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Rechtsradikale in Ostdeutschland: Der alltägliche Irrsinn

Von Thomas Datt und Arndt Ginzel

Rechtsextremismus gehört in weiten Teilen Ostdeutschlands zum Alltag. Nur Gewaltexzesse finden noch den Weg in die Schlagzeilen. Doch berichtet wird meist nur über die Täter. Eine Reportage über den Arbeitstag des Dessauer Opferberaters Marko Steckel.

Dessau - Amtsgericht Wittenberg. Im Saal 207 geht es zu wie auf einer Klassenfahrt. Ein Dutzend Jugendlicher sitzt in den Zuschauerbänken. Sie lachen, sie murmeln beifällig und tauschen aufmunternde Blicke mit den Angeklagten aus. Der einzige, der sich die Anspannung anmerken lässt, ist Martin Jante. Der 23-Jährige schildert dem Gericht, wie drei der Beschuldigten ihn am 30. Dezember 2004 im Örtchen Radis krankenhausreif geprügelt und ausgeraubt haben.

Neonazi bei Demo in Dessau (Archiv): Täter werden immer jünger und brutaler
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Neonazi bei Demo in Dessau (Archiv): Täter werden immer jünger und brutaler

Die Prellungen und Blutergüsse sind längst verheilt, doch Angst hat er bis heute. Ein alltäglicher Fall für Marko Steckel von der Beratungsstelle für Opfer rechtsextremer Gewalt in Dessau. Er hat Jante zum Prozess begleitet und ihn seit dem Überfall betreut. Steckel zweifelt nicht am Hintergrund der Tat. Jante ist Jugendsprecher des Wittenberger Kreisverbandes der Linkspartei, die Ansichten seiner Peiniger spiegeln sich in den Symbolen auf den Jacken ihrer angereisten Fans. Einer führt die Zahl 18 für Adolf Hitler mit, ein zweiter, der auch als Zeuge aussagt, die 28 für "Blut und Ehre".

Doch weder Richterin noch Staatsanwältin halten sich mit der Motivsuche auf. Im Wechsel mit den Verteidigern versuchen sie herauszufinden, wie betrunken die Angeklagten an dem Abend waren. Monoton fragt der Gutachter von der Universität Halle jeden Zeugen: "Hatten Sie den Eindruck, dass die Angeklagten unsicher standen, als sie zutraten?" Das will keiner beurteilen können, obwohl sich die vier Freunde der Beschuldigten beim Beschreiben des Alkoholkonsums überbieten. Zwölf Flaschen "Brauner" sollen es am Ende auf der Geburtstagsfeier einer 15-Jährigen gewesen sein. Von dort brach das Trio mit dem Auto zum Tatort auf, gelegentliche Kotzpausen eingeschlossen.

Der Gutachter zieht trocken ein vorläufiges Fazit: Mehr als eine leichte Alkoholisierung lasse sich nicht feststellen. Die Verhandlung wird vertagt. Beim Zusammenpacken sagt die Staatsanwältin: "Es gibt keine Hinweise auf rechtsextreme Motive. Da hätte das Opfer schon mal was sagen müssen." Steckel wird Martin Jante aus seiner Opferstatistik streichen. Das ist der Berater gewohnt. Überrascht hat ihn nur eins: "Das war hier schon eine Solidaritätsveranstaltung für die Angeklagten. Ansonsten geht es bei solchen Prozessen eigentlich sehr ruhig zu." Der Hauptbeschuldigte erhält einen bewundernden Kuss von seiner Freundin, dann zieht sie ihn an der Hand aus dem Gerichtsgebäude.

Kieferbruch am Heiligabend

Sein Jackett legt Steckel erst im Multikulturellen Zentrum in Dessau ab. Dort hat er sein Büro. Vor Gericht und bei Behörden achtet der 34-jährige Sozialpädagoge auf seriöse Kleidung. Ein Erfahrungswert: "Im Anzug wird man in bestimmten Kreisen ernster genommen." Steckel ist Partei, aber er tritt beherrscht, fast schon kühl auf. Nur das rote Schlüsselband "Kein Sex mit Nazis" lässt er stets sichtbar aus der Hosentasche hängen. Als Steckel Anfang 2005 die Stelle übernahm, hatte er keine Zeit, sich einzuarbeiten. Am 7. Januar verbrannte Oury Jalloh aus Sierra Leone in einer Zelle des Dessauer Polizeireviers.

Der Chef der Wache rief ihn damals an und bat ihn um ein Gespräch. Bis heute ist ungeklärt, ob Polizisten den 21-jährigen Asylbewerber fahrlässig oder absichtlich sterben ließen. Es ist seither nicht einfacher geworden. Allein in den ersten zwei Monaten dieses Jahres hat Steckel 13 Überfälle in Dessau und den angrenzenden vier Landkreisen registriert. Ein deutlicher Anstieg. 11 der 16 Opfer waren Ausländer, drei landeten im Krankenhaus.

Die Stadt Köthen ragt mit acht Übergriffen heraus. Eine Gruppe Minderjähriger attackierte mehrfach chinesische Studenten der Fachhochschule. Inzwischen ist ein 17-jähriger Rädelsführer im Jugendarrest, der Haftbefehl gegen einen zweiten, ebenfalls 17-Jährigen, wurde unter Auflagen ausgesetzt. Steckel will nun die Hochschulleitung überzeugen, dass sie die Fälle öffentlich macht. Denn nach seinen Erfahrungen läuft jedes zweite Opfer Gefahr, erneut angegriffen zu werden. Steckel beobachtet auch, dass die Täter immer jünger werden, meist noch minderjährig sind, und immer hemmungsloser zuschlagen.

