Rechtsradikalismus Eberswalde sieht rot

Im November 1990 schlugen rechte Jugendliche in Eberswalde den Angolaner Antonio Amadeu tot. Mehr als zehn Jahre später diskutierten besorgte Bürger der Stadt mit dem Bundestagspräsidenten über Rezepte gegen Fremdenfeindlichkeit. Aber Tiefenwirkung fehlt.

Von Holger Kulick


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Zehn Punkte für ZivilcouragePDF-Größe: 288 kB


!G;4;l>Eberswalde - Gleich zu Beginn geht der Bundestagspräsident in die Offensive: "Es nützt nichts zu sagen, dass es Rechtsradikalismus auch im Westen gibt, denn im Osten tritt er schlimmer und brutaler zutage. Und hier müssen wir das in Ordnung bringen", appelliert Wolfgang Thierse und analysiert im Schnelldurchlauf, was seit zehn Jahren bekannt ist:

Soziale Verunsicherung, Überforderungsängste und Vereinfachungsbedürfnisse hätten im Umbruchland-Ost rechte Gesinnung und Gewaltbereitschaft besonders gestärkt. Die Folge: Andersdenkende und andershäutige Menschen, die hier leben, kämen sich mitunter vor "wie Gejagte im eigenen Land". Über die Familien und Schulen müsse man reden, über regionale Wirtschaftsperspektiven, aber auch das Fernsehen, denn eine Gesellschaft, die allabendlich Gewalt im Wohnzimmer genieße, sei "krank". Jetzt sei er "süchtig nach guten Nachrichten, die ich weiter erzählen kann".

Die Anständigen unter sich

Über 200 Besucher drängeln sich im viel zu kleinen Saal der alten Forstakademie von Eberswalde. Alle Generationen sind anzutreffen, aber kaum Ausländer darunter und keine auffallenden Rechten. Stattdessen ziert ein Transparent vom Eberswalder Lions-Club den Saal, und ein Blick ins gepflegte Publikum macht deutlich: Hier sind die Guten unter sich, die sich wechselseitig beruhigen, dass Eberswalde längst keine Hochburg rechter Gewalt mehr sei, auch wenn es sie sicher vereinzelt noch gebe.

Ja, Eberswalde habe sich verändert, beruhigt auch die respektierte Polizeipräsidentin der Stadt, Uta Leichsenring. Polizei und Justiz hätten in sehr engem Zusammenspiel viel befriedet, aber dann schränkt sie ein: Beseitigt seien die komplexen Ursachen rechter Gewalt damit lange noch nicht. Denn nicht purer Rechtsradikalismus sei das Problem, sondern die nach wie vor verbreitete "Rechtsorientiertheit". Die besäßen nicht nur Jugendliche. "Aber die zeigen sie eben." Deren Rückhalt komme nicht von den Rändern, sondern aus der Mitte der Gesellschaft und die dort "latent vorhandene Fremdenfeindlichkeit" sei noch immer das viel zu wenig wahrgenommene Problem.

Das Wegsehen als Hauptproblem

Polizeipräsidentin Uta Leichsenring.
DPA

Polizeipräsidentin Uta Leichsenring.

Auch der einzige Ausländer auf dem Podium pflichtet dem bei. Der junge Inder Siddarth Prakarl wurde als Student im vierten Semester sogar zum Vizepräsidenten der Eberswalder Fachhochschule gewählt, aber solche Integration sei eher "eine Leistung der Studenten, nicht der Stadt", formuliert er spitz, denn die Stadtverwaltung gilt nur als mühsam zugänglich für Initiativgruppen oder gar die Idee eines runden Tisches gegen Rechts. Dabei müsse sich Eberswalde doch ein vorrangiges Ziel setzen: Endgültig wegzukommen vom immer noch anhaftenden Ruf, seit der Ermordung des Angolaners Antonio Amadeo 1990 synonym für Rechtsextremismus zu stehen, statt für Offenheit und Toleranz.

Leider sei es "immer noch nur Symptombehandlung, was wir machen" beklagt ein Professor, der das örtliche "Netzwerk für ein tolerantes Eberswalde" mitbegründet hat. "Statt sie zu kühlen, müssen wir doch gucken, was unter der neofaschistischen Beule steckt", beklagt er, auch wenn nicht jeder Pickel gleich eine Beule sei. Dann betont er, was ihn besonders grämt: Das Dulden von Gewalt und das Wegsehen der ganz normalen Bürger, wenn es zu rechten Ausfällen kommt.

Zehn-Punkte-Katalog für Zivilcourage

Das Ziel der "Eberswalder zehn Punkte für Zivilcourage": Mut zum persönlichen Aufstand als Anständiger zu machen.
AP

Das Ziel der "Eberswalder zehn Punkte für Zivilcourage": Mut zum persönlichen Aufstand als Anständiger zu machen.

Der Wissenschaftler hat gemeinsam mit einer Journalistin ein Merkblatt mit "Zehn Punkten für Zivilcourage" entworfen auf denen jeder Bürger Verhaltensregeln für Opfer und Zeugen rechter Gruppengewalt nachlesen kann. Die öffentlichen Verkehrsbetriebe sind Sponsor der Aktion, denn die Busfahrer würden am häufigsten von Fahrgästen befragt, was tun? So hängen die Merksätze in jedem Omnibus. Gelesen werden sie aber kaum, stellten Schüler bei einer Repräsentativumfrage fest. Kein Wunder: Von den 258 befragten Fahrgästen erwiesen sich 60 Prozent als "stark oder überwiegend autoritär geprägt".

