Rechtsextreme Aussteiger "Ich bin gerne das Verräterschwein!"

Was tun, wenn der Sohn rechtsradikale Parolen nachbetet? Oder die Tante ihre Kinder zu Nazis erzieht? Wenn Verwandte im braunen Sumpf stecken, sind Angehörige oft überfordert. Die Initiative EXIT Deutschland startet jetzt die erste Familienhilfe, die Aussteigern helfen soll.

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Berlin - "Ich bin gerne das Verräterschwein", sagt Tanja Privenau und verschränkt die Arme vor der Brust. Eine weiße Pudelmütze hängt ihr tief in die Stirn, ihre Augen sind hinter einer großen Sonnenbrille verborgen. Ihre Vermummung ist kein Akt gesteigerter Theatralik, sondern Selbstschutz. Ihre Identität soll geheim bleiben, zum Schutz gegen ihre Verfolger.

NPD-Anhänger in Leinefelde: Die Familie ist in vielen Fällen Zentrum der Auseinandersetzung.
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NPD-Anhänger in Leinefelde: Die Familie ist in vielen Fällen Zentrum der Auseinandersetzung.

20 Jahre war Tanja Privenau in der rechten Szene tätig, zuletzt hatte sie guten Kontakt zur NPD, zu deren Vorsitzenden Udo Voigt, zu deren Fraktionschefs Udo Pastörs und Holger Apfel. Im Jahr 2005 schaffte sie den Ausstieg aus der Szene. Mit mehreren Kindern tauchte sie unter, ließ Eltern und Ehemann allein in der Szene zurück.

Rechtsextremismus ist für die meisten Menschen ein Problem, das "irgendwo da draußen" stattfindet, über das man sich aus sicherer Entfernung aufregt. Was aber tun Menschen, wenn Rechtsextremismus plötzlich die eigene Familie erfasst? Wenn die eigenen Kinder im braunen Sumpf zu versinken drohen? Wenn Rechte Kinder in die Welt setzen und diese von Geburt an politisch lenken? Das Problem ist dann auf einmal unheimlich nah.

Eltern sind von Schuldgefühlen zerfressen

EXIT Deutschland, das bekannte Aussteigerprojekt für Rechtsextremisten, widmet sich seit heute in einem gesonderten Projekt gezielt diesem Problem. Ein Netzwerk aus Politologen, Psychologen und Sozialpädagogen soll Familien bei der Auseinandersetzung mit rechtsextremen Verwandten unterstützen. Die Hilfe bezieht sich jedoch nicht ausschließlich auf Rechtsextremismus, sondern auch auf linksextremistische und islamistische Gruppen. Finanzielle Unterstützung für das Projekt kommt unter anderem vom Bundesfamilienministerium.

"Die Familie ist in vielen Fällen Zentrum der Auseinandersetzung bei Rechtsradikalität", sagt Projektkoordinator Dierk Borstel. "Wenn ein Verwandter abdriftet, sind die Angehörigen oft überfordert." Rechtsextreme Tendenzen bei Kindern würden meist entweder als pubertäre Abgrenzung verharmlost, oder die Eltern würden von Schuldgefühlen zerfressen. "Viele haben Angst, irgendeinen Fehler gemacht zu haben, der das Kind radikalisiert", sagt Borstel.

Problematisch seien auch "historisch gewachsene" Familienkonstellationen, bei denen schon die Eltern, teils auch die Großeltern einer rechtsradikalen Ideologie anhingen und diese Überzeugungen nun an ihre eigenen Kinder weitergeben. "Solche Kinder wachsen nicht selten in sektenähnlichen Parallelgesellschaften auf", sagt Borstel. Das Bild des "arischen Übermenschen" werde zur Maxime aller Sitten und Werte, Kontakte mit der Außenwelt führten bei derart indoktrinierten Kindern häufig zu "Schockzuständen".

Tanja Privenau kam aus einer "historisch gewachsenen" Familienkonstellation. Sie hat den Ausstieg geschafft. Jahrelang schwebte sie in Lebensgefahr. "Die Familie weiß genau, wie man tickt, wo man sich verstecken könnte, welche Menschen man um Hilfe bittet", sagt sie. Immer wieder spürten Verfolger sie auf. Privenau erhielt Drohbriefe von ihrem Ex-Mann, musste binnen drei Jahren sechs Mal umziehen. Ihre Kinder habe die rechte Szene noch immer nicht abgeschrieben.

Die wichtigste Stütze für EXIT - echte Aussteiger

Privenau arbeitet inzwischen für die EXIT Familienhilfe - als Beraterin. Das Projekt beschäftigt verstärkt Aussteiger aus dem rechtsradikalen Milieu. "Die Hilfe fußt dadurch auf Insiderkenntnissen und zeigt Rechtsextremisten in persona, dass es ein Leben jenseits ihrer Szene und Ideologie geben kann", sagt Borstel.

EXIT Deutschland, das einzige nicht-staatliche Aussteigerprogramm für Rechtsradikale, existiert seit Sommer 2000. Gegründet wurde die Initiative von dem früheren Neonaziführer Ingo Hasselbach und dem ehemaligen Kriminalbeamten Bernd Wagner. Träger sind die Amadeu Antonio Stiftung und die Freudenberg Stiftung. Nach Angaben Wagners hat EXIT bisher rund 300 Aussteiger aus der rechtsextremen Szene betreut.

"Bei der Betreuung kommt es darauf an, die Leute wachzurütteln", sagt Borstel. "Es geht darum, die Rechtsextremen zum Zweifeln zu bringen. Viele müssen sich selbst zum ersten Mal fragen: Ist das, was ich mache eigentlich richtig? Will ich das?"

Tanja Privenau kennt diese Momente des Zweifelns - sie hatte sie gegen Ende ihrer Neonazi-Karriere immer häufiger. "Ich konnte das alles nicht mehr ertragen", sagt sie. "Ich fühlte mich immer mehr wie der Wolf im Schafspelz." Wenig später scheuchte sie ihren Mann vom Hof, wandte sich an den Bundesgrenzschutz und wurde zum "Verräterschwein". "Und das", sagt Tanja Privenau noch einmal, "habe ich wirklich gern getan."



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