Matthias Geißler hat das selbst erleben müssen. Er ist an diesem Nachmittag ins Büro gekommen, um seine Klage vorzubereiten. Steckel hat ihm einen Anwalt in Berlin empfohlen, der den Fall nun auch übernehmen will. Er sieht mit dem 23-jährigen Hartz-IV-Empfänger die Unterlagen durch. Für den Antrag auf kostenlose Rechtsberatung fehlt nur noch die GEZ-Bescheinigung. Ein kleiner Zopf am Hinterkopf lässt Geißler moderat punkig wirken. Damit fällt er im Städtchen Loburg auf. Überregional ist der Ort höchstens als Storchenparadies bekannt.

In der Nacht zu Heiligabend brachen zwei Rechtsextremisten Geißler den Kiefer. Ein Freund hatte ihn über Handy zur Hilfe gerufen, weil er sich von den beiden bedroht sah. Mit einem Kumpel rannte Geißler los. Doch die drei - längst nicht mehr nüchtern - hatten in ihrem Zustand keine Chance. Geißler merkte noch, dass einer der zwei Angreifer auf seinem Kopf herumtrampelte, bevor er das Bewusstsein verlor. Er kam wieder zu sich, als ihn der Notarzt auf der Straße behandelte. Doch die beiden Neonazis kehrten zurück und schlugen wieder zu.

Der Mediziner floh und vergaß offenbar auch, die Polizei zu alarmieren. Denn sie ließ sich nicht blicken. Immerhin sind die Namen der Täter bekannt. Als Geißler am nächsten Tag in seiner Wohnung aufwachte, lag neben seinen blutigen Sachen eine fremde "Pitbull Deutschland"-Jacke mit zwei Handys in der Tasche. Freunde, die ihn nach Hause brachten, hatten sie in der Dunkelheit für seine gehalten. Die Mutter brachte das Fundstück zur Polizei, wo der Besitzer bereits Anzeige wegen Raubes und Körperverletzung erstattet hatte.

Blubb, schon wieder eine neue Straftat

Meist wenden sich die Opfer nicht aus eigenem Antrieb an Steckel. Er ist auf Zuarbeit von außen angewiesen. Eine der wichtigsten Telefonnummern in seinem Handyspeicher ist die von Sven Gratzik. Bei dem Kriminalrat laufen alle Drähte zusammen, wenn mal wieder in seiner Region Skinheads feiern oder Rechtsextreme einen Jugendklub aufmischen.

2004 absolvierte der 36-Jährige die Polizei-Führungsakademie in Münster und avancierte zum Chef des Staatsschutzes in der Region Dessau. Seither kann Gratzik nicht über Langeweile klagen. Er ist für Dessau und die benachbarten Kreise zuständig. Innerhalb eines Jahres haben sich hier die registrierten rechtsextremistischen Delikte von 121 auf 240 erhöht. Damit lässt die Region die beiden anderen ehemaligen Regierungsbezirk Halle und Magdeburg weit hinter sich. Gratzik ist nicht begeistert, aber er kann den Zahlen auch Positives abgewinnen: "Das liegt natürlich auch an unserer hochintensiven Ermittlungsarbeit. Die fördert zutage, was bisher im Dunkeln blieb."

Er nennt Konzerte von Nazi-Skins, die früher geheim blieben und deshalb nicht in die Statistik einflossen. Inzwischen gelinge es immer besser, sie zu verhindern. Kürzlich rückte Gratziks Einsatzteam in den Ort Kolonie bei Annaburg aus. Als die Beamten ankamen, stand die Band schon auf der Bühne, an der Wand eine verbotene "Sturm 20"-Fahne: "Und blubb hatten wir schon wieder eine neue Straftat!" Dennoch beschönigt Gratzik nicht.

Wie Steckel sieht er, dass die Täter jünger und brutaler werden: "Wenn man mit 15 Jahren das Kampftrinken zum Hobby macht, dann ist das mit der sozialen Integration schon ziemlich schwierig." Der Staatsschützer beschreibt noch eine weitere Tendenz. Neonazis, die zuschlagen, haben häufig keine Ausbildung oder keinen Job. Sogenannte Propagandadelikte verüben eher die, die nach der Arbeit mit den Kameraden ums Eck ziehen. Gratzik ist froh, dass es die Opferberatungsstelle gibt. Ohne ihre Arbeit wäre die Dunkelziffer rechtsextremer Gewalt höher.

Doch der Bund bezahlt Steckels Stelle nur noch bis Jahresende. Dann läuft das Civitas-Förderprogramm gegen Rechtsextremismus in Ostdeutschland aus. Bisher steht nicht fest, ob die Große Koalition dieses rot-grüne Projekt fortsetzt. Steckel, bekennender Sozialdemokrat, mag darüber nicht spekulieren. Am frühen Abend klappt er den Aktenordner mit den Details der Fälle zu. Im Auto, auf der täglichen 70-Kilometer-Heimfahrt ins Mansfelder Land, wird er abschalten. Steckel lässt Opfer und Täter in Dessau und Umgebung zurück: "Es ist ganz gut, dass ich weit weg wohne. Ansonsten könnte ich das gar nicht aushalten." Sein Diensthandy bleibt an.

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