Rechtsextremismus Schulskandal um Nazi-Parole schockiert Sachsen-Anhalt

Zu "gegenseitiger Hilfe und Toleranz" will die Sekundarschule Parey ihre Schüler erziehen. Davon war gestern auf dem Schulhof nichts zu spüren: Drei Jugendliche zwangen einen 16-Jährigen, ein Schild vor sich herzutragen. Aufschrift: "Ich bin im Ort das größte Schwein, ich lass mich nur mit Juden ein".


Hamburg/Parey - Es ist eine merkwürdige Selbstbeschreibung von Pädagogen, vielleicht soll sie auch einfach witzig sein: "An dieser Schule ärgern sich zur Zeit 26 Lehrer mit 300 Schülern rum", heißt es auf der Internet-Seite der Sekundarschule Parey in Sachsen-Anhalt.

Auf der Seite wird auch über Lern- und Unterrichtsziele informiert, man wolle den Schülern "die Fähigkeit zu gegenseitiger Hilfe und Toleranz" und "Konfliktfähigkeit" vermitteln, aber seit gestern wirkt der flapsige Passus über die sich herumärgernden Lehrer besonders deplatziert. Das, was sich auf dem Schulhof ereignete, war kein dummer Schülerstreich - sondern ein besorgniserregender Fall von Rechtsextremismus.

Schüler zwangen einen 16-Jährigen, ein Schild mit folgender Aufschrift vor sich herzutragen: "Ich bin am Ort das größte Schwein, ich lass mich nur mit Juden ein." Es ist ein rechtsextremistischer Spruch, der im Nazi-Jargon Bezug auf das dunkelste Kapitel Deutschlands nimmt. In der Nazi-Zeit wurden oft Frauen, die eine Beziehung zu Juden hatten, gezwungen, ein solches Schild zu tragen.

Polizeiangaben zufolge stehen drei Jugendliche im Alter von 15 und 16 Jahren unter Tatverdacht. Gegen sie wird jetzt zunächst wegen Verdachts der Nötigung ermittelt. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob noch weitere Straftatbestände in Frage kommen. Ein Lehrer hatte den Vorfall bemerkt und die Polizei alarmiert.

Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Hövelmann nannte die öffentliche Demütigung des Schülers einen "abstoßenden Vorgang". In diesem Stil hätten "NSDAP und SA Menschen nach ihrer Machtübernahme 1933 öffentlich gedemütigt", sagte der SPD-Politiker und kündigte eine intensive Aufklärung durch die Polizei an. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer erklärte: "Dieser Vorfall ist in mehrfacher Hinsicht erschütternd", so Böhmer am Freitag. "Das Zitat stammt aus einer Zeit, die nicht einmal mehr die Eltern dieser Jugendlichen selbst miterlebt haben werden. Es stellt sich also die Frage, welches Gedankengut in der Familie oder in dem Umfeld dieser Jugendlichen vorherrscht. Des weiteren muss man zur Kenntnis nehmen, wie leichtfertig mit Berichten aus der Nazi-Zeit unter Jugendlichen umgegangen wird, denen selbst offenbar jede moralische Kritikfähigkeit abgeht", so der CDU-Politiker.

Armin Friedrichs, Leiter des Polizeireviers Jerichower Land, sagte, dass er so etwas in seiner Laufbahn "noch nicht erlebt" habe.

Der Vorfall in Parey wirft nicht nur ein Licht auf die zunehmende Gewalt unter Schülern, sondern vor allem auf das Problem des sich ausbreitenden Rechtsextremismus besonders in den ostdeutschen Ländern.

Rechtsextremismus nimmt in Sachsen-Anhalt dem Landesverfassungsschutzbericht zufolge immer bedrohlichere Ausmaße an. Bei der Vorstellung des Berichts vor wenigen Monaten zeigte sich Hövelmann alarmiert. In der Gesellschaft gebe es eine "schleichende Akzeptanz" für rechtsextreme Einstellungen.

Dem Bericht zufolge nahm das "rechtsextremistische Personenpotential" 2005 zu, ebenso kam es zu einem Anstieg bei der "Anzahl der politisch motivierten Straftaten im Bereich des Rechtsextremismus". Den aktuellen Verfassungsschutzberichten der Länder zufolge war das Risiko, im Jahr 2005 Opfer einer rassistischen Gewalttat zu werden, in Sachsen-Anhalt zwölfmal so hoch wie in Hessen.

hen/sev/dpa/ddp/AP



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