Rechtsextreme Online-Hetze Wie Neonazis Jugendliche im Netz ködern

Nie zuvor waren so viele Neonazis im Internet aktiv. Die braune Propaganda in Netzwerken, Blogs und Videoplattformen stellt Jugend- und Verfassungsschützer vor schwere Aufgaben. Zwar können viele Inhalte gelöscht werden - doch oftmals tauchen sie ebenso schnell wieder auf.

Nazi-Demo in Neumünster (Archiv): Rechte werden immer aktiver im Netz
DPA

Nazi-Demo in Neumünster (Archiv): Rechte werden immer aktiver im Netz

Von


Er nennt sich StolzerSoldat88 und macht aus seiner Gesinnung kein Geheimnis. Seine liebste Musik? Landser - eine rechtsextreme Band, deren Sänger 2005 wegen Volksverhetzung verurteilt wurde. Seine Bücher? "Mein Kampf". Seine Freunde? Nutzer, die "Heil" schreiben und "Gruß" mit Doppel-s, eine unter Neonazis beliebte Anspielung auf Hitlers mörderische Schutzstaffel, die SS.

All das ist im Videoportal YouTube zu sehen - und keine Ausnahme im Netz. Bei Facebook kann man sich mit "Heinrich Himmler" anfreunden oder mit "Joseph Goebbels". Wer will, darf auch der "SS" beitreten. All diese Profile existieren mindestens seit mehreren Monaten und wurden bis heute nicht gelöscht.

Nie zuvor gab es so viele rechtsextreme Websites, warnte unlängst Jugendschutz.net, die Zentralstelle der Länder für Jugendschutz. Vor allem deute sich an, dass Neonazis ihre Online-Aktivitäten zunehmend ins Web 2.0 verlagern, auf Seiten wie Facebook und YouTube, die riesige Reichweiten versprechen. "Neonazis missbrauchen die großen Plattformen, um Hassinhalte zu verbreiten, sich zu vernetzen und Jugendliche zu ködern", sagt Stefan Glaser von Jugendschutz.net zu SPIEGEL ONLINE.

Doch wie gefährlich sind die Braunen im Netz wirklich? Nur schwer lässt sich abschätzen, wie groß ihre Wirkung ist. Von einer Unterwanderung könne jedenfalls keine Rede sein, heißt es beim Verfassungsschutz. Das scheint allein durch die Größe der Netzwerke ausgeschlossen. Der Facebook-Goebbels hat 133 Freunde - bei über neun Millionen deutschen Nutzern nicht gerade eine Massenbewegung.

"Die bloße Zahl sagt wenig über die Bedrohung aus", so Buchautor Toralf Staud ("Moderne Nazis"). Entscheidend sei die Professionalität der Propaganda. Und dort haben die Rechtsextremen stark aufgeholt. "Das sind nicht mehr nur die Kinderzimmer-Frickler der vergangenen Jahre", warnt Staud.

Die Rechtsextremen geben sich im Netz oft harmlos

Schnelle Videos, bunte Grafiken, aktuelle Blogs, all das gehört längst zum Standardprogramm von Neonazis im Internet. Auf den ersten Blick geben sie sich oft harmlos - und zwar ganz bewusst. "Neonazis laufen häufig ins Leere, wenn sie offen radikal auftreten", sagt Staud. "Sie versuchen stattdessen, mit nur scheinbar harmlosen Fragen gezielt das Interesse von Jugendlichen zu wecken und hoffen auf eine Art Türöffner-Effekt." Eine gute Aufklärung sei daher besonders wichtig. Jugendschützer Glaser kennt das Phänomen: "In vielen Fällen ist der Kontext nicht sofort erkennbar und die Gefahr groß, rechtsextremen Rattenfängern auf den Leim zu gehen."

An diesem Punkt muss man unterscheiden: Zwischen den dumpfen Parolen einzelner User wie StolzerSoldat88 und den unterschwelligen Rekrutierungsversuchen rechtsextremer Menschenfänger.

Letztere nutzen das Internet immer besser, eine Strategie ist durchaus zu erkennen: Die NPD gab in der März-Ausgabe ihrer Parteizeitung "Deutsche Stimme" Anweisungen für das erfolgreiche Nutzen von Kontaktportalen, der Landesverband Sachsen sprach erst kürzlich von einer "Netz-Offensive". Ihre neue "Schulhof-CD" stellte die NPD zuerst im Internet zum Download bereit. Auch eine Facebook-Seite hat die Partei - obwohl Hunderttausende dagegen protestierten. "Rechtsextreme waren immer vorne mit dabei, wenn es um neue Medien ging", sagt Staud.

Schmähgesänge statt Schnulzen

Fest steht: Auf den großen Online-Plattformen lassen sich die rechtsextremen Beiträge kaum kontrollieren. Hetze tarnen die Neonazis oft mit Tricksereien. So wird auch ein Video von Juliane Werding missbraucht: Während die deutsche Sängerin am Klavier zu sehen ist, sind Schmähgesänge statt Schnulzen zu hören. Und es werden immer mehr: 2007 erfassten die Jugendschützer nur 750 Beiträge, zwei Jahre später waren es bereits über 6000. Die Dunkelziffer liegt deutlich höher. "Wenn wir weiter recherchieren würden, da bin ich mir sicher, läge die Zahl im zweistelligen Tausenderbereich", sagt Glaser.

Die staatlichen Kontrolleure sind machtlos. Solange keine strafbaren Inhalte veröffentlicht werden, haben sie keine Handhabe. Dann kann auch der Verfassungsschutz nur eines tun: beobachten. Und das ist in den Tiefen des Internets eine gewaltige Aufgabe.

