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Rechtsextremen-Hochburg: "Die Leute müssen endlich aufwachen"

Von , Reinhardtsdorf-Schöna

Die demokratischen Parteien sind geschockt: Flächendeckend zieht die NPD in Sachsen in die Kreistage ein - das gab es noch nie in der Bundesrepublik. Hochburg der braunen Truppe ist Reinhardtsdorf-Schöna. Besuch in einem Dorf, in dem jeder Vierte rechtsextrem wählt.

Olaf Ehrlich macht einen ziemlich erschöpften Eindruck: Aus müden Augen blinzelt er von der Terrasse seiner Gaststätte "Zirkelstein" in die Sonne. Die Arme vor dem grünen Polo-Shirt mit dem Logo des Gasthofes verschränkt zuckt er mit den Schultern, pustet ein wenig Luft in den Schnauzer. "Das hätt' ich auch nicht gedacht, dass das noch mal so kommt", sagt er.

Es klingt nach Resignation - auch wenn der Bürgermeister von Reinhardtsdorf-Schöna nichts davon wissen will.

25,2 Prozent für die NPD: Es ist ein Déjà-vu-Erlebnis für Ehrlich und die Bürger seines kleinen Dorfes in der Sächsischen Schweiz, nahe der tschechischen Grenze. Schon vor vier Jahren, bei der letzten Kommunalwahl, holte die rechtsextreme Partei in der 1600-Seelen-Gemeinde 26 Prozent. Bei der Landtagswahl waren es nur ein paar Punkte weniger, bei der Europawahl 18, bei der Bundestagswahl mehr als 14 Prozent.

Nun also hat wieder jeder Vierte in Reinhardtsdorf-Schöna, in dieser dörflichen Postkartenidylle an der Elbe, braun gewählt. Nur die Freie Wählergemeinschaft, aus der auch Bürgermeister Ehrlich kommt, lag noch hauchdünn vorn. CDU, Linke, FDP - alle ließ die rechtsextreme Partei hinter sich. SPD und Grüne finden hier ohnehin so gut wie nicht statt.

Reinhardtsdorf-Schöna ist im Freistaat Sachsen die Hochburg der NPD, die nun in allen Kreistagen der nach der Gebietreform neu gebildeten zehn Landkreise sitzt - eine Premiere für ein deutsches Bundesland. 40 Mandate dürften es am Ende sein. Landesweit konnte die Partei ihren Stimmenanteil der letzten Kommunalwahl vervierfachen, im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge erreichten die Rechtsradikalen 7,8 Prozent - gleichauf mit den Sozialdemokraten.

Alles schon einmal dagewesen also in Reinhardtsdorf-Schöna. Wieder landen die Hass-E-Mails im Postfach der Gemeindeverwaltung, "im Viertelstundentakt", sagt Ehrlich. "Dankesschreiben" von angeblichen NPD-Anhängern - oder wüste Beschimpfungen: "Verreckt in Eurem braunen Nest", in dieser Art. Wieder kommen die Reporter und wollen von der Gemeindespitze, von den Menschen im Ort wissen: Wie kann so etwas sein?

Die meisten sind genervt. Von den Fragen. Und natürlich auch von der NPD, wie sich die meisten beeilen hinterherzuschicken. "Ach, was weiß denn ich", sagt die alte Frau, die am Stock gebückt die schmale, bürgersteiglose Hauptstraße entlangtippelt. "Ich habe den Krieg erlebt, ich wähle so was bestimmt nicht."

Hundert Meter die Straße runter liegt ein kleiner Laden, Mini-Supermarkt, Metzgerei, Bäckerei und Poststelle in einem. Freundlich grüßt die junge Verkäuferin, doch beim Stichwort NPD verschwindet das Lächeln aus ihrem Gesicht: "Nichts mehr" will sie zu diesem Thema sagen. "Morgen heißt es wieder, wir sind alle rechtsradikal, das kennen wir ja schon", sagt ein grauhaariger Mann in Feinrippunterhemd und kurzer Jeans, der vom Gartentor einer Wandergruppe hinterherblickt. Die Erinnerung an die Schlagzeilen aus dem Jahr 2004 ist noch frisch. "Wir haben bisher keinen Nazi gesehen", scherzt einer der Wanderer. Im Gehen blickt er noch einmal zurück: "Schlimm ist das."

Reinhardtsdorf-Schöna lebt vom Fremdenverkehr, überall weisen kleine Schilder zu den Pensionen und Ferienwohnungen, die sich rechts und links der Straße durch die beiden Ortsteile an den Hang schmiegen. Der Ruf vom "braunen Nest" kann da nur schaden. Noch kommen die Touristen: "Belegt" ist ziemlich oft an den schmucken Häusern zu lesen. Auch Mario Viehrig hat bisher keine Probleme, seine Urlaubsappartements vollzukriegen, sagt Bürgermeister Ehrlich.

Auf dem T-Shirt steht "Fit fürs Reich"

Mario Viehrig ist einer der beiden Namen, die im Ort für die NPD stehen. Viehrig, Jahrgang 1964, wechselte von der aus der Wendezeit hervorgegangenen freien "Wählervereinigung '94" zu den Rechtsextremisten, sitzt für sie seit 2004 im Gemeinderat. In einem Bericht der Amadeu Antonio Stiftung aus dem vergangenen Jahr heißt es, dass der Informatiker zu den Ratssitzungen gern mit seiner Kappe der Marke "Lonsdale" komme. Mit dem Schriftzug "Fit fürs Reich" auf dem T-Shirt erschien er schon mal zum Feuerwehrfest, erinnert sich der Bürgermeister.

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Als früherer Vorsitzender des Heimatvereins Schöna ist Viehrig wie auch sein NPD-Kamerad Michael Jacobi fest in der Dorfgemeinschaft verwurzelt. Jacobi, der zweite rechtsextreme Gemeinderat, ist Klempner, hat als Handwerker im Dorf einen guten Ruf. "Der hat wahrscheinlich bei 80 Prozent der Leute hier die Heizung eingebaut", sagt Ehrlich.

Wie auf Bestellung fährt ein Transporter mit der Aufschrift "Heizungsbau Jacobi" an der Gaststätte "Zirkelstein" vorbei. Am Steuer sitzt nicht der Unternehmer, Ehrlich winkt kurz. "Es ist eben ein bisschen schwierig auf dem Dorf", sagt er dann und erzählt von der alten Frau, die ihm gegenüber unlängst klagte: "Aber wenn ich den nicht wähle, dann repariert der vielleicht meine Heizung nicht mehr."

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Reinhardtsdorf-Schöna: Stramm rechts


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