur des gesellschaftlichen Widerstands geändert, meint Rucht: "Ältere Menschen, selbst wenn sie in ihrer Jugend gar nicht politisch aktiv waren, nehmen wie die Bevölkerung insgesamt Proteste zunehmend als Teil politischer Normalität wahr. Somit haben sie vermutlich auch weniger Hemmungen, sich daran zu beteiligen."

"Die Älteren fallen einfach mehr auf"

Für viele kommt das Engagement der Älteren überraschend, meint Klaus Schömann, Professor für Soziologie am "Jacobs Zentrum für lebenslanges Lernen": "Die Demokratie war wenig darauf vorbereitet, dass jetzt die jungen Alten kommen und sich einmischen." Und der Protest der Senioren sei keineswegs egoistisch. "Mit dem Älterwerden entwickelt sich oft eine längerfristige Perspektive - die Rentner wollen etwas Bleibendes schaffen und an nachfolgende Generationen weitergeben", so der Forscher.

Manch junger Mensch ist von dem Elan seiner Eltern überrascht. Die 29-jährige Berlinerin Lisa Kemmer* wollte einen Besuch bei ihren Eltern in Lüneburg planen. Aber die hatten keine Zeit. "Wir müssen wieder demonstrieren gehen", sagte ihre Mutter. Denn im Wendland wartet der Widerstand.

In Schwaben haben sich "Senioren gegen Stuttgart 21" zusammengeschlossen. Sie schreiben in einem Brief an die Bahn: "Uns drängt sich der Eindruck auf, das Sie nicht gewillt sind, sich an rechtsstaatliche Normen und Regeln zu halten, diese bewusst missachten oder mit deren Einhaltung überfordert sind. Wir werden immer wieder kommen, bis Sie der Öffentlichkeit erschöpfend Auskunft gegeben haben. Mit freundlichen Grüßen, die Senioren gegen Stuttgart 21."

Es ist der höfliche Duktus der Wut der Älteren.

Empörungskultur ist keine Ausnahme, sondern die Regel

Der Zukunftsforscher Matthias Horx hält dagegen die These vom Aufstand der Alten für übertrieben. "Es sind vielleicht einfach etwas weniger junge Menschen auf der Straße, als in den politisch sehr bewegten sechziger und siebziger Jahren - deshalb fallen die Älteren mehr auf". Aus seinem eigenen Protesterleben könne er sich daran erinnern, dass auch in Brokdorf, Gorleben und Whyl die Demonstrationen generationenübergreifend waren. "Und auch die Grünen sind schließlich dadurch stark geworden, dass sie sich ein paar Grauköpfe in die Reihen geholt haben", so Horx.

Es handle sich nach seinem Eindruck in Stuttgart auch nicht um alte Menschen, die viel Protesterfahrung hatten und etwa in den sechziger Jahren ständig auf die Straße gingen. "Das ist eher ein sehr gemischter Protest, der darauf hinweist, dass Empörungskultur heute keine Ausnahme, sondern die Regel ist."

In Stuttgart jedenfalls verstehen sich die Protestler als breite Bürgerbewegung. Als die Demonstrationen Ende September eskalierten, waren auch Schüler unter den Verletzten. Und bei den Menschenketten am Atomkraftwerk Krümmel standen junge Väter und Mütter mit ihren Kinderwagen.

Horx warnt davor, die Proteste gegen Stuttgart 21 mit der Sarrazin-Debatte in einen Topf zu werfen. In Sachen Sarrazin "wurden hingegen eher die alten, dumpfen Instinkte bedient, die wahrscheinlich hierzulande immer eine bestimmte Kundschaft finden werden".