Andere Netzwerkmitglieder haben die zehn Punkte auf eine "grüne Karte für Zivilcourage" gedruckt, die sie landesweit unter der Schirmherrschaft des Bundestagspräsidenten verteilen wollen. Als Pendant gehört eine rote Karte "gegen Hassschmierereien" dazu. Auf ihr wird "Nicht wegsehen!" appelliert und darum gebeten, Nazi-Grafittis umgehend zu melden. Denn "werden diese Schmierereien geduldet, besetzen sie den öffentlichen Raum und beeinflussen das gesellschaftliche Klima in unserer Stadt".

Anerkennendes Kopfnicken setzt ein, als die Anregung kommt, solche Karten doch im Schneeballsystem von Bürger zu Bürger zu verteilen, das Motto: Eberswalde sieht rot. "Das ist doch mal was praktisches", wird gemurmelt.

Schüler weisen den Weg für Völkerverständigung

Nun will auch der Lions-Club nicht hinten anstehen und präsentiert einen 1000-Mark-Scheck für eine Schülergruppe, die von Eberswalde aus ein ganz besonderes Zeichen für Völkerverständigung setzen. Die fünf jungen Leute wollen mit dem Direktor ihres Gymnasiums nach Luanda in Angola reisen, um eine Schulpartnerschaft aufzubauen. Dort kennt jeder Eberswalde, weil hier Antonio Amadeu zu Tode kam. Jetzt wollen die Jugendlichen helfen, beiderseitige Vorurteile abzubauen und sammeln seit 1999 Gelder für Straßenkinder Luandas. Spontan gibt die Polizeipräsidentin noch 3000 Mark aus eigener Tasche dazu, praktischer kann Anerkennung für eine geniale Idee nicht laufen.

Angstfaktor Osterweiterung?

"Süchtig nach guten Nachrichten" im Kampf gegen Rechts - Bundestagspräsident Wolfgang Thierse
AP

"Süchtig nach guten Nachrichten" im Kampf gegen Rechts - Bundestagspräsident Wolfgang Thierse

Jetzt wagen sich auch weitere Bürger mit Einfällen hervor, wie Fremdenfeindlichkeit abgebaut werden könnte. Müsse es denn sein, vor der EU-Osterweiterung so laut auf Übergangsfristen für den Zuzug polnischer Arbeitnehmer zu drängen, wird gefragt, denn gerade das schüre doch nur Ressentiments. Schwierig, schwierig, entgegnet Thierse, denn die Übergangsfristen wären doch taktisch gedacht, um den Deutschen gerade Ängste zu nehmen. In der Regel sei jedoch damit zu rechnen, dass diese siebenjährige Übergangsfrist sowieso nach zwei Jahren ausrangiert werde, verdeutlicht er den politischen Eiertanz mit der Fremdenangst.

Dann ruft Thierse noch zur Bildungs- und Forschungsoffensive auf und erteilt den Lokalpolitikern Eberswaldes Nachhilfeunterricht. Das warten auf Aufschwung durch Großinvestoren mache keinen Sinn mehr, eher wären kreative Ideen gefragt, um sich auf die EU-Osterweiterung vorzubereiten: "Sie haben Brückenfunktion hier, wenn die nicht genutzt wird, wird dies nur Transitregion, ohne Impulse". Dann ist die ganze Debatte nach 90 Minuten Kratzen an der Oberfläche vorbei.

Soziale Kontrolle gewinnen als Ziel

Nein, erwidert im Nachgespräch Polizeipräsidentin Uta Leichsenring, all dies sei Rückenstärkung für die, die helfen wollen, soziale Kontrolle zurückzugewinnen. Das sei das Ziel. Am schwierigsten sei es dabei, die Eltern- und Großelterngeneration zu gewinnen, denn deren Feindbilder und Verhaltensnormen sind tief verwurzelt. Wichtiger sei dagegen die Zielgruppe Jugendliche: "An die kommen wir einfacher heran." Doch dafür müssten auch die Schulen noch viel mehr von der Wissensvermittlung zur Wertevermittlung übergehen, vor allem, um beizubringen, dass Konflikte nicht mit der Drohung oder Tat lösbar sind, dem anderen "aufs Maul zu hauen".

Bittere Wirklichkeit

Am nächsten Tag wird bei der Zeitungslektüre die Ernüchterung noch einmal besonders groß. Mehrere Spender hatten dafür gesammelt, dass Familienangehörige Amadeus aus Luanda nach Berlin zur Antonio-Amadeo-Stiftung und nach Eberswalde zum Sohn des Ermordeten reisen konnten. Auf dem Bahnsteig in Berlin wurden ihnen prompt 800 Dollar Spendengelder geraubt, noch schmerzhafter wurden aber ihre neuerlichen Erfahrungen in Eberswalde: "Wir wurden auf offener Straße von Skins angepöbelt und unsere Blumen an der Gedenktafel für Antonio abgerissen", berichteten sie.



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