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Rechtsextremisten: Neue Kleidung, altes Weltbild

Von Fabian Grabowsky

Früher sahen Nazis aus wie Nazis: Kopf geschoren, Stiefel geschnürt, Gesicht leer. Nazi-Skins gibt es immer noch. Doch viele Rechtsextreme kleiden sich inzwischen wie andere auch: HipHopper, Autonome oder Zimmermänner.

Berlin - NPD-Demonstration in Neubrandenburg. 250 Rechtsextremisten marschieren durch triste Waschbeton-Plattenbauten, vorbei an Balkons mit staunenden Einheimischen und Gegendemonstranten. Äußerlich sind viele Rechtsextremisten von ihren Gegnern kaum zu unterscheiden. Viele von ihnen tragen schwarze Windbreaker, ihre Hosen sind weit und hängen tief, sie tragen Turnschuhe.

Wie bei der NPD-Demo in Neubrandenburg sieht es inzwischen oft aus, wenn Rechtsextremisten marschieren. Längst entsprechen sie nicht mehr dem Bild, das man seit Jahren von ihnen hatte. Heute gilt: Kurzhaarschnitt statt Glatze, Sportjacke statt Bomberjacke, Turnschuhe statt Springerstiefel.

"Viele Rechtsextremisten wollen sich vom Image des gewalttätigen Skinheads lösen", sagt Karl-Georg Ohse vom Mobilen Beratungsteam Mecklenburg-Vorpommern. Sein Brandenburger Kollege Wolfram Hülsemann spricht von einer "großen Heterogenität" der Looks.

Rechtsextremisten haben heute oft scheinbar Unverdächtiges im Kleiderschrank, Outdoor-Kleidung wie von der unbescholtenen norwegischen Seglermarke Helly Hansen, HipHop-Hosen, Leinen- oder Zimmermannskleidung. Traditionelle Lieblingsmarken wie Lonsdale und Fred Perry wehren sich mittlerweile gegen ihre unliebsame Kundschaft - und haben damit ihren Ruf in der Szene beschädigt und außerhalb gerettet. Vor allem aber die ostdeutsche Marke Thor Steinar ist in den letzten Jahren populär geworden.

"Expedition Südwestafrika" im Outdoorlook

Auch Thor-Steinar-Hosen sind weit, die T-Shirts bunt, die Qualität gut. Dass sie ein Lieblingslabel von Rechtsextremen sind, kann niemand erkennen, der es nicht weiß oder nicht genau hinsieht. Aber die Aufdrucke proklamieren Nordisches, wie "Asgard", "Vandalia", oder "Nordland". T-Shirts haben die Aufschriften "Ostafrika Expedition - Heia Safari" oder "Thor Steinar Expedition - Südwestafrika" - beides kann man als Anspielung auf die ehemaligen deutschen Kolonien Ostafrika und Südwestafrika verstehen.

Zu den Vorwürfen, Thor Steinar sei eine Szenemarke, will der Geschäftsführer des Herstellers MediaTex, Uwe Meusel, SPIEGEL ONLINE "keine Auskunft" geben. Dass "Ostafrika" und "Südwestafrika" auf den T-Shirts steht, bedürfe einer "längeren Erklärung". Und zur Erklärung der nordischen Terminologie verweist er auf eine "Legende" auf der Firmen-Homepage.

"Thor Steinar heißt die Reise zum Berge Mitternacht", steht da. An diesem warte "jene reine und klare Quelle der Wahrheit, die aus sich selber trinkt und jeden erfrischt, der sie findet". Ergebnis laut pseudo-esoterischer Thor-Steinar-Lyrik: "Die leuchtende Erkenntnis von der baldigen Rückkehr Deiner ursprünglichen Kraft und Herrlichkeit und Deiner Macht in Ewigkeit."

Rechtsextremisten im Ché-Guevara-Shirt

Auch im Fundus der Linken und Autonomen bedienen sich die Rechtsextremen gerne. Palästinensertücher, Ché-Guevara-T-Shirts oder schwarze Fahnen galten bis vor einigen Jahren als "links". Doch die tragen heute auch deutsche Neonazis. Teile der Szene halten sich für eine "nationale Befreiungsbewegung" und solidarisieren sich mit vermeintlichen Verbündeten in den Palästinensergebieten oder im Irak.

"Sie unterwandern das gesamte Spektrum der Jugendkulturen", sagt Ohse. Oft sind Rechtsextremisten für Außenstehende nicht mehr als solche zu erkennen. Auch nicht für Experten wie Ohse. Und manchmal auch für sich selbst nicht mehr. "Auch für die Szene ist es nicht mehr ganz einfach zu erkennen, wer zu ihr gehört."

Der bunte Schein

Aber nicht alle erkennen hier einen Trend. "Die rechten Cliquen sehen aus wie früher", widerspricht Klaus Farin vom Berlin Archiv der Jugendkulturen. Die rechte Szene sei "eine der konstantesten überhaupt" und immer noch "sehr traditionell" gekleidet. Im Militärlook, der Härte und Männlichkeit signalisiere.

Rechtsextremisten mit Irokesenschnitt oder rechtsextreme Mädchen in Baggypants tauchten vor allem in den vorderen Reihen von Demonstrationszügen auf - wo die Kameras sie filmen. "Das ist ein strategisches Moment", sagt Farin. Die Rechtsextremen täuschten vor, bunt zu sein. Auch dass sie autonome Insignien übernehmen habe nichts mit ideologischen Übereinstimmungen zu tun. Die Motive sind weit banaler, meint Farin. Man wolle die Linken ärgern, indem man ihnen Sprache und Outfit stiehlt. Das sei auch bei Demonstrationen praktisch, weil die Polizei oft nicht wisse, wen sie vor sich habe.

Opportunismus, keine Ausdifferenzierung, meint Farin. Die rechtsextreme Szene werde durch Angst und strikte Regeln zusammengehalten - Abweichungen gerade bei der Kleidung seien nicht erlaubt.

"Man muss sich nicht mehr absetzen"

Ohse und Hülsemann aber bleiben dabei: Die Szene hat in den vergangenen Jahren ein neues Outfit bekommen. Dafür gebe es Gründe. Einer sei die Dominanz der Rechtextremisten. Gerade auf dem Land gebe es bei den weniger gebildeten Jugendlichen einen "fremdenfeindlichen, antidemokratischen Mainstream", sagt Ohse. Sein trauriges Fazit: "Man will sich nicht mehr absetzen - und muss es auch nicht mehr."

Aber auch der Druck, den Schulen und Polizei inzwischen auf die Jugendlichen ausüben, hat sie dazu gebracht, sich nicht mehr als rechtsextrem erkennen zu lassen. Außerdem gibt es auch unter Jüngeren das Bedürfnis, sich von älteren Rechtsextremen optisch abzusetzen.

Vielleicht hat auch die rechtsextreme Jugendsubkultur irgendwann das Problem, das alle erfolgreichen Subkulturen haben: Je mehr Leute dabei sind, je mehr sich die Szene kommerzialisiert und ausdifferenziert, desto mehr Zerreißproben und Konflikte gibt es zwischen den Vertretern den reinen Lehre und vermeintlichen Mitläufern. "Gegen Kiffer, HipHopper und Dönerfresser in unserer Bewegung - ihr seid lächerlich" ist schon jetzt in einem Forumsbeitrag beim Wikinger-Versand zu lesen. "Dass es irgendwann zu einer Spaltung kommt, hoffe ich zumindest", sagt Ohse.

Problem Mimikry

Doch ob das passiert, ist unklar. Bis dahin ist die rechtsextremistische Mimikry ein großes Problem. Wer Rechtsextremisten nicht sofort erkennt, kann sie nicht als solche ansprechen. Beispielsweise, wenn sie sich scheinbar harmlos in Jugendclubs einschleichen.

Denn ihre Einstellung hat sich nicht geändert. "Selbst wenn das Outfit nicht dazu passt", sagt Ohse, "das Denken ist trotzdem rassistisch." Das sieht auch Hülsemann so: "Die Kleidung sagt nichts über das aus, was in den Köpfen passiert." Auch wenn Rechtsradikale "lackiert" daherkämen, seien sie nicht weniger ideologisiert oder gewaltbereit.

"Selbst wenn einige keine Glatzen mehr haben", sagt er, "das heißt noch lange nicht, dass man ihnen als Dunkelhäutiger abends auf einem Dorffest begegnen sollte."

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Neonazi-Mimikry: Turnschuh statt Springerstiefel

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