Rechtsextreme Internetforen: Die kruden Zwickau-Theorien der Netz-Nazis

Von Peter Seybold und

Der Fall der Zwickauer Terrorzelle wird immer komplexer - für viele Rechtsextreme ist die Sache dagegen ganz einfach: Der Verfassungsschutz habe die Braune Armee Fraktion erfunden. In Internetforen tauschen Neonazis wilde Verschwörungstheorien aus - und drohen mit noch mehr Gewalt.

Rechtsextremes Forum "Thiazi": Unheimliche Diskussion über die Terrorzelle Zur Großansicht

Rechtsextremes Forum "Thiazi": Unheimliche Diskussion über die Terrorzelle

Berlin - Homosexuelle Menschen sind eine unnatürliche "Abart", die Grünen-Politikerin Claudia Roth ist eine "Türkenbraut", der Holocaust hat nie stattgefunden: Wer sich in rechtsextremen Foren umsieht, trifft auf schauerliche Theorien. Viele Rechtsextreme und Neonazis tauschen im Internet ihre kruden Weltbilder aus.

Auch der Fall der Zwickauer Terrorzelle wird auf einschlägigen Seiten wie "Thiazi" und "Altermedia" intensiv diskutiert. Der überwiegende, krude Tenor: Nicht Rechtsextreme seien für die Morde verantwortlich, die Taten gingen vielmehr auf eine Verschwörung und eine Inszenierung des Verfassungsschutzes zurück. Die drei Zwickauer Terroristen seien entweder V-Leute, die aus "dem Ruder gelaufen" seien und "aus dem Weg" mussten - oder der Verfassungsschutz habe die Terrorakte gleich direkt gesteuert. So solle ein neues NPD-Verbotsverfahren in Gang gebracht werden, mutmaßt etwa der Nutzer "Son of Hamdelli" in einem der Foren. Die Morde seien "Stasi-Terror", meint "Hander". Jetzt gehe die Hetze gegen die Rechte weiter, bilanziert ein anderer.

Vor allem auf "Thiazi", der mit rund 20.000 Mitgliedern wohl größten und prominentesten rechtsextremen Plattform im Internet, läuft das Forum heiß. Mehr als 50 Seiten hat das Thema "Heilbronner Polizistenmord" inzwischen. Viele Benutzer lassen an ihrer Gesinnung keinen Zweifel. So unterstreichen manche User ihre Weltanschauung symbolisch, indem sie ihr Profil mit einer Aufnahme von SS-Mann Reinhard Heydrich oder einem an den NS-Reichsadler erinnernden Foto garnieren - oder "Blut und Boden" als ihre Religion angeben.

Entsprechend zynisch werden die Morde an Migranten durch die mutmaßliche Terrorzelle um Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kommentiert. Die Taten seien naturrechtlich betrachtet konsequent, schwadroniert Nutzer "Waldbeere". "Im Falle der türkischen Parallelgesellschaften" handle es sich schließlich "um schwere territoriale Verletzungen gegen das deutsche Gastland". Ein "unbekannter Döner-Türke" sei eigentlich das falsche Ziel, findet dagegen "Triskele". Richter, Staatsanwälte, Polizeichefs und Verfassungsschützer seien doch "viel interessantere Ziele".

Politik und Presse sind beliebte Feindbilder

Und die rechtsextreme Gesinnung der Zwickauer Gruppe? Gab es gar nicht, meinen viele Kommentatoren. Rechtsextreme, gewaltbereite Milieus in Deutschland? Seien kaum vorhanden. Es ist ein schwer zu fassendes Weltbild, das sich bei der Durchsicht der Artikel und Kommentare offenbart. Hohn und Spott ziehen sich durch viele der Hunderte Beiträge. "Wahrscheinlich wird sich in den nächsten Tagen herausstellen: Das Nazi-Trio ist auch für den Atombombenabwurf auf Hiroshima schuld", schreibt einer. Vermeintliche Widersprüche in dem Terrorzellen-Fall werden ausgeschlachtet, die Opfer attackiert. Besonders beliebte Feindbilder sind Politik und Presse. "Kann man nicht eine Sammelklage von nationalen Menschen und Parteien gegen die BRD wegen Rufmord oder Verleumdung machen?", fragt "Thuleorden".

