Rechtsextremismus Der Tod, der nicht vergehen will

Vor sechs Jahren wurde in Halberstadt Helmut Sackers von einem Nachbarn erstochen, der regelmäßig rechtsradikale Musik hörte. Der Täter wurde freigesprochen. Die Lebensgefährtin des Opfers leidet bis heute - an den Folgen der Tat, am Verhalten der Justiz.  

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Halberstadt – Es klingt wie eine Entschuldigung, wenn Heide Dannenberg sagt, dass sie nach ihrem Besuch auf dem Friedhof noch nach Bonn fahren wird. Freunde haben sie in den Westen eingeladen, zu einer kleinen Feier. Die 51-Jährige aus Halberstadt in Sachsen-Anhalt findet das eigentlich sehr unpassend, sie zögerte und musste überredet werden. Ihr Lebensgefährte sei ein lebensbejahender Mensch gewesen, "er hätte das wahrscheinlich auch so gewollt", sagt sie. In den Jahren zuvor hat sie sich an diesem Tag immer freigenommen, sie wollte dann nicht arbeiten.

Heide Dannenberg: "Man weiß nicht, wohin"
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Heide Dannenberg: "Man weiß nicht, wohin"

In der Wohnung, in die sie nach dem Tod von Helmut Sackers gezogen ist, hängen viele Fotos von ihr und ihrem Freund. Die beiden auf Lanzarote, in Holland, an der Ostsee, Arm in Arm, sie kannten sich seit zehn Jahren.

Helmut Sackers ist am 29. April 2000 gestorben, erstochen von seinem Nachbarn Andreas S., der regelmäßig rechtsradikale Musik hörte. Die Tat liegt jetzt sechs Jahre zurück und es fällt Heide Dannenberg auch heute noch schwer, darüber zu sprechen. Sie hat lange Tabletten genommen, aber was hilft schon gegen den Schmerz des Verlusts nach dem gewaltsamen Tod des Partners?

Sie hat damals jeden Tag im Gerichtssaal gesessen. Die Sprache von Juristen kann sehr nüchtern sein und trotzdem die Gefühle von Menschen verletzen. Oder gerade deswegen. Ein Freispruch wird dann aus der Sicht von Betroffenen zu einer Zumutung. Der Fall des Helmut Sackers zog sich jahrelang hin, weil seine Familie in Berufung ging. Erst 2005 schloss das Gericht die Akte. Im Urteilsspruch des Landgerichts Halle hieß es:

Der Täter müsse "auf Grund einer besonders intensiven, gesteigerten Gemütsbewegung und -erregung gehandelt" und "zumindest mitursächlich durch ein solches Ausmaß der Angst zu Handlungen hingerissen worden sein, die das Maß des Erforderlichen überschreiten". Andreas S., der Täter, wurde zum zweiten Mal freigesprochen, die Familie des Opfers fand dieses Mal nicht mehr die Kraft, in Revision zu gehen.

Das "Maß des Erforderlichen" war am 29. April 2000 so weit überschritten, dass Helmut Sackers sterben muss. Um kurz nach 23 Uhr, tödlich verletzt durch vier Messerstiche von Andreas S.. Sie treffen den Rentner in Brust, Magen und am Unterschenkel. Ein Stich öffnet die große Körperschlagader, der 60-Jährige verblutet im Treppenhaus des Halberstädter Plattenbaus in der Wolfsburger Straße 48, wo er mit Heide Dannenberg im fünften Stock wohnt.

81 CDs mit rechter Musik

Helmut Sackers wollte keine Nazi-Musik hören, nicht das Horst-Wessel-Lied, das an diesem Abend in der Wohnung von Andreas S. im sechsten Stock gespielt wird. So laut, dass es durch das Treppenhaus schallt und auch ein Stockwerk tiefer bei Heide Dannenberg und Helmut Sackers zu hören ist. Die Polizei findet in der Wohnung von Andreas S. später 81 CDs mit rechter Musik, die Titel wie "Das Reich kommt wieder", "Holocaust 2000" und "Im Zeichen des Blutes" tragen, dazu rechtsradikale Schriften. Andreas S. hört diese Musik öfter, und im Rahmen einer Feier, so hält es das Gericht in Halle fest, kommt es in seiner Wohnung auch schon einmal zu lautstarken Rufen wie "Sieg heil! Und für Führer, Volk und Vaterland".

Ihr Freund habe Zivilcourage bewiesen, als er gegen die rechte Musik einschritt, sagt Heide Dannenberg. Aber wenn sie die Gerichtsurteile sehe, das erste in Magdeburg und das in Halle, zu dem es gekommen war, nachdem der Bundesgerichtshof den ersten Richterspruch wegen eines Verfahrensfehlers aufgehoben hatte, dann kann sie es heute noch nicht fassen. "Da fehlt nur noch, dass gesagt wird, Helmut sei selbst schuld." Ihrem Freund sei durch die Urteile die "Menschenwürde genommen worden".

