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Rechtsextremismus in Sachsen-Anhalt: "Ich darf ihn noch nicht mal Mörder nennen"

Von Tobias Schreiter, Halle

Sie versuchen Wunden zu heilen, die der Rechtsextremismus aufgerissen hat: Die "Mobile Beratung für Opfer rechter Gewalt" ist seit sechs Jahren in Sachsen-Anhalt aktiv. Ihr Arbeitspensum wird größer, denn die Zahl der Opfer steigt.

Halle/Halberstadt - Sie tragen Handschellen. Hätten sie diese doch schon am Morgen des 6. Januar getragen. Damals sollen sie - drei Männer und eine Frau im Alter von 21 bis 27 Jahren - Molotowcocktails in eine Asylbewerberunterkunft geworfen haben. Die drei Bewohner, die aus afrikanischen Staaten kommen, konnten sich retten. Es hätte ein zweites Mölln werden können. Oder ein zweites Solingen. In diesen westdeutschen Städten starben Ausländer im Feuer - gelegt von Neonazis.

Der Saal im Landgericht ist klein. Zu klein für diesen Prozess. Die vier Angeklagten und ihre Anwälte quetschen sich auf viel zu kurze, schwarze Holzbänke. Ein Verteidiger beklagt sich über die Enge, geschmacklos sei das. Auch ein Anwalt der Männer aus Afrika, die als Nebenkläger ebenfalls in den Saal gedrückt wurden, rügt die Sitzordnung. Torsten Hahnel sitzt in der dritten Reihe im Publikum, schüttelt verständnislos den Kopf: "Irgendwie symbolisch. Die wussten doch, dass es voll wird."

Hahnel ist Projektleiter der "Mobilen Beratung für Opfer rechter Gewalt" (MOB). Mit seinen Mitarbeitern betreut er die drei Afrikaner. Sie helfen vielen in einem Bundesland, in dem es zu viele Opfer gibt. Angriffe gegen Menschen, die nicht in das Weltbild Rechtsextremer passen, sind Alltag in Sachsen-Anhalt. Alltagswahnsinn. Und Organisationen wie die MOB haben mit viel Gegenwind zu kämpfen: Wind vom rechten Rand. Aber auch aus der Mitte der Behörden weht es manchmal kühl. Noch immer ist die Finanzierung für die zweite Jahreshälfte nicht gesichert: keine verbindliche Zusage aus dem Familienministerium, nur mündliche Beschwichtigungen.

"Rechte Hegemonie"

Drei Stunden nach dem Prozessauftakt sitzt Hahnel in einem Raum der MOB in Halle, es ist hell, eine freundliche Atmosphäre. Ständig klingelt das Telefon. Hahnel vermittelt Anwälte und Psychologen, vereinbart Ersttermine mit "neuen" Opfern. Im Nebenraum sitzt eine MOB-Mitarbeiterin mit einem Anwalt und einem Mann aus Westafrika - er wurde zusammengeschlagen.

178 Fälle rechter Gewalt mit 269 Betroffenen hat Hahnel für das Jahr 2006 dokumentiert. Die Zahl steigt seit 2002 kontinuierlich. Sachsen-Anhalt ist das Bundesland mit den meisten rechten Gewalttaten pro 100.000 Einwohner - trockene Zahlen, hinter denen sich Schicksale, Schmerzen, Sorgen, Ängste verbergen. Hahnel spricht von einer "rechten Hegemonie" in vielen Orten Sachsen-Anhalts. Ausländer und "Nicht-Rechte" müssten ständig damit rechnen, angegriffen zu werden.

Steffen, 30, ist ein "Nicht-Rechter" und ein "Voll-Linker". Der kräftige Mann gehört zum Antifa-Umfeld in Halle und wird systematisch verfolgt. Er sitzt vor dem Bahnhof in Halle an einer Pizza-Bude - mit Blick auf das Geschehen auf dem Vorplatz. Seine Augen wandern unruhig umher. Zwischendurch entdeckt er ein Mitglied der Jungen Nationaldemokraten (JN) der NPD-Jugendorganisation. Steffen ist wachsam. Es sollen Leute aus dem Umfeld der JN sein, die ihn seit April mehrmals angegriffen haben. Deswegen hat sich Steffen an die MOB gewandt.

Drohungen und Angriffe

Mitte April attackierten ihn zehn Personen am Bahnhof von Halle. Sie drohten ihm, mittags, mitten im Menschengewühl. Einer drückte Steffen einen Unterarm an den Hals, presste ihn an den Zug, aus dem er gerade ausgestiegen war. Steffen trug Blutergüsse davon, eine Videokamera des Bahnhofs zeichnete den Überfall auf - bald soll es zum Prozess kommen. Ende April lauerten Neonazis Steffen und zwei Freunden in der Innenstadt auf: Sie schlugen ihnen mit den Fäusten ins Gesicht, traten ihnen in den Unterleib. Wochen später, an seinem Geburtstag, erhielt er einen Drohanruf.

"Seit zwei, drei Jahren sind die Rechten in Halle extrem stark geworden. JN, Kameradschaften und Fußball-Hooligans kooperieren", sagt Hahnel. Er sei zwar vorsichtiger geworden, will aber seinen Stil nicht ändern: "Man darf nicht einknicken." Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift "Schöne Ferien ohne Nazis".

Steffen hat Thorsten Hahnel seine Geschichte erzählt. "Er hat sich erstmal alles angehört und mir dann gesagt, was ich machen kann", sagt Steffen. "Die Opfer sind oft erstmal allein. Wir zeigen ihnen, dass überhaupt jemand für sie da ist", sagt Hahnel. Die MOB arbeitet seit sechs Jahren in Sachsen-Anhalt, hat Niederlassungen in Magdeburg, Halle, Salzwedel und Halberstadt.

In Halberstadt verprügelten Rechtsextreme am 9. Juni Mitglieder eines Theaterensembles. "Wenn so etwas passiert, recherchieren wir, versuchen Kontakt zu bekommen und fahren raus zu den Opfern", sagt Hahnel. Er war vor Ort und hat sich um die Schauspieler gekümmert. "In Halberstadt ist von Seiten der Polizei wieder einmal ziemlich viel schief gelaufen", sagt er. Unter anderem hatten Beamte am Tatort einen vorbestraften Verdächtigen, der sich noch in er Nähe aufhielt und von den Opfern des Überfalls erkannt wurde, zunächst laufen lassen.

"Es muss sich doch mal was ändern"

Heide Dannenberg wohnt in Halberstadt. Mit Ricki, ihrem zwölfjährigen Hund. Der Münsterländer hat alles gesehen, hat gesehen wie sein damals 60-jähriges Herrchen Helmut Sackers niedergestochen wurde und verblutete. "Manchmal wünsche ich mir, dass Ricki sprechen würde", sagt Heide Dannenberg. Am 29. April 2000 saßen sie und ihr Lebensgefährte in ihrer Wohnung in der fünften Etage. Aus dem sechsten Stock erklang Nazi-Musik. "Mein Lebensgefährte hat das Horst-Wessels-Lied erkannt", sagt die heute 52-Jährige. Er rief die Polizei und drohte den Krachmachern mit einer Anzeige. Wenig später führte er den Hund aus - und wurde im Hausflur erstochen. "Die Polizei hat mich in dieser Nacht allein gelassen. Zum Glück kam mein Sohn irgendwann", sagt Dannenberg.

Sie verliert nicht nur ihren Lebensgefährten, sondern bald auch ihren Glauben an die Gesellschaft, an Gerechtigkeit und Zivilcourage. Ein halbes Jahr nach der Tat wird der Messerstecher freigesprochen. Ungereimtheiten bleiben, Lügen der Zeugen aus dem Umfeld des Messerstechers werden entlarvt. Am Ende retten ihn sieben Buchstaben: Notwehr.

Der Messerstecher wohnt noch in Halberstadt, Heide Dannenberg sieht in ab und zu: "Ich darf ihn noch nicht mal Mörder nennen, dann könnte er mich anzeigen", sagt sie. Sie muss schlucken bei diesem Satz, die Stimme wird dünn: "Damals war ich fast am Ende, doch dann kam die Mobile Opferberatung."

Man hörte ihr zu, suchte Anwälte für Revisionen, sammelte Spenden für die Anwaltskosten, zeigte Perspektiven, half beim Umzug. Es entsteht eine bis heute währende Freundschaft zu Hahnels Vorgängerin Heike Kleffner. Die Revisionen gingen verloren, doch der Glaube an die Gesellschaft kam zurück. "So viele Leute haben Solidarität gezeigt. Das hat mir neue Kraft gegeben."

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