Rechtsextreme Erziehung Kindheit am rechten Rand

Kinderbücher aus der NS-Zeit, Puzzle mit den Grenzen von 1937, Ferien mit Volksgenossen: Im rechtsextremen Milieu gedeiht hinter bürgerlichen Fassaden eine ideologische Erziehungskultur. Der Nachwuchs wird zum politischen Instrument, warnen Experten.

Von und Andrea Röpke

Andrea Röpke

Es geht in die Sommerferien. Für manche Kinder aus Neonazi-Familien bedeutet das: Die Eltern haben vorgesorgt, die Freizeit wird in den vermeintlichen Dienst für Volk und Vaterland gestellt. Nationale Erziehung abseits des Mainstreams ist das Ziel.

Auf dem Programm der braunen Erlebniswelt kann neben Zeltlagern oder Überlebenstraining auch ein gemeinsamer Reiterurlaub mit den Kindern von Kameraden stehen. Die bundesweite Neonazi-Szene widmet sich zunehmend auch der ideologienahen Ferien- und Freizeitgestaltung ihrer Familien.

Und mancherorts gibt es sogar Rabatt: So lockt ein Verein mit Vergünstigungen die Kinder der "Kameraden" auf einen Reiterhof bei Ahrensfelde in Brandenburg. Eine E-Mail, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, versprach im Mai dieses Jahres eine Woche Reitfreizeit mit Lagerfeuer und Nachtwanderungen für nur 150 Euro. Inklusive war die Aufteilung der Kinder nach Reitkenntnissen und "Weltanschauung". Auf Anfrage wollte sich der Betreiber dazu nicht äußern. Ebenso wie das heimelige Pferdeparadies gehört auch die Ferienwohnung in der Sächsischen Schweiz zum nationalen Angebot. Die Vermieterin, selbst NPD-Politikerin, warb selbstbewusst mit dem Slogan "21,1 Prozent für die NPD - hier macht man Urlaub" im NPD-Blatt "Deutsche Stimme", etwa im August 2010.

Und das "Niederschlesische Feriendorf" in der Oberlausitz bietet mit seinen 42 einfach eingerichteten Bungalows und dem Campingplatz direkt am Quitzdorfer See viel Platz und Ungestörtheit - auch für Neonazi-Familien. "Jeder ist mir willkommen, der sich benehmen kann und der gerne in dieser Gegend Urlaub machen will", teilt Änne Redeker von der Betreiberfamilie auf Anfrage mit. Bei der Anmeldung würden die Gäste "niemals nach ihrer politischen Einstellung befragt".

Pfingsten wollten sich im dazugehörigen Feriendorf Finnhütte wieder einmal viele ehemalige Erzieher der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) mit ihren jugendlichen Schützlingen zum abgelegenen "Großlager" auf dem Gelände treffen. Die Organisation wurde 2009 wegen ihrer aggressiv-kämpferischen Grundhaltung gegen die Verfassung verboten. Ihre Anhänger machen heimlich weiter. Die Polizei unterband das Ferienvorhaben, auch anreisende Kinder wurden fortgeschickt. Andere "nationale" Familien feierten derweil in zwei nahen Ferienhütten. Weder Feriendorfbetreiber noch andere Touristen schienen sich an der auffälligen Kleidung mancher Familienväter zu stören. Auf deren Shirts standen Parolen wie "Todesstrafe für Kinderschänder" oder "Nationaler Sozialist". Die Betreiber wollen davon nichts mitbekommen haben.

Brauner Kinderdrill

Je selbstbewusster die selbsternannte "NS-Bewegung" in den vergangenen Jahren hierzulande geworden ist, desto mehr wird der familiäre Nachwuchs instrumentalisiert. Mehrere tausend Kinder von Neonazis wachsen nach Schätzungen von Ermittlern mit Waffen, Gewalt, Hausdurchsuchungen, Nazi-Devotionalien, Liedern von Hitlerjugend und Waffen-SS sowie Götzen-Verehrung des "Dritten Reichs" auf. Ungefragt werden sie Teil einer eingeschworenen "Kampfgemeinschaft", die sich hinter einer bürgerlichen Fassade verbirgt.

Nicht nur ihre Eltern nehmen massiv Einfluss - oft sind es auch radikale Organisationen wie die mittlerweile verbotene Heimattreue Deutsche Jugend oder deren Nachfolgestrukturen. Kinder rechtsextremistischer Eltern wachsen im kameradschaftlichen Kollektiv auf. Väter und Mütter setzten auf "Volkstänze, Kinderfeste und die scheinbare Geborgenheit in Szenejugendlagern", schreibt der brandenburgische Verfassungsschutz in seinem jüngsten Bericht, der sich explizit der Problematik "Kinder im Visier brandenburgischer Rechtsextremisten" widmet.