Man darf das jetzt nicht falsch verstehen, es geht Heide Dannenberg nicht um dumpfe Rachegefühle gegen Andreas S., für den die Staatsanwaltschaft sechseinhalb Jahre Haft gefordert hatte. Heide Dannenberg hat ihn, so ist es im Urteil zu lesen, nicht einmal "einseitig negativ" dargestellt und zum Beispiel in der Verhandlung gesagt, dass sich Andreas S. bei ihr "nach der schon länger zurückliegenden Belästigung wegen 'Sieg heil!'-Ausrufen bei ihr entschuldigt" habe.

Andreas S. hat sich vor Gericht anders verhalten. Er hat "die Rolle des Geschädigten Sackers zum Teil negativ aufgebauscht", urteilten die Richter. Sie wiesen ihm und seiner damaligen Verlobten auch Widersprüche und falsche Angaben nach. "Widerlegt ist die Einlassung des Angeklagten…", heißt es dann etwa oder "der Angeklagte verschwieg…", "der Angeklagte hat diese Faustschläge in seiner Einlassung ausgelassen".

Es hätten sich "einige Zweifel an der Tatschilderung des Angeklagten ergeben", fasst das Gericht zusammen, aber man habe nicht widerlegen können, "dass er während der angeklagten Geschehnisse starke, panische Furcht empfunden habe". Deshalb sei im Zweifel zugunsten von Andreas S. zu entscheiden.

Demnach hat sich am 29. April 2000 Folgendes in der Wolfsburger Straße 48 in Halberstadt ereignet: Am Abend hört Helmut Sackers die dröhnende Nazi-Musik aus der sechsten Etage und ruft die Polizei. Im Beisein zweier Beamter droht er Andreas S. mit einer Anzeige, sollte er "noch einmal Nazi-Musik" abspielen. Dann geht er zurück in seine Wohnung.

Im Lauf des Abends treffen die beiden Nachbarn noch einmal im Treppenhaus aufeinander, als Sackers mit seinem Hund spazieren gehen will. Er droht wieder mit einer Anzeige, Andreas S. ist darüber sehr verärgert und sagt, sein Nachbar sei "wohl Kommunist". Mit seiner Verlobten läuft Andreas S. die Treppe hinab, um sich draußen von einem Freund zu verabschieden.

Das Paar geht zurück in das Haus, Sackers folgt, drückt "die Haustür von außen mit Wucht auf" und trifft mit der Tür Andreas S., der zusammensackt. Sackers packt seinen Nachbarn, schleudert ihn gegen die Wand und drängt ihn Richtung Kellertreppe. Andreas S. versetzt Sackers zwei Fausthiebe in Gesicht, Sackers lässt nicht von Andreas S. ab. Der fürchtet, dass Sackers "ihn die Treppe hinunterstoßen" will, greift nach seinem Messer in der Jackeninnentasche und sticht viermal zu.

Möglich sei auch ein anderer Ablauf, so das Gericht. So sei denkbar, dass Andreas S. "zustach, ohne die oben beschriebene panische Furcht zu empfinden", aber die Kammer habe sich nicht "mit der für eine Verurteilung erforderlichen Gewissheit davon überzeugen" können.

Andreas S. wird freigesprochen, das Gericht wertet die Tat als einen "intensiven Notwehrexzess". Andreas S. war selbst Anfang der neunziger Jahre, als er der örtlichen Skinheadszene angehörte, durch einen Messerstich lebensgefährlich verletzt worden. Er litt unter einer "posttraumatischen Belastungsstörung", die zu Angstzuständen führte, so das Gericht, das psychiatrische Sachverständige herangezogen hatte. Die Auseinandersetzung mit seinem Nachbarn habe Andreas S. durchaus als Todesbedrohung wahrnehmen können. Deshalb sei in diesem Fall die Überschreitung der Notwehrgrenzen entschuldigt.

"Ganz stinknormale Sachen"

Heide Dannenberg hat sich, abgesehen von Freunden und Verwandten, lange allein gefühlt, später kümmerte sich der Verein "Miteinander" um sie. "Man weiß nicht wohin, niemand hilft einem." Vielleicht hätte sich nach dem tragischen Tod ihres Freundes ein Verantwortlicher Halberstadts bei der Therapeutin für Hörgeschädigte melden können, der Fall war in der Stadt ja bekannt, es wäre ein Zeichen gewesen. Aber es meldete sich niemand. Vielleicht hätte die damalige Nachbarin, die sich gegenüber Heide Dannenberg über die rechten Tendenzen von Andreas S. äußerte, ihre Worte vor einem TV-Reporter wiederholen können. Aber als der seine Kamera einschaltete, wollte sie davon nichts mehr wissen.

Es werde jetzt nach dem brutalen Überfall in Potsdam auf Ermyas M. wieder viel über Zivilcourage geredet, fast im selben Atemzug jedoch der rechtsextremistische Hintergrund der Tat in Frage gestellt, sagt Heide Dannenberg: "Aber geht es zunächst darum und nicht vielmehr um den Schmerz und die Hilflosigkeit der Opfer und Betroffenen?"

Andreas S. habe sich niemals entschuldigt, sagt Heide Dannenberg. Manchmal begegnet sie ihm. Es ist ja keine große Stadt, es sind nur ein paar Straßen, die die beiden voneinander trennen. Er trage jetzt nicht mehr wie früher Springerstiefel und Militärhosen, sondern "ganz stinknormale Sachen". Er weiche ihr dann nicht aus und grinse einfach.



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