*Name geändert

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Kontrastprogramm 17.10.2010
1. Rebellische Rentner
Zitat von sysopDer Protest gegen Stuttgart 21 wird auch von Rentnern getragen, bei Atomkraftdemos tummeln sich viele Grau- und Weißhaarige. Bringt der demographische Wandel eine neue Protestkultur, einen Aufstand der Alten? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,723053,00.html
ich lach mich tot. Das die Rentner dagegen sind entspringt ihrem ureigensten Egoismus. Den Rentnern ist die Verkehrsorganisation in 10 20 Jahren egal. Die wollen nur jetzt keine Unanehmlichkeiten wie Dreck / Lärm Baustellenverkehr usw. während der Bauzeit.
maxgil 17.10.2010
2. Schon da
Zitat von sysopDer Protest gegen Stuttgart 21 wird auch von Rentnern getragen, bei Atomkraftdemos tummeln sich viele Grau- und Weißhaarige. Bringt der demographische Wandel eine neue Protestkultur, einen Aufstand der Alten? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,723053,00.html
Diese "neue, alte" Protestkultur ist doch schon da, viel spannender ist die Frage, wann und wie die Gegenbewegung startet. Es muß den Jungen doch furchtbar auf den Sack gehen, mitanschauen zu müssen, das Alles aber auch Alles von etablierten Methusalems ausgebremst wird. Wenn die Grünen so weitermachen, werden sie die einzig wahre Rentnerpartei.
axel666 17.10.2010
3. rentner-demos
Eine Frau weint: "Ich komm mir vor wie im Krieg, ich habe den Krieg noch erlebt" aha! ich hab den krieg nicht erlebt, aber ich bin mir sicher, dass im stuttgarter schlossgarten keine bomben fielen, menschen durch granaten zerrissen wurden und maschinengewehrfeuer gegen die demonstranten eingesetzt wurde! diese frau hat den krieg bestimmt NICHT erlebt, wenn sie solche vergleiche anstellt!! aber sie bekommt die erste zeile im SPOn-artikel! zu den rentnern möchte ich sagen, dass wir heute die reichste rentnergeneration aller zeiten haben! die haben die zeit und das geld, um es sich leisten zu können, auf demos zu gehen! vielleicht ist ihnen aber auch nur langweilig? :-) ihre eigenen renten sind sicher - sie zahlen keinen cent mehr für S21 oder andere projekte, ihre eigene zukunft ist zeitlich relativ überschaubar (tschuldigung - meine ich rein demoskopisch) und damit fällt auch in einer gewissen weise der wille zum fortschritt und zur innovativen zukunftstechnologie weg... ihre motivation kann eigentlich nur an der zukunft ihrer nachkommen gemessen werden! was ja auch ein hehres ziel ist! nur warum gehen dann nicht ihre nachkommen auf die strasse? vielleicht weil sie für ihre zukunft projekte dieser art (nicht ausschließlich s21) mit allem drumherum brauchen!? so wird der generationenkonflikt nur weiter angefacht! sehr schade... 666
mainzelmännchen 1 17.10.2010
4. In eine völlig falsche Richtung...
...geht der Spiegel mit seinen Artikeln. Ich selbst bin schon grauhaarig, stehe als Selbständiger noch mitten im Berufsleben - und demonstriere aus genau den gleichen Gründen wie vor über vierzig Jahren. Die subtile Umverteilung von unten nach oben mithilfe einer gut geölten Medien-und Lobbypolitik führt zu massiven Ungleichgewichten in der Gesellschaft und treibt mitnichten nur Alte auf die Straße. Die bemerken allerdings am ehesten, daß Gesellschaft nur im Gleichgewicht friedlich bestehen kann. Niemand aus der älteren Generation hat etwas gegen Wandel oder echten Fortschritt - keiner kann ihn an Stuttgart21 oder der Verlängerung Atomkraft erkennen - im Gegenteil. Rückwärtsgewandte Konsumtempelprojekte, die ein U-Boot-Bahnhof legitimieren soll: Konzepte übergeschnappter, korrupter Lokalpolitiker in den Stiftungsräten gigantomanischer Einkaufszentrenbetreiber. Das schreit nach Gegenwehr - in sämtlichen Bevölkerungs-und Altergruppen.
danubius 17.10.2010
5. S 21 und der Aufstand der Silberköpfe
Die diversen Analysen weshalb "die Alten" so viel demonstrieren sind zwar allesamt interessant, manchmal auch amüsant,zu lesen - sie spiegeln aber nur einen Teil der Wahrheit wieder. Fakt ist: diese heute 65 - 75 Jahre alten Menschen haben Deutschland nach dem Krieg aufgebaut, sie haben durch ihre persönliche Leistung dazu beigetragen, dass sich unser Land und unser heutiger Wohlstand so entwickeln konnte. Wir haben z.B. als Schüler noch die Steine im Schulhof unserer teilweise zerstörten Grundschule weggeräumt, um während der Pausen dort spielen zu können... Ich und viele andere "Silberköpfe" haben heute einfach keine Lust mehr, still zu halten und mit offenen Augen der ungezügelten Verschwendungsmentalität unserer profil- und mediengeilen Politiker nachzugeben.
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