Gelöscht werden müssen die rechtsextremistischen Beiträge von den Betreibern der Online-Plattformen. Um so viele Nazi-Inhalte wie möglich zu entfernen, spricht Jugendschutz.net die Betreiber direkt an. Obwohl die Jugendschützer nach eigener Auskunft mit rund 80 Prozent ihrer Hinweise Erfolg haben, steigt die Menge der braunen Beiträge weiter. Dass gelöschte Videos oder Profile unter einem neuen Namen leicht wieder hochgeladen werden können, macht die Arbeit nicht einfacher.

"Facebook, YouTube und Co. müssen mehr personelle und technische Ressourcen einsetzen, um Hassinhalte nachhaltig und länderübergreifend von ihren Plattformen zu verbannen", sagt Glaser. Diese Forderung ist nicht neu. Dennoch geht es nur zäh voran. Vor allem auf ausländischen Servern, über die ein Großteil der strafbaren Inhalte geliefert wird, bleiben noch zu viele rechtsextremistische Beiträge online - trotz Hinweisen an die Betreiber.

Auf nationaler Ebene kann die zentrale Jugendschutzstelle deutlich mehr Erfolge verbuchen. Erst vor kurzem, so Glaser, habe die Plattform MyVideo mehr als hundert Videos rechtsextremer Bands entfernt.

Die schlechte Nachricht: Auch dort finden sich immer noch mehr als genug.



insgesamt 49 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tbax 13.09.2010
1. Es reicht.
Zitat von sysopNie zuvor waren so viele Neonazis im Internet aktiv. Die braune Propaganda in Netzwerken, Blogs und Videoplattformen stellt Jugend- und Verfassungsschützer vor schwere Aufgaben. Zwar können viele Inhalte gelöscht werden - doch oftmals tauchen sie ebenso schnell wieder auf. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,715340,00.html
Mir würde es schon ausreichen, wenn diese Leute nicht mehr die normalen Foren wie hier belästigen würden. Bleibt aber nur ein Wunschtraum. Denn wenn man keine Bestätigung im Leben hat und nun wirklich garnichts zu sagen hat im Sinne von Entscheidungsbefugnissen, geht man halt in die virtuelle Welt. Und legt mit der Lügerei und Übertreiberei los.
Spon-Urmel 13.09.2010
2. rechtschreibreform
"Nutzer, die "Heil" schreiben und "Gruß" mit Doppel-s, eine unter Neonazis beliebte Anspielung auf Hitlers mörderische Schutzstaffel, die SS." Na, Ich glaube die falsche Schreibweise rührt doch eher daher, dass viele Menschen immernoch nicht begriffen haben, dass in der neuen Rechtschreibreform das ß nicht durchgängig durch ein ss ersetzt wird. Aber trotzdem eine sehr nette, phantasievolle Interpretation.
Jinen 13.09.2010
3. linksrechtslinksrechts
Zitat von sysopNie zuvor waren so viele Neonazis im Internet aktiv. Die braune Propaganda in Netzwerken, Blogs und Videoplattformen stellt Jugend- und Verfassungsschützer vor schwere Aufgaben. Zwar können viele Inhalte gelöscht werden - doch oftmals tauchen sie ebenso schnell wieder auf. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,715340,00.html
Die beste Antwort auf "schlechte Sprache" ist "gute Sprache", nicht Verbote und Martyrtum.
Erboster Bürger 13.09.2010
4. Imho
---Zitat--- ...Nutzer, die "Heil" schreiben und "Gruß" mit Doppel-s... ---Zitatende--- Das das Eszett ein deutsches Sonderzeichen ist, und damit nicht von jedem Zeichensatz/Client unterstützt wird, sollte hier nicht unerwähnt bleiben. Ebenfalls wird es nicht bei jedem Tastaturlayout angeboten. Also bitte nicht pauschalisieren lieber Autor!
dertester 13.09.2010
5. Selbsttest
Als letztes Mal bei SPON über die Aktivitäten von Rechtsradikalen in sozialen Netzen berichtet wurde, habe ich einen Selbsttest gemacht. Ich wollte herausfinden, ob es wirklich stimmt, dass auf Facebook "rekrutiert" wird. Dazu habe ich mir einen neuen Email-Account besorgt, der Zahlen- und Buchstabenkombinationen enthält, die auf "rechte Gesinnung" hinweisen. Mit diesem dann ein frisches Facebookkonto eröffnet und einigen "rechten" Gruppen beigetreten. "Mein" Alter, Geschlecht, Interessen etc. habe ich dabei so gewählt, dass ich mich selbst als rechts und äußerst "rekrutierungswillig" einschätzen würden. Das Ergebnis meines Sebsttestes war mehr als ernüchternd: Außer ein paar "Farm Ville" Einladungen und Freundschaftseinladungen kam aber nichts weiter. Ich wurde der "Freund" von jedem, der mich darum bat. Nachdem sie erstmal in meiner Freundschaftsliste waren, hat mich aber keiner angesprochen oder sich sonst um mich gekümmert. Ziemlich öde. Da ich so anscheinend nicht weiter kam, habe ich noch ein paar Mitglieder von rechten Gruppen Freundschaftsanfragen geschickt. Diese wurden dann zu einem Teil meine "Freunde". Bis auf eine Nachricht, ob wir uns denn kennen würden, herrschte aber auch Funkstille. Der Test läuft jetzt ca. 3 Monate und es ist noch nichts "spannendes" (keine Anfrage, ob ich einer Kameradschaft beitreten will oder sonstiges) passiert, weshalb ich die Panikmache in dem Artikel um angebliche Rekrutierungen nicht nachvollziehen kann. Evtl. habe ich bei "meinen" Angaben im Profil auch zu stark übertrieben, so dass ich "zu gut" aussah, um wahr zu sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.