Mehr oder minder offen wird in den Foren sogar zur Gründung neuer Terrororganisationen aufgerufen. Ein anonymer Autor auf "Altermedia" schreibt an die Adresse der "lieben Musterdemokraten und Qualitätsjournalisten": "DAS IST GEWALTBEREITSCHAFT und ihr dürft sicher sein, daß wir uns dafür nicht nur nicht genieren, sondern auch, daß wir es nicht nur bei der bloßen Gewaltbereitschaft belassen werden, wenn sich eine günstige Gelegenheit dazu ergibt, um für jahrzehntelange Beschimpfung, Verleumdung und Repression die längst verdiente Quittung zu geben."

Der unverhohlene Aufruf zur Gewalt gegen Demokraten findet in den Kommentaren unterhalb des Artikels Zustimmung. "Das deutsche Volk muss und wird von seinem natürlichen Widerstandsrecht Gebrauch machen und dass dies zu härtesten Auseinandersetzungen führen wird, sollte klar sein. Dass am Ende Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit für das deutsche Volk als Lohn stehen werden, das sollte Ansporn und Hoffnung zugleich sein", schreibt "Wehrwolf".

Andere Forenmitglieder meinen, sich die Kanzlerin vorknöpfen zu müssen. Angela Merkel hatte die Morde des Zwickauer Trios als "Schande" bezeichnet. "Sie selbst ist eine Schande für Deutschland", schreibt nun ein "Thiazi"-Nutzer namens "von Arx". "Sie gehörte doch auch zu den Stasi-Spionen und Spitzeln und soll sich jetzt bloß nicht so aufplustern. So als VS-Mitarbeiterin hätte sie sich sicher auch gut geeignet."

"Pack deine Koffer, Junge"

Ein anderes Mitglied pflichtet ihm bei: "Die viel größere 'Schande für Deutschland' ist ja wohl unser absolut verkommener Polit-Adel mit dieser mißgestaltigen Trulla als Gallionsfigur und die unüberschaubare Masse von Vollidioten", schreibt "RobinHood". Beschimpfungen wie diese sind keine Seltenheit in den Foren.

Auch die Politiker, die das Terror-Trio im Visier hatte, werden attackiert. So wird Jerzy Montag, der Münchner Grüne, der seit Jahren gegen den Rechtsextremismus kämpft, wüst beschimpft. "Was muß er doch für ein schlechtes Gewissen haben", giftet "von Arx". "Da kann man nur sagen: 'Pack deine Koffer, Junge. In Polen nehmen sie dich mit offenen Armen auf!'"

Viele Nutzer spekulieren wild über den Ablauf jenes Tages in der vorvergangenen Woche, an dem sich Mundlos und Böhnhardt in ihrem Wohnwagen nach einem Banküberfall in Eisenach selbst töteten. Diesen Ablauf halten viele Nutzer für erfunden. Eine ihrer kruden Gegentheorien geht so: "Die zwei von der BRD-Stasi (VS) geführten Personen sitzen mit ihrem Führungsoffizier zusammen", mutmaßt ein Mitglied namens "Zeitmaschine". "Der Führungsoffizier handelt nach einem schon lange vorbereiteten Plan des VS (oder von Kollegen der CIA?) und tötet die beiden." Nach dem Doppelmord habe der Verfassungsschützer dann einen Brand gelegt - zeitverzögert, damit er noch unauffällig aussteigen und verschwinden könne.

Dieser Verschwörungstheorie schließen sich andere User an - und spinnen sie weiter. Beate Zschäpe habe gefürchtet, ebenfalls vom Verfassungsschutz "umgelegt zu werden", spekuliert "Decker". Sie sei deshalb "aus Angst um ihr Leben zur Polizei" gerannt.

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Forum - Wurde der Rechtsextremismus bisher unterschätzt?
insgesamt 2163 Beiträge
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1. Ja
hoffnungsvoll 12.11.2011
Zitat von sysopNach aktuellen Fahndungsergebnissen geht die Bundesanwaltschaft inzwischen davon aus, dass hinter dem Heilbronner Polizistenmord eine rechtsextreme, terroristische Vereinigung steckt. Wurde dieser Rechtsextremismus bisher unterschätzt?
Menschenverachtung ist Teil jeder rechtsradikalen Idee. Darum muss mit allem gerechnet werden, wenn der Mop sich organisiert. Gewalttaten gehörten immer dazu und werden es auch in Zukunft.
2. Wurde der Rechtsextremismus
wurzelei 12.11.2011
Erst exakt ermitteln, dann bewerten!
3. ach ja
ALG III 12.11.2011
Zitat von sysopNach aktuellen Fahndungsergebnissen geht die Bundesanwaltschaft inzwischen davon aus, dass hinter dem Heilbronner Polizistenmord eine rechtsextreme, terroristische Vereinigung steckt. Wurde dieser Rechtsextremismus bisher unterschätzt?
Den Rechtsextremismus kann man gar nicht unterschätzen. Er stellt immer eine Gefahr für die ganze Gesellschaft dar. Menschen, die rechtsextremem Gedankengut anhängen, kennen kein Pardon und sind zu allem fähig. Magda Goebbels brachte im April 1945 alle ihre blonden Kinder um, weil sie glaubte, daß ein Leben nach dem Dritten Reich sowieso nicht lebenswert sei. Das war natürlich ein Irrtum, wenn man an den dicken Erhardt mit seinen fetten Zigarren denkt. Selbst eingefleischte Nazis hatten unter Adenauer wieder Spaß am Leben. Wenn wir Rechtsextremismus verhindern wollen, dann sollten wir allen menschen einen Mindestlohn bzw. einen auskömmlichen Regelsatz garantieren. Schleichende Armut begünstigt politischen Radikalismus und führt letztlich zu Gewalt. Ich sage nichts Neues. Aber man kann ja hin und wieder an alte Weisheiten erinnern.
4. Hat in Deutschland Tradition
Websingularität 12.11.2011
Zitat von sysopNach aktuellen Fahndungsergebnissen geht die Bundesanwaltschaft inzwischen davon aus, dass hinter dem Heilbronner Polizistenmord eine rechtsextreme, terroristische Vereinigung steckt. Wurde dieser Rechtsextremismus bisher unterschätzt?
Sagen wir es mal so, die Ermittler sind auf dem rechten Auge blind. Ich wette, das rechte Gedankengut findet man in den höchsten Ebenen & Instanzen, Polizeirat, Politik, etc. Selbst in den etablierten Parteien. Randparteien wie NPD sind nur Lockvogel zur draufhauen.
5. Xenophobie gibt es bei Arm und Reich
cycokan 12.11.2011
Zitat von ALG IIIWenn wir Rechtsextremismus verhindern wollen, dann sollten wir allen menschen einen Mindestlohn bzw. einen auskömmlichen Regelsatz garantieren. Schleichende Armut begünstigt politischen Radikalismus und führt letztlich zu Gewalt.
Na, nee. Dass es einen gewissen Zusammenhang gibt, zwischen Radikalismus und sozialer Situation, will ich ja nicht bestreiten. Aber Ausländer aus Rassenhass per Kopfschuss exekutieren und Bomben legen, dass hat ja wohl eine besondere, über politische Radikalität hinausgehende Dimension. Dafür muss man erstens Extremist sein und 2. zusätzlich eine schwere Persönlichkeitsstörung haben. Und so etwas wird, mMn, eher weniger durch Armut angelegt, ich glaube nicht, dass die betreffende 3er Gruppe Unterschichtkinder waren. Und ich glaube auch nicht, dass der latente Fremdenhass, in so mancher Familie, an so manchem Stammtisch, ein Armutsproblem ist. Meine Erfahrung ist eher, dass manche gutsituierte Ober- und Mittelklasse Menschen offen, und noch viel mehr erst nach dem xten Bier, schier unglaublich rücksichtslose fremdenfeindliche Sprüche vom Stapel lassen. Und in jedem Ortsverband der FDP, der CDU, selbst der SPD, gibt es Menschen, die zu gewissen Fragen am liebsten die ganz einfachen Antworten hören wollen und das auch dumm laut verkünden, auch hier, umso mehr, je höher der Alkoholspiegel. Kampagnen gewisser Medien greifen diese latente Stimmung auf und befördern sie zusätzlich. Das es dann bei sozialschwachen dummen Jungs aus strukturschwachen Gebieten besondere Auswüchse gibt, mag sein. Aber das Finanzielle ist nicht der Auslöser. Klar, irgendwo im tiefen Osten auf dem Land, keine Arbeit, die schlauen jungen Männer und alle Frauen haben sich längst in die Städte oder den Westen verabschiedet, übrig geblieben die eher weniger begabte männliche Jugend und ein paar Rentner, da fehlen wichtige soziale Bande und Banden. Vor allem eben keine Freundin, keine eigene Familie, was in aller Regel den Testosteron Haushalt unter Kontrolle hält und Gelegenheit gibt Verantwortung zu tragen und Empathie fördert, genauso aber auch fehlende politische Gegner, die haben sich längst bedroht, aber auch gelangweilt nach Berlin verdrückt und fehlende Ausländer, die gibt es dort ja kaum, als Kontrolleure und Widersacher fehlen. Und der Dorfbulle, der ist oft selbst so ein frustrierter Law and Order Typ, der für die große Karriere offenbar nicht geeignet war, sonst wäre er woanders.
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Fotostrecke
Bekennervideo: Paulchen Panther und Propaganda
Neonazi-Mordserie
9. September 2000 - Enver S.
Das erste Opfer war der Blumenhändler Enver S., 38, aus dem hessischen Schlüchtern. Er stand mit seinem Verkaufswagen am Vormittag des 9. September 2000 an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. S. vertrat einen Kollegen, der an diesem Tag Urlaub genommen hatte. Am Nachmittag fand man S. im Transporter, von Kugeln durchsiebt.
13. Juni 2001 - Abdurrahim Ö.
Neun Monate später starb Abdurrahim Ö. Der geschiedene 49-Jährige, der in Nürnberg-Steinbühl wohnte, war Schneider, seit vielen Jahren in Deutschland. Tagsüber stand er bei Siemens am Band, abends besserte er für ein paar Euro Kleider aus. Am Nachmittag des 13. Juni 2001 hörten Nachbarn einen Streit, angeblich waren zwei osteuropäisch wirkende Männer bei Ö. Wenig später lag dieser tot auf dem fleckigen PVC-Boden hinter dem Schaufenster, mit zwei Kugeln im Kopf.
27. Juni 2001 - Süleyman T.
Süleyman T., 31, wurde nur wenige Tage später, am 27. Juni 2001, von seinem Vater gefunden. Der Obst- und Gemüsehändler arbeitete im eigenen Laden in Hamburg-Bahrenfeld. Kurz hintereinander hatte man ihm mit zwei Waffen - eine war die Ceska - dreimal in den Kopf geschossen.
29. August 2001 - Habil K.
Am 29. August 2001 starb Habil K. durch zwei Kopfschüsse in seinem Gemüsegeschäft in München-Ramersdorf. Passanten glauben, sie hätten einen ausländisch aussehenden Mann mit Schnurrbart weglaufen und in ein dunkles Auto steigen sehen. Er wurde nie gefunden.
25. Februar 2004 - Yunus T.
Am Morgen des 25. Februar 2004 bekam der 25-jährige Yunus T. in einem Rostocker Dönerstand Besuch. Wieder war es ein Kopfschuss, wieder aus der Ceska. Bis heute ist unklar, ob T. verwechselt wurde. Er lebte erst seit ein paar Tagen in Rostock und war an diesem Morgen zufällig als Erster an der Bude.
9. Juni 2005 - Ismail Y.
Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Y., 50, mit gezielten Schüssen in seinem Dönerstand an der Scharrerstraße in Nürnberg getötet. Bauarbeiter sahen zwei Männer: Sie stellten ihre Fahrräder direkt vor Y.s Stand ab, gingen hinein, kamen rasch zurück und steckten eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Das Duo wurde nie gefunden.
15. Juni 2005 - Theodorus B.
Am 15. Juni 2005 erschoss ein Unbekannter im Münchner Westend den Griechen Theodorus B., 41, der gerade einen Schlüsseldienst eröffnet hatte.
4. April 2006 - Mehmet K.
Mehmet K., 39, hörte am 4. April 2006 wohl noch die Türglocke seines Kiosks an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße bimmeln, dann fielen die Schüsse.
6. April 2006 - Halit Y.
Bei der vorerst letzten Bluttat in Kassel am 6. April 2006 ging der Killer ein hohes Risiko ein: Er betrat das Internetcafé an der Holländischen Straße, obwohl sich dort mindestens drei Gäste aufhielten. Kurz nach 17 Uhr starb der 21-jährige Halit Y. durch zwei Schüsse aus der Ceska, beide in den Kopf.