Regeln für Regierungssprecher Wie man an Merkels Seite überlebt

Angela Merkels neuer Regierungssprecher Steffen Seibert nimmt seine Arbeit auf. Kann er das? In Berlin gibt es kaum einen Job, bei dem man mehr falsch machen kann. Das Überleben sichert nur die strenge Einhaltung einer Reihe ungeschriebener Gesetze.

DPA

Von


Berlin - Ulrich Wilhelm geht, Steffen Seibert kommt: Der neue Regierungssprecher bezieht an diesem Mittwoch sein Büro im Bundespresseamt. Künftig muss er den Wählern eine Regierung verkaufen, für die es - freundlich gesagt - suboptimal läuft. Viel Zeit zur Einarbeitung bleibt nicht, am kommenden Montag wird ihn die Kanzlerin offiziell in sein Amt einführen. Von da an muss Seibert funktionieren, Tag für Tag, manchmal fast rund um die Uhr. Er muss die Politik der Regierung erklären, die Chefin gut aussehen lassen. Dabei kann er eine Menge falsch machen.

Für den Regierungssprecher gelten neun goldene Regeln.

Regel Nummer 1: Bescheid wissen

Klar, der Regierungssprecher muss sich auskennen, er muss immer die neuesten Entwicklungen in der Regierung kennen. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Bescheid zu wissen ist in dem riesigen Berliner und Bonner Regierungsapparat gar nicht so leicht. Da verlieren selbst Profis manchmal den Überblick. Wie ein Journalist muss der Sprecher deshalb selbst auf Recherche gehen, seinen Regierungschef, die Minister, die Staatssekretäre, die Abteilungsleiter befragen. Wie ist das jetzt mit Hartz IV? Gibt es Änderungen? Was sagen wir zum Sudan?

Nichts ist peinlicher als ein Sprecher, der gegenüber seiner Kundschaft (den Journalisten) zu häufig uninformiert erscheint. Einmal sagen "Das weiß ich nicht", ist ok. Ein zweites Mal geht so gerade eben noch. Aber nach dem dritten Mal in kurzer Zeit gilt der Sprecher als Fehlbesetzung. Der einstige Kohl-Sprecher Johnny Klein stöhnte über seinen Job: "Ich ahnte, das wird ein Drahtseilakt ohne Netz. Inzwischen weiß ich, ein Drahtseil ist auch keins da."

Regel Nummer 2: eine eigene Meinung haben

Der Sprecher ist immer dann ein guter Sprecher, wenn er ein eigenständiger politischer Kopf ist, sozusagen ein strategischer Top-Berater des Chefs. Dann erhält er auch innerhalb der Regierung und des Apparats Anerkennung, Klaus Bölling war so ein Sprecher für Helmut Schmidt, aber auch Uwe-Karsten Heye, Ex-Sprecher von Gerhard Schröder. Beide galten schon vor ihrem Wechsel ins Amt als Strategen, sie trauten sich auch, dem Chef die Meinung zu sagen. So gehörten sie zu den "Küchenkabinetten" ihrer Kanzler, wussten bestens Bescheid.

Seibert muss das auch gelingen: Ein politischer Denker kann auch pro-aktiv Einfluss auf die Berichterstattung nehmen. Er gibt den Journalisten an den richtigen Stellen Einschätzungen, Analyse, bezieht sie klug in strategische Überlegungen der Regierung ein.

Regel Nummer 3: Feuer austreten

Nichts ist für den Kanzler/die Kanzlerin ärgerlicher als schlechte Presse. Eine der vornehmsten Aufgaben des Sprechers ist es deshalb, negative Schlagzeilen-Kaskaden möglichst schon im Keim zu ersticken. Oft arbeitet er dann hinter den Kulissen: Er ruft Redakteure an, schildert, wie es aus seiner Sicht wirklich ist. Er korrigiert, dementiert, beschwichtigt. Das kann funktionieren, wichtig ist dabei aber, dass der Sprecher seine Glaubwürdigkeit bewahrt.

Will heißen: Dementiert er eine Geschichte und sie entpuppt sich hinterher dann doch als wahr, hat er ein echtes Problem. Dann kann er seinen Laden bald zumachen.

Regel Nummer 4: schwurbeln

Manchmal ist es so, dass der Sprecher eine Frage beantworten muss, die er eigentlich nicht beantworten kann, weil er nicht im Film ist. Oder er will sie nicht beantworten, weil eine ehrliche Antwort für die Regierung zu schlechten Schlagzeilen führen würde. Trotzdem müssen die Journalisten das Gefühl haben, sie bekommen eine Antwort.

Das heißt: Der Sprecher muss so tun, als würde er die Frage der Journalisten beantworten, ohne es wirklich zu tun. Sehr gut geeignet sind in diesem Fall Aussagen, die immer irgendwie stimmen. Zum Beispiel die hier: "Grundsätzlich ist die Position der Kanzlerin in dieser Frage soundso..." Oder: "Sie wissen, dass die Bundesregierung hierzu stets erklärt hat soundso..." Der frühere Sprecher Thomas Steg beherrschte diese Kunst perfekt. Bei ihm hatten viele Journalisten anschließend das Gefühl, informiert worden zu sein. Dabei hatte er ihn manchmal nur erzählt, was ohnehin im Regierungsprogramm steht.

Regel Nummer 5: delegieren

Ein übliches Ritual für den Regierungssprecher ist der Besuch der Bundespressekonferenz. Dreimal in der Woche stellt er sich den Fragen der Journalisten. Erst darf der Sprecher erzählen, was die Kanzlerin/der Kanzler in den nächsten Tagen aus Sicht der Regierung Bedeutungsvolles treibt (Treffen mit dem kirgisischen Staatspräsidenten, anschließend Empfang der Sternsinger im Kanzleramt). Dann dürfen die Journalisten nach Themen fragen, die wirklich wichtig sind, auf die der Sprecher aber eigentlich keine Lust hat (Rentenkürzungen, Streit in der Koalition, Behördenschlampereien).

Das Schöne für den Regierungssprecher ist dabei: Er muss nicht immer antworten. Neben ihm sitzen die Sprecher der anderen Ministerien. Er kann delegieren. Einer der wichtigsten Sätze für den Regierungssprