Rechtsextremismus-Studie Demokratiefrust bereitet Nährboden für Neonazis

Ausländerfeindlichkeit, Angst vor Ausgrenzung, Politikverdrossenheit - ein Blick in die Mitte der Gesellschaft zeigt, wie und wie weit sich rechtsextreme Tendenzen in Deutschland verbreiten. Wissenschaftler warnen in einer neuen Studie: Demokratie ist vielen Bürgern kaum etwas wert.

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Berlin - Ein "Führer", der Deutschland mit starker Hand regiert, wäre durchaus "zum Wohle aller" - glauben 15,4 Prozent der Deutschen. Ausländer kämen nur hierher, um den Sozialstaat auszunutzen - für 36,9 Prozent eine zustimmungsfähige Aussage. Und überhaupt: Deutschland sei "in einem gefährlichen Maß überfremdet" - finden 39,1 Prozent.

Als die Wissenschaftler Elmar Brähler und Oliver Decker im November 2006 ihre Studie zum Rechtsextremismus vorstellten, an der sie im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung gearbeitet hatten, hatten sie alarmierende Ergebnisse mitzuteilen. Erschreckend deutlich offenbarte die repräsentative Umfrage: Rechtsextreme Einstellungen als Randerscheinung abzutun, wird der Wirklichkeit längst nicht mehr gerecht. Die Denkmuster finden sich bei Jung und Alt, in Ost und West, beim NPD-Wähler genauso wie beim selbsternannten Linken.

Jetzt legen die Autoren der Studie in einer Folgeuntersuchung für die Ebert-Stiftung nach - sie haben sich daran gemacht, die Gründe herauszufinden.

Neonazis (2006): "Alarmierende Geringschätzung der Demokratie"
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Neonazis (2006): "Alarmierende Geringschätzung der Demokratie"

Am Vormittag stellten die Forscher vom Institut für Medizinische Psychologie und Soziologie an der Uni Leipzig ihre Erkenntnisse aus zwölf Gruppendiskussionen zwischen Mai 2007 und Januar 2008 mit eben jenen Personen vor, die in der ersten Umfrage rechtsextreme Tendenzen erkennen ließen. "Wir wollten die politischen Aussagen mit den Lebensläufen in Verbindung bringen", sagt Oliver Decker.

Zwar lässt ihre neue Studie "keine Verallgemeinerung im statistischen Sinne" zu. Sie erlaubt aber auf rund 500 Seiten einen "Blick in die Mitte" (Titel der Untersuchung) der deutschen Gesellschaft - wo rechtsextreme Einstellungen nicht selten auf fruchtbaren Boden stoßen. Als zentrale Ergebnisse ihrer Interviews nennen die Leipziger Forscher:

  • Mit "besorgniserregender Selbstverständlichkeit" lassen Gesprächsteilnehmer ausländerfeindlichen Ressentiments freien Lauf. Die Abneigung gegen alles, was vermeintlich fremd ist, wird in den Diskussionen schnell zum Gruppenkonsens.
  • Viele Menschen empfinden einen hohen Druck, sich einer gefühlten gesellschaftlichen Norm anzupassen. Sanktionen gegenüber vermeintlichen Abweichlern werden akzeptiert. Die Folge: Die Ausgrenzung von Ausländern, aber auch sozial Schwächeren wie etwa Arbeitslosen wird gesellschaftsfähig.
  • Mit dem Begriff "Demokratie" können viele nichts anfangen. Die meisten beschränken ihr Demokratieverständnis auf Wahlen - die wiederum finden viele erschreckend unbedeutend. Konsequenz: eine "alarmierende Geringschätzung des demokratischen Systems". Demokratie gilt nur so lange etwas wert, wie sie individuellen Wohlstand garantiert.
  • Wer autoritär denkt oder solches Denken etwa durch Gewaltanwendung im Elternhaus vermittelt bekommt, ist anfällig für rechtsextreme Einstellungen. Andersherum gilt aber auch: Wer sich in andere Menschen hineinfühlen kann, ist für radikale Denkmuster weniger empfänglich.
  • Noch immer spielt die Zeit des Nationalsozialismus eine große Rolle. Der Beschäftigung mit dieser Vergangenheit messen die Autoren eine "Schlüsselposition" zu. Eine inhaltliche und emotionale Auseinandersetzung hemmt rechtsextreme Tendenzen.

Die Anfälligkeit der Menschen für rechtsextreme Gesinnung auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg erklären die Leipziger Forscher mit dem Bild einer "narzisstischen Plombe". So habe das Wirtschaftswunder und der damit rasch einhergehende Wohlstand im Westen des Landes "weder für Nachdenklichkeit noch für Scham Raum und Zeit gelassen".

Immer wenn dann der Wohlstand wie eine Plombe bröckele, "steigen aus dem Hohlraum wieder antidemokratische Traditionen auf", sagt Decker. Ähnlich sei es in Ostdeutschland nach der Wende gewesen, als Hoffnungen enttäuscht wurden.

Um den Kampf gegen Rechtsextremismus anzugehen, sei es wichtig, "den Skandal zu thematisieren, dass es rechtsextreme Einstellungen in diesem Ausmaß in unserer Gesellschaft gibt", forderten die Wissenschaftler in ihrer Studie 2006. Jetzt nimmt das Forschungsteam von der Uni Leipzig Politik und Gesellschaft in die Pflicht und gibt Empfehlungen, an welchen Stellen man ihren Erkenntnissen zufolge im Kampf gegen die braune Gesinnung ansetzen sollte:

  • Die Menschen müssten wieder Demokratie erfahren können: dass sie Hindernisse überwinden und ein Ziel erreichen können - ob in der Politik, im Unternehmen oder in Bildungseinrichtungen.
  • Besonders im Blick muss die Gesellschaft nach Meinung der Wissenschaftler dabei Ausländer oder sozial benachteiligte Menschen haben. Dafür fordern sie "neue Partizipationsformen".
  • Öffentlich-rechtliche Medien müssten ihrer Verpflichtung für einen politischen Bildungsauftrag besser nachkommen. So könnten sie helfen, die vorhandenen Wissendefizite über das demokratische System und die Partizipationsmöglichkeiten auszumerzen.
  • Zur Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit gehöre vor allem die Pflege einer sensiblen Erinnerungskultur: "Dies bedeutet, von Deutschen begangenen Verbrechen anzuerkennen, einen emotionalen Zugang zu Vergangenheit zu eröffnen und die aus der Geschichte erwachsende Verantwortung zu vermitteln", heißt es in den Empfehlungen.

Die Forderungen der Forscher sind freilich abstrakt - um Neonazis den Nährboden entziehen, müssten sie mit Leben gefüllt werden.



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