Die Folgen der Indoktrination scheinen grotesk: Ein Aussteiger berichtete SPIEGEL ONLINE, ein neunjähriges Mädchen aus Niedersachsen habe im Kreise von Erwachsenen aus Hitlers "Mein Kampf" zitiert, um den Vater stolz zu machen. Ein Foto vom Rechtsrockfestival "Fest der Völker" im thüringischen Pößneck im Jahr 2009 zeigt ein blondgelocktes Kleinkind mit der "28" auf dem kleinen Pullover, dem Code des in Deutschland verbotenen Neonazi-Netzwerks "Blood & Honour".

In der selbsternannten "nationalen Dorfgemeinschaft" Jamel, einer winzigen braunen Scholle in Mecklenburg-Vorpommern, treten Jung und Alt für das Gruppenbild im einheitlichen Shirt mit der Aufschrift "Jamel - Gau Mecklenburg" vor die Kamera. Im Januar 2011 waren in dem berüchtigten Dorf beim Oberhaupt der Neonazi-Clique eine funktionsfähige Maschinenpistole mit 200 Schuss Munition und Hehlerware beschlagnahmt worden.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 135 Beiträge
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Seite 1
HerrPausB 21.07.2011
1. Und die Schulen?
...was passiert denn JETZT SCHON mit Kindern aus solchen Verhältnissen an den Schulen, wo die Kleinen zwangsläufig ja irgendwann auftauchen? Gibt's da Berichte? Die braun durchgebrannten Eltern müssten doch eigentlich schier wahnsinnig werden, wenn es an den Grund- und weitterführenden Schulen auch nur halbwegs ok zuginge. Würde mich sehr interessieren.
dijan1601 21.07.2011
2. das geht ja garnicht...
Kinder & Jugendliche sollen _richtig_ auf die Zukunft vorbereitet werden. Kurse in türkisch und albanisch und dazu Religionsunterricht im Islam. Dazu noch das "Blicksenken" üben ,um unsere migrantösen Mitbürger nicht zu provozieren. Dann noch ein Kurs in "Tarnen und Täuschen - oder wie verkleide ich mich als Moslem " um in der Zukunft nicht aufzufallen.
jimknopf107 21.07.2011
3. Im Westen nichts Neues
Ein Problem, das man nicht verschweigen sollte. Gleichzeitig rührt der Autor dabei aber in alt bekanntem und übersieht dabei gleich 2 weiere, m.E. wesentlich dramatischere Entwicklungen: Die Ausbreitung der Parallelgeselschaft der (zudem oft illegalen) Einwanderer und der damit verbundenen Gefahr der Ausbreitung mafiöser Strukturen (wie man es in Norddeutschland derzeit bereits erlebt), und der politischen Vorerziehung der Kinder im lins-autnomen Rand (auch hier sprechen die dramatisch steigenden Zahlen in der Kriminalitätsstatistik für sich und haben z.B. die der Rechtsextremen längst an Zahl und Intensität übertroffen).
henrytheeighth 21.07.2011
4. Eltern
Zitat von sysopKinderbücher aus der NS-Zeit, Puzzle mit den Grenzen von 1937, Ferien mit Volksgenossen: Im rechtsextremen Milieu gedeiht hinter bürgerlichen Fassaden eine ideologische Erziehungskultur. Der Nachwuchs wird zum politischen Instrument, warnen Experten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,771031,00.html
Und wie ist das in linksextremen Haushalten? Oder in grünen Haushalten? Und in Unternehmerhaushalten? Und in konservativen Haushalten? Am besten wir nehmen allen die Kinder weg und stecken sie in gleichförmige Erziehungsanstalten. Dann kann ja nichts mehr passieren. Eltern tragen die Verantwortung für ihre Kinder im guten, wie im schlechten. So war das immer uns so wird es immer bleiben.
spiegelmaus 21.07.2011
5. dumm
Zitat von sysopKinderbücher aus der NS-Zeit, Puzzle mit den Grenzen von 1937, Ferien mit Volksgenossen: Im rechtsextremen Milieu gedeiht hinter bürgerlichen Fassaden eine ideologische Erziehungskultur. Der Nachwuchs wird zum politischen Instrument, warnen Experten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,771031,00.html
Unbedingt jetzt noch mehr Gelder für den Kampf gegen Rechts. Ich glaube, über die Strukturen der linksautonomen Szene hat der SPIEGEL noch nie berichtet. Hauptsache immer wieder die selbe alte Mottenkiste aufmachen. Nach dem SPON-Artikel müsste die NPD ja bei 20 Prozent bei allen Abstimmungen liegen. Wovon will SPON mit dieser dümmlichen Berichterstattung eigentlich ablenken?
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