Rechte Hochburg in Sachsen Wo jeder Vierte NPD wählt

Im sächsischen Reinhardtsdorf-Schöna haben bei der Landtagswahl 23,1 Prozent der Wähler für die rechtsextreme NPD gestimmt. Aber warum? Eine Spurensuche in der sächsischen Provinz.

Aus Reinhardtsdorf-Schöna berichtet Yassin Musharbash


Reinhardtsdorf-Schöna: "Wir sind friedlich"
DDP

Reinhardtsdorf-Schöna: "Wir sind friedlich"

Reinhardtsdorf-Schöna - Nazibräute sehen anders aus. Anders jedenfalls als die drei etwa 50-jährigen Hausfrauen, die mit Dauerwelle, Föhnfrisur und rotem Strickpullover auf dem winzigen Platz im Zentrum von Schöna stehen und einen Plausch abhalten. Kommt man dazu, erwähnt das Reizwort NPD, gibt sich gar noch als Journalist zu erkennen, stieben die drei augenblicklich in drei verschiedene Richtungen auseinander. "Ihr dreht einem ja immer das Wort im Munde herum", lacht die eine noch im Wegrennen. "Wir sind friedlich!", wirft die zweite hinterher. Nein, Nazibräute sehen anders aus.

Trotzdem: Bei der gestrigen Wahl zum Sächsischen Landtag haben fast ein Viertel der Wahlberechtigten in Reinhardtsdorf-Schöna für die NPD gestimmt und mitgeholfen, dass die Rechtsextremen nun mit zwölf Abgeordneten vertreten sein werden. Am Ende vielleicht auch diese Damen?

Man wird es nicht erfahren. Die beiden ineinander übergehenden Straßendörfer Reinhardtsdorf und Schöna, insgesamt rund 1000 Einwohner, sind verbrannte Erde: Zu oft schon waren Reporter hier; zuletzt als die NPD hier bei der Kommunalwahl 25 Prozent einfuhr. Viele Einwohner reagieren deshalb wie die drei Damen: Sie winken ab, rufen "Nichtsnutze", stellen sich taub.

Es ist Montagmittag. Wolken hängen über den beiden Dörfern, die durch eine gemeinsame, schmale Hauptstraße verbunden sind. Gelegentlich bricht die Sonne durch. Beide Orte sind dicht gepflastert mit Wahlplakaten, vor allem mit denen der NPD.

In der Nähe eines dieser NPD-Poster wohnt ein alter Herr, der in Cordhose und kariertem Hemd mit einem Hammer in der Hand seinen Gartenzaun ausbessert. Seinen Namen will er nicht nennen. "Nicht gut, das Ergebnis", sagt er und wiegt den Kopf. Die Wähler der Rechten, vermutet er, seien vor allem Jugendliche. "Wir Alten", erklärt er, "haben zwei Kriege erlebt. Wir würden nie NPD wählen. Das können die gar nicht verstehen. Das ist reine Dummheit".

Der alte Mann winkt einem Bekannten zu, der wenige Meter entfernt im Sparkassenbus Geld abheben will, bevor der wieder wegfährt und man keins mehr bekommt.

Dieser Bekannte wiederum, in etwa im selben Alter, Jahrgang 1931, wie er sagt, sympathisiert durchaus mit der NPD. "Ich weiß genau, was der Hitler verzapft hat", erklärt er. "Das wollen wir nicht noch einmal erleben." Aber: Einige der von der NPD angesprochenen Probleme findet er wirklich dringlich. "Ohne Hass", wie er betont, "ohne Hass", habe auch er durchaus leichte Vorbehalte gegen Ausländer. Außerdem müsse es mehr deutsche Kinder in deutschen Familien geben. Da habe die NPD Recht, da tue die SPD zu wenig.

Eines treibt ihn um: In der "Bild"-Zeitung habe er heute gelesen, der sächsische NPD-Spitzenkandidat habe den Hitlergruß gemacht. "Das möchte ich bitte schön mal geklärt haben. Das geht nämlich nicht".

"Hätte vielleicht auch PDS gewählt"

Monatelang haben sich Politikwissenschaftler und Analysten den Kopf darüber zerbrochen, warum die Rechten - die NPD in Sachsen und die DVU in Brandenburg - solch einen Aufschwung erleben. Beide Parteien zogen gestern, wie prophezeit, in die Landtage von Dresden und - erneut - von Potsdam ein.

Zumeist kamen die Forscher zu dem Ergebnis, es handle sich vor allem um von den Volks- und Regierungsparteien enttäuschte Protestwähler, die sich dem rechten Rand und dessen demagogischen Parolen zuwandten. Andere warnten davor, dass das rechtsextreme Gedankengut in einigen Teilen insbesondere Sachsens längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei.

Ob der bekennende NPD-Wähler, der auf dem zentralen Platz von Reinhardtsdorf ein Schnitzel verspeist, zur Mitte der Gesellschaft zählt, bleibt unklar. Der 58-Jährige will nicht so recht damit herausrücken, was er beruflich tut. Aber er bestätigt immerhin die zweite These der Politologen: "Ich habe die NPD aus Protest gewählt", sagt er. Er hätte es nämlich gerne gesehen, dass die Politiker der großen Parteien gestern Abend zerknirscht sagen: "Ja, wir haben die kleinen Leute vernachlässigt, wir müssen sie jetzt zurückgewinnen." Das aber passierte nicht. "Müntefering hat noch von einem Sieg für die SPD gefaselt", erregt sich der Mann und nimmt empört seine Schirmmütze ab, nur um sie dann wieder aufzusetzen. "Welche Wahl hat der denn bitteschön kommentiert?"

Der NPD traut er allerdings nicht viel zu - obwohl er für sie gestimmt hat. Er zweifelt sogar daran, ob sie wirklich demokratisch ist. Aber der Denkzettel war es ihm wert. Wenn er in Brandenburg lebte, hätte er vielleicht PDS gewählt. Hauptsache Protest. Damit die aufwachen in den großen Parteien. Und Hauptsache wählen gehen! Das ist nämlich "Bürgerpflicht".

Regieren soll die NPD nicht

Sein Begleiter, ebenfalls in kariertem Hemd und Lederweste, ist auch NPD-Sympathisant und hat einen genau so skeptischen Blick auf die Partei, der er nahe steht: Die Politiker-Diäten müssten schon gekürzt werden, genau wie von den Rechten gefordert. Aber: "Ich glaube nicht, dass die NPD-Landtagsabgeordneten sich jemals selbst die eigenen Gelder streichen würden." Schon bei dem Gedanken muss er lachen. Beide würden sich keinesfalls freuen, wenn die NPD je an die Macht käme. Sie taugt offenbar nur als Ventil.

So recht wird man trotzdem nicht schlau aus diesen offenen oder verkappten Sympathisanten. Klar ist allein: Keiner hier glaubt noch den Verheißungen der etablierten, großen Parteien. Auch diejenigen nicht, die die NPD ablehnen oder ihr kritisch gegenüber stehen, wie der 42-jährige Kellner, der mit seinem Hund auf dem Weg zur Arbeit ist. Er kennt viele NPD-Wähler, sagt er, und deswegen schockiert oder erschreckt ihn der Erfolg der Partei auch nicht sonderlich. Auch wenn er findet, die Abgrenzung zum dritten Reich lasse zu wünschen übrig. "Diese braune Kacke, das geht nicht mehr."

Wann die Verbitterung begann, von der hier so viele betroffen sind? "Das kann ich genau sagen: Das fing an mit Kohls blühenden Landschaften und ging weiter mit Schröders Aufbau Ost". Passiert sei nämlich nichts. Stattdessen sorgt man sich jetzt um seinen Arbeitsplatz. "Die Leute sind verärgert, ist doch klar, dass einige von denen dann NPD wählen." So oft, wie dieser Ort schon als "braunes Nest" bezeichnet worden ist, würde es ihn nicht wundern, wenn einige sogar aus Trotz für die Rechten stimmten.

Wie eine Wahl zwischen Pepsi und Cola

Was aber ist überhaupt rechts? Nicht einmal das ist immer ganz eindeutig. Von hinten sieht der Jugendliche, der gerade auf dem Heimweg von der Schule ist, aus wie der prototypische ostdeutsche Nachwuchsnazi: Er trägt einen schwarzen Pullover und einen Rucksack voller runenartiger Symbole, eines mit einem Pfeil zum Beispiel, der von einer quer gelegten SS-Rune gekreuzt wird, das ganze in schwarz, weiß und rot. Es erinnert sehr an die NPD-Flagge und lehnt sich eindeutig an Nazi-Symbole an.

Von vorne dagegen sieht man einen unsicheren, schüchternen 15-Jährigen, der versucht, ein Rechter zu sein. Er sagt, er interessierte sich für "germanische Mythologie" - das Pfeilsymbol stehe für Thor. Seine Stimme ist sehr leise und kindlich. Die Erklärung für sein Rechtssein: "Ich war halt erst befreundet mit denen von der anderen Gruppen, den Roten. Dann haben die mich enttäuscht. Und die anderen, die eher NPD-mäßig und so drauf sind, haben mich unterstützt." Rechtssein kann man offenbar auch aus Dankbarkeit.

Es klingt wie eine Entscheidung zwischen Pepsi und Cola, ist vielleicht aber eine der häufigsten Ursachen für das Abdriften nach Rechts. Seine Eltern hätten kurz darüber diskutiert, ob sie die NPD wählen, sagt der Junge, der unter seinem Pullover ein hoch geknöpftes Hemd trägt und versucht, sich so etwas wie einen kleinen, blonden Bart wachsen zu lassen. "Aber Omi hat ihnen dann gesagt, solche Leute sind schlimm." Also haben die Eltern es gelassen.

"Wo ist der Nazi?"

Diesem Jugendlichen zufolge, auch er will seinen Namen nicht verraten, gibt es innerhalb der Dorfjugend eine klare Präferenz für rechts. "Nur fünf bis zehn Rote", schätzt er. "Radikale Sachen" aber mache hier keiner. Und auch die NPD "würde ja nicht die KZ wieder aufbauen. Sondern höchstens dafür sorgen, dass es wieder etwas nationaler läuft in Deutschland." Die Scheinasylanten fallen ihm da ein, die Geld kassierten. Das sei ein Problem. Und Hartz IV.

So sieht es aus in Reinhardtsdorf-Schöna, der "braunen Hochburg" in der Sächsischen Schweiz. Keine Feier auf den Straßen, keine NPD-Flaggen an den Fenstern. Nicht einmal auf der Kirmes gestern, obwohl die Wahl das Thema schlechthin war, wurde laut für die Rechten gejubelt. Wahrscheinlich ist es einfach nur so, dass man sich in Reinhardtsdorf-Schöna nicht mehr schämen braucht, rechts zu wählen. Oder zu sein. Und das ist schon das ganze Drama. In aller Schlichtheit.

"Wo wohnt der Nazi?", fragt ein hektischer Journalist, der durchs Dorf eilt. Mittlerweile sind schon drei Fernsehteams hier und fahren die Hauptstraße rauf und runter. Der Journalist ist auf der Suche nach dem Anführer der NPD hier im Ort. "Wo ist der Nazi?" - Als könnte eine Adresse die Antwort auf die Frage sein, warum es hier und in anderen Gegenden der sächsischen Schweiz so fürchterlich normal ist, rechts zu wählen.

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