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Neonazi-Strategie: Braune Bio-Kameradschaft

Von Christian Pfaffinger

Öko ist alternativ und links? Nicht nur. Auch Rechtsextreme haben das Thema entdeckt. Sie verkaufen Biogemüse, machen Wahlkampf mit Umweltthemen und vertreiben sogar eine Zeitschrift mit netten Gartentipps - inklusive rechter Ideologie und rassistischer Hetze.

Braune Ökobewegung: Bio von rechts Fotos
DPA

Berlin - Jens Lütke setzt sich gegen Gentechnik und Straßenausbauten ein. Außerdem, sagt er, demonstriert er gegen neue Kraftwerke. Einmal im Jahr hilft er mit beim Umweltaktionstag. "Häufig werde ich dann gefragt, ob ich bei den Grünen bin", sagt er. Aber Jens Lütke ist nicht bei den Grünen, sondern bei der NPD. Er ist deren Spitzenkandidat für die Landtagswahlen in Schleswig-Holstein im Mai.

Wenn Lütke beim Umweltaktionstag Müll sammelt, sieht man ihm nicht an, zu welcher Partei er gehört. "Wir machen die Aktionen nicht mit dem NPD-Transparent daneben", sagt er. Mit seinem Ökoeinsatz ist er in seiner Partei nicht allein. Die NPD macht Umweltschutz regelmäßig zu ihrem Thema. Mit der Ökostrategie will sich die Partei salonfähig machen. Dass hinter diesen Aktionen rechtsextreme Ideologie steht, erkennt man nicht sofort.

Genauso ist es mit einer Umweltzeitschrift, die Rechtsextreme veröffentlichen, ein Magazin mit dem Namen "Umwelt & Aktiv". Nur auf den ersten Blick sieht das Heft aus wie ein normales Ökomagazin. Zumindest bei den Artikeln über Biosprit und Gentechnik, bei den Gartentipps und den Kinderliedern. Doch wer weiterblättert, kommt zu den Seiten über Germanenmythen und heidnische Bräuche. Unter der Rubrik "Heimatschutz" erfährt der Leser in Ausgabe 3/2011, dass das deutsche Volk biologisch und geistig aussterbe, wenn Deutsche sich mit Menschen anderer ethnischer Herkunft fortpflanzen. Auch gegen Religionen hetzt die vermeintliche Ökozeitschrift: Betäubungsloses Schächten von Tieren sei ein barbarischer Brauch der Juden und Muslime. "Damit sich alle Migranten wie zu Hause fühlen", heißt es in der Ausgabe 1/2007, könne man noch andere "religiös begründete Bräuche" wie Genitalverstümmelung, Steinigen und Handabhacken aus dem "Orient" importieren.

Hinter "Umwelt & Aktiv" stehen Rechtsextreme

Das ist üble rechtsextreme Propaganda, wie sie immer wieder in "Umwelt & Aktiv" auftaucht. Die Redaktion bezeichnet sich zwar als "parteipolitisch unabhängig". Sieht man sich aber an, wer "Umwelt & Aktiv" macht, wird das sehr fragwürdig. Im Impressum der Zeitschrift steht der Verein "Midgard e.V."; als Vorstände des Vereins sind am Amtsgericht Landshut unter anderem Christoph Hofer und Berthild Haese eingetragen. Beide haben eine Verbindung zur NPD - wie auch einige der Autoren:

  • Vorsitzender des Vereins und Herausgeber von "Umwelt & Aktiv" ist Christoph Hofer: Er war NPD-Bezirkschef in Niederbayern und Vorsitzender im Kreis Rottal-Inn.
  • Schriftführerin des Vereins und leitende Redakteurin ist Berthild Haese: Ihr Mann Peter Haese war Vorsitzender der NPD in Niederbayern und kandidiert regelmäßig für die Partei, zuletzt bei der Bundestagswahl 2009.
  • Redaktionsmitglieder kommunizierten intern auch über NPD-Mailadressen, zum Beispiel über die von Peter Haese oder die Info-Adresse der niederbayerischen NPD. Das belegen interne Dokumente, die durch Nazi-Leaks veröffentlicht wurden.
  • NPD-Kader wie der stellvertretende bayerische Landesvorsitzende Sascha Roßmüller oder die NPD-Aktivistin Bettina Rauch zählen zu den Autoren. Roßmüller schreibt zum Beispiel über Atomkraft (Ausgabe 3/2007), Rauch beispielsweise über das moderne Frauenbild (Ausgabe 3/2010) .
  • Einige Passagen wurden in der ersten Ausgabe aus dem Jahr 2007 fast wörtlich aus dem Parteiprogramm der NPD abgeschrieben. "Umwelt & Aktiv" zitiert: "Deutsche Landschaften sind Kulturlandschaften. Deshalb kann Umweltschutz grundsätzlich nicht getrennt von der kulturellen Entwicklung betrachtet werden." So beginnt das NPD-Umweltprogramm.
  • Anzeigen werben für Bücher aus dem NPD-Verlag "Deutsche Stimme", zum Beispiel die Schrift "Rasse, Evolution und Verhalten - Eine Theorie der Entwicklungsgeschichte".

Rechtsradikale Ökos auch in Mecklenburg-Vorpommern

Mit "Umwelt & Aktiv" hat die rechtsextreme Ökoszene in Bayern einen Schwerpunkt. Aber auch in anderen Bundesländern formieren sich rechtsextreme Öko-Kameraden. Besonders aktiv im Umweltschutz ist die NPD in Mecklenburg-Vorpommern. Schon 2007 gab es dort Schlagzeilen, weil ein Landwirt die Initiative für eine "Gentechnikfreie Region Nebel/Krakow am See" anführte, der NPD-Mitglied war. Der Landtagsabgeordnete und stellvertretende NPD-Bundesvorsitzende Udo Pastörs setzt sich in der Region für Naturschutz ein.

Aber auch abseits der Partei gibt es in Mecklenburg-Vorpommern rechtsextreme Ökos. Im Raum Güstrow und Teterow siedeln schon seit den neunziger Jahren Landwirte, die die Tradition der Artamanen wiederbeleben wollen - einer völkischen Bauernbewegung aus den zwanziger Jahren, die eine Blut-und-Boden-Ideologie verfolgte.

Mittlerweile hätten sich die Siedler auch in anderen Gebieten Mecklenburg-Vorpommerns ausgebreitet, sagt eine Expertin der NPD-kritischen "Arbeitsgemeinschaft Völkische Siedler" in Mecklenburg-Vorpommern. Meist schotteten sie sich nicht ab, sondern nähmen aktiv am Dorfleben teil und engagierten sich in Schulen und Kindertagesstätten. Viele produzieren und vertreiben auch Bioprodukte, so die Expertin.

NPD macht mit Umweltschutz Wahlkampf

In der NPD will man schon länger mit Ökothemen die Unterstützung der Wähler gewinnen. Bereits 1973 erwähnte die Partei deshalb in ihrem "Düsseldorfer Programm" Umweltschutz als Beitrag zur Volksgesundheit. Aber erst mit der Professionalisierung der Partei in den vergangenen Jahren wurde das Thema immer präsenter.

In ihrem aktuellen Parteiprogramm lehnt die NPD Gentechnik und industrielle Massentierhaltung ab, sie fordert Geld für alternative Energien und eine nationale Selbstversorgung mit landwirtschaftlichen Produkten. Bauern sollen wieder mehr unterstützt werden.

In Mecklenburg-Vorpommern ließen die Rechtsextremen bereits Plakate mit dem Slogan "Umweltschutz = Heimatschutz" drucken. Und auch Jens Lütke will zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein mit Umweltthemen für die NPD werben, obwohl die Kritik am Euro sein Schwerpunkt im Wahlkampf sei. Trotzdem sei ihm das Ökothema wichtig: "Wir wollen grüne Themen nicht den Grünen überlassen."

Die Zeitschrift "Umwelt & Aktiv" liefert auf der letzten Seite der ersten Ausgabe Anfang 2007 die Parole der neuen Strategie. Da steht groß: "Umweltschutz ist nicht Grün".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Nichts Neues
SozLib 03.04.2012
Zitat von sysopDPAÖko ist alternativ und links? Nicht nur. Auch Rechtsextreme haben das Thema entdeckt. Sie verkaufen Bio-Gemüse, machen Wahlkampf mit Umweltthemen und vertreiben sogar eine Zeitschrift mit netten Gartentipps - inklusive rechter Ideologie und rassistischer Hetze. Neonazi-Strategie: Braune Bio-Kameradschaft - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,814893,00.html)
Das ist nun wirklich nichts neues. In den Anfangszeiten der Grünen bestanden sie in vielen ländlicheren Regionen zu 80% aus Menschen mit nationalem Einschlag bis zu Ultrarechten. Erst ganz allmählich hat sich auch auf dem flachen Land die eher linke Fraktion durchgesetzt. Ideologisch passt Rechts und ökologisch perfekt zusammen. Vom Schutz der Juchtenkäfer zum Heimatsschutz ist nur ein winziger Schritt. Das ist nur leider ganz vielen nicht bewusst.
2. Fakt oder nicht Fakt?
Hubatz 03.04.2012
Zitat von sysopDPAÖko ist alternativ und links? Nicht nur. Auch Rechtsextreme haben das Thema entdeckt. Sie verkaufen Bio-Gemüse, machen Wahlkampf mit Umweltthemen und vertreiben sogar eine Zeitschrift mit netten Gartentipps - inklusive rechter Ideologie und rassistischer Hetze. Neonazi-Strategie: Braune Bio-Kameradschaft - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,814893,00.html)
Fakt oder nicht Fakt? Will man hier den Rechten Umweltschutz zum Vorwurf machen? Und jetzt sag mir keiner, das es deshalb verwerflich ist, weil Parteipropaganda dahinter steckt: das können andere Parteien nämlich "besser".
3. Nix Neues
stefanth 03.04.2012
Die ÖDP gibts doch schon seit Jahrzehnten.
4.
Sackaboner 03.04.2012
Zitat von sysopDPAÖko ist alternativ und links? Nicht nur. Auch Rechtsextreme haben das Thema entdeckt. Sie verkaufen Bio-Gemüse, machen Wahlkampf mit Umweltthemen und vertreiben sogar eine Zeitschrift mit netten Gartentipps - inklusive rechter Ideologie und rassistischer Hetze. Neonazi-Strategie: Braune Bio-Kameradschaft - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,814893,00.html)
Was denn noch alles? Demnächst findet ein SPON-Redakteur heraus, dass Rechtsextreme Schriften von Marx, Engels und Lenin verbreiten, alles nur zur Tarnung versteht sich. Und dass die LINKE in Wirklichkeit alles getarnte Nazis sind. Nur der Anwalt Mahler habe damals sein wahres Gesicht gezeigt und seine linke Tarnkappe abgenommen. Also wie hier in SPON Naziphantomen hinterhergejagt wird, das ist schon fast ein Fall für die Psychiatrie.
5.
henning_treskow_44 03.04.2012
Die Nazis lassen aber auch gar nichts unversucht. Dabei handelte es sich schlichtweg um Gauner und Kleinkriminelle, wenn sie nicht auch noch im Besitz von großkalibrigen Waffen wären. Wie gestern zu lesen war hat der Massenmörder aus Olso/Norwegen Dokumente gefälscht und damit eine halbe Million Euro verdient. Das mitteldeutsche Nazi-Mördertrio hat (neben den schrecklichen Bluttaten) Banken überfallen und damit Menschen traumatisiert. Im Südharz wurde zuletzt eine braune Zelle aus dem Zwickauer Dunstkreis ausgehoben, die mit Briefkastenfirmen die Unfallkassen (lohnnebenkostenfinanziert) geprellt haben. Wenn die NPD nochmal behauptet, sie schaffe ein besseres, weil gerechteres und ehrlicheres Deutschland, hier sind ein paar Argumente dagegen.
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