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Neue Rechtsextremismus-Studie: Wie Neonazis im Netz Nachwuchs ködern

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Rechtsextremisten werben im Web immer aktiver. Die Nazis kapern Hashtags, drehen HipHop-Videos - und spannen selbst Sesamstraßen-Figuren für ihre Zwecke ein.

Rechtsextremisten: Rekrutierung im Netz Fotos

Hamburg - Das Krümelmonster wird von Kindern umringt. Alle wollen sehen, was das blaue Plüschtier aus der Sesamstraße verteilt. Es sind keine Kekse, sondern Flyer mit der Aufschrift "Deutsch? Cool".

Zu sehen ist diese Szene seit November im Internet, in einem Video auf der Webseite "Zukunftsstimmen". Die sieht erst einmal harmlos aus, genau wie das Krümelmonster. Doch an einer anderen Stelle des Films zeigt sich, wer sich in dem Kostüm verbirgt - ein Neonazi, der triumphierend ein Schild mit der Aufschrift "Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage" in die Kamera hält. Dieses wurde aus einer Oberschule im südlichen Brandenburg gestohlen - eine Trophäe für die Rechtsextremisten, die das Motto auf der Tafel als "deutschfeindlich" abtun. Ein Auszug aus der kruden Interneterklärung des Nazi-Krümelmonsters:

"Ihr habt immer nur Kekse für alles Fremde übrig (…) . Aber keine für die Identität und Kultur des deutschen Volkes. So vergiftet ihr Demokraten die deutsche Jugend bereits an den Schulen eures Systems,(...)"

Rechtsextremisten versuchen ihre rassistischen Parolen zu verniedlichen, eben auch mittels beliebter Plüschtiere. Das vereinfacht die Kontaktaufnahme mit jungen Menschen, senkt Hemmschwellen. Die Neonazis setzen dabei verstärkt auf soziale Medien, auch das Krümelmonster postet seine Propaganda-Sprüche auf Twitter.

Am Dienstag hat jugendschutz.net seinen neuen Jahresbericht über rechtsextreme Hetze im Netz veröffentlicht. Die Organisation wurde 1997 von den Bundesländern gegründet und scannt das Internet nach jugendgefährdenden Angeboten. In ihrem Report warnen die Jugendschützer:

"Das Social Web ist für den modernen Rechtsextremismus das wichtigste Mittel, um Jugendliche (...) mit menschenverachtenden Ideologien zu beeinflussen."

Im vergangenen Jahr sichtete das Team von jugendschutz.net allein 5507 rechtsextreme Web-Angebote, davon befanden sich 70 Prozent auf Facebook, YouTube, Twitter, Tumblr und VK.com, einem Netzwerk aus Russland. Die Dunkelziffer des braunen Netzangebots dürfte aber weitaus höher liegen, zumal Hass und Rassismus nicht nur offen, sondern auch immer häufiger scheinbar harmlos daherkommen - eine Strategie der Rechtsextremisten, die mit ihrer Ideologie in der Mitte der Gesellschaft Fuß fassen wollen.

Schon 2011 verkündete die NPD-Zeitung "Deutsche Stimme" unter der Überschrift "Rein ins Netz!": "Der Weltnetz-Aktivismus kann nicht hoch genug eingeschätzt werden." Ganz neue Bevölkerungsschichten könnten angesprochen werden. "Das Internet ermöglicht es uns, Menschen zu erreichen, an die wir auf der Straße nicht herankommen", sagte Andy Knape, Chef der NPD-Jugendorganisation JN, vor Kurzem dem US-Magazin "Rolling Stone". Besonders stolz ist Knape auf ein YouTube-Video, in dem Mitglieder der JN zu Harlem Shake tanzen. Sie halten dazu Pappschilder in die Luft, auf denen "Mehr Sex mit Nazis" oder "Multikulti wegbassen" steht. Über 80.000-mal wurde der Beitrag angeschaut.

Guerillataktik, um Propaganda zu verbreiten

Als Türöffner setzen die Rechtsextremen auch auf Aufreger-Themen. Die Gruppe "Deutschland gegen Kindesmissbrauch" bei Facebook hat inzwischen mehr als 41.100 "Gefällt mir"-Angaben. "Klar ist niemand für Kindesmissbrauch, deshalb liken das viele", sagt Johannes Baldauf, Koordinator des Portals no-nazi.net bei der Amadeu Antonio Stiftung. "Die NPD, die hinter solchen Seiten steckt, versucht so, Zustimmung zu gewinnen - unter dem Motto: Keiner tut was dagegen, aber wir." Die Reichweite sei enorm. Allein im Frühjahr 2013 lud eine Veranstaltungsseite 3,2 Millionen User ein, an einer Aktion gegen Kinderschänder teilzunehmen. Über 761.000 sagten zu.

Auch die Hetze gegen Asylbewerber, Kernthema der Rechtsextremisten, wird modern verpackt - meist geben sie sich als besorgte Privatbürger aus. Auf Seiten wie "Schneeberg wehrt sich", "Nein zum Heim" oder "Asylflut stoppen" wollen sie angeblich über neue Asylbewerberunterkünfte aufklären. 65 dieser Angebote zählt no-nazi.net mittlerweile. "Hier sind oft Akteure der NPD federführend", sagt Baldauf. User, die kommentierten, würden auch zu offen rechtsextremen Gruppen eingeladen - die Grenzen seien fließend.

Immer wieder sind auch Roma und Sinti Ziel rechtsextremen Hasses, sie werden als "Sozialschmarotzer" und "Kriminelle" beschimpft. Dabei benutzen die Neonazis bei Twitter auch Hashtags aus Kampagnen, die sich eigentlich gegen Rassismus wenden wie #schauhin - eine Guerillataktik, um Jugendliche auf sich aufmerksam zu machen.

Nur 67 Prozent der gemeldeten Hass-Beiträge entfernt

Jugendschützer beklagen zudem eine Zunahme von unverhohlen neonazistischen Inhalten. Je anstößiger und poppiger ein Beitrag sei, desto eher verbreite er sich schneeballartig - und auch über rechtsextreme Kreise hinaus, so die Erkenntnis.

Das Posten strafbarer Hass-Beiträge nahm den Statistiken von jugendschutz.net zufolge vor allem im Social Web zu. 2013 waren es 1460 - ein Jahr zuvor waren es noch 310 weniger gewesen. "Wir stoßen mittlerweile regelmäßig auf Darstellungen, in denen Juden, Muslime, Sinti und Roma oder Homosexuelle ohne Umschweife zu Menschen zweiter Klasse degradiert werden", sagt Stefan Glaser, stellvertretender Leiter von jugendschutz.net

Da die Rechtsextremen häufig Server im Ausland benutzen, fühlten sie sich einigermaßen sicher vor Strafverfolgung, heißt es in der Studie. US-Dienste wie Facebook, Twitter und YouTube würden gerade einmal 67 Prozent der gemeldete Beiträge löschen, und auch das kann oft dauern. Der russische Dienst VK habe nur in Einzelfällen, bei besonders drastischen Gewaltdarstellungen, reagiert, so die Kritik von jugendschutz.netz. Auch der US-Dienst Tumblr unternehme zu wenig.

Doch kaum ist ein rechtsextremes Profil oder ein Video verschwunden, tauchen schon die nächsten auf - eine Sisyphusarbeit für die Jugendschützer.

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