Rechtsaußen Hohmanns missglückte Rache

Der verbannte CDU-Rechtsaußen Martin Hohmann wollte als Einzelkandidat in den Bundestag. Er ärgerte die Parteispitze ein letztes Mal.

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Hohmann bei einer Rede im Schützenhaus in seiner Heimatgemeinde Neuhof: "Quelle ungeheuerer Freude"
DDP

Hohmann bei einer Rede im Schützenhaus in seiner Heimatgemeinde Neuhof: "Quelle ungeheuerer Freude"

Neuhof - In der Landgaststätte "Imhof" in Neuhof-Pommerz riecht es nach Pils und Frittiertem. Junge Männer in schwarzen Anzügen haben "geschlossene Gesellschaft" an die Tür des Versammlungsraumes im zweiten Stockwerk geschrieben. Ein schwarzer Topf brüht die Würstchen für das geplante Jubelfest auf. An der Wand hängt eine schwarz-rot-goldene Fahne, fünf mal zwei Meter groß.

Um 20.19 Uhr kommt er: Martin Hohmann, 57. "Bravo", brüllen die jungen Männer. Wie immer die Wahl ausgeht, es sei ein wunderbarer Abend, sagt der Kandidat und jeder im Saal könne stolz sagen, dass er "dabei gewesen" sei.

Hohmann hat in Fulda für eine Sensation sorgen wollen. Erstmals wollte er als echter Einzelkandidat Einzug in den Bundestag halten: gegen die Bewerber der großen Parteien, gegen die Macht des Geldes und gegen den gegen ihn gerichteten Wahlkampf der hessischen Landesfürsten um Ministerpräsident Roland Koch (CDU).

Spät am Abend stand fest: Hohmann hat verloren. Er holte aber immerhin 22,2 Prozent der Stimmen, in seiner Heimatstadt Neuhof wählten ihn 47,6 Prozent. Niemals seit über 50 Jahren holte ein parteiloser Einzelkandidat für den Bundestag mehr Stimmen. Dem CDU-Kandidat Michael Brand, 31, reichten 39,1 Prozent, um in den Bundestag einzuziehen. Und auch die SPD konnte den Streit der Konservativen in Osthessen nicht nutzen: Für Claudia Blum votierten lediglich 29,7 Prozent der Wähler.

Als Hohmann dann am Sonntagabend im schwarzen Anzug und mit roter Krawatte bei seiner Wahlparty erschien, konnten seine Unterstützer die tiefe Genugtuung über den Wahlkampf an seinem Dauergrinsen ablesen. Immerhin hatte er die CDU viele Wochen lang geärgert. Vor drei Jahren hatte der ehemalige Kommissaroberrat noch für die CDU gesiegt. Doch dann hatte die Parteiführung ihn verbannt wegen seiner "Tätervolk"-Rede. Und alle seine Versuche, die abstrusen Ausführungen zum Tag der Deutschen Einheit im Jahre 2003 zurecht zu rücken und die Parteispitze zu besänftigen, waren fehl geschlagen.

Hohmann war tief enttäuscht, gekränkt und dann hat er gekämpft - gegen die CDU. Er wollte der CDU den tiefschwarzen Wahlkreis 176 abnehmen, eines der für gewöhnlich sichersten Direktmandate der Republik. Zuletzt wahlkämpfte deshalb die CDU in Osthessen nicht gegen die SPD, sie kannte nur einen Feind: Hohmann, ihren alten Stimmenfänger. Denn wenn Hohmann in den Bundestag eingezogen wäre, wären die Zweitstimmen seiner Wähler nicht für die CDU gewertet worden.

Fuldas CDU-Chef Fritz Kramer sagte deshalb, sein ehemaliger Schützling sei "mit seiner Kandidatur zum Täter geworden". Der Bezirksvorsitzende Walter Arnold warf Hohmann vor, seine Wähler "zu täuschen" und mit "falschen Aussagen zu betrügen". Und selbst Ministerpräsident Koch reiste in die Provinz, um den Hohmann-Jünger einzubimsen, dass der Mann mit seinem Stimmenklau "ganz Deutschland schadet".

Zum Schluss eskalierte der Kleinkrieg. Am Freitag zeigte Hohmann zwei CDU-Wahlhelfer an, die nächtens zwei Wahlplakate mit CDU-Propaganda überklebt hatten. Lange Zeit hatte die CDU den Einzelkandidaten unterschätzt. Erst als erste, allerdings nicht repräsentative Umfragen erschienen, nach denen Hohmann mit bis zu 50 Prozent der Stimmen rechnen könne, reagierte die CDU.

In der Tat galt bisher, dass parteilose Einzelbewerber keine Chance haben. Nur 1949 schafften es drei Bewerber ohne Parteibuch in den ersten Deutschen Bundestag, doch die wurden zumindest von großen Parteien unterstützt. Danach wagten zwar noch einige wenige Politiker den Alleingang. Erfolg hatte jedoch niemand. Zu aussichtslos ist es, gegen die Parteiapparate zu bestehen. Am besten schnitt noch Wilhelm Daniels ab. Weil er von der CDU nicht als Bundestagskandidat nominiert worden war, probierte er es 1969 auf eigene Faust, holte immerhin fast 20 Prozent der Stimmen. Später versöhnte sich Daniels wieder mit seiner Partei und wurde Oberbürgermeister von Bonn.

Noch stärker formierte sich jetzt das Volk um den politischen Einzelgänger Hohmann. Weil die Leute seiner Heimat den katholischen Fundamentalisten von der CDU ungerecht behandelt sehen. Von denen da oben. Und weil sie glauben, dass er recht hat, mit dem was er sagt: über Gott, über Homosexualität, über die Juden, über die Kirche. "Die Religion", sagt Hohmann, "ist die Quelle ungeheuerer Freude, ungeheurer Kraft".

Solche Glaubensbekenntnisse kommen hier an. Alfred Dregger, der schwarze Sheriff, holte in Fulda einst um die 40 Prozent. Sein Nachfolger Hohmann hatte 14 Punkte mehr geholt. Und so herrschte am Sonntagabend Erleichterung, dass der charismatische Abweichler nochmal ausgebremst werden konnte. Hohmann weitere vier Jahre in Berlin? Das hielten die Funktionsträger für fatal. Hohmann hätte irgendwo ganz hinten gesessen. Isoliert und ohne einen Platz in einem Ausschuss. Der Wahlkreis hätte "null Durchschlagskraft in Berlin", sagt CDU-Chef Kramer.

Hohmann kam nur für eine kurze Stippvisite in den Kreistag, die Zentrale der Stimmenauszählung. Für ihn gab es hier nichts mehr viel zu holen. Als er gegangen war, sagte Kramer: "Wir sind froh, dass hier wieder Normalität eingetreten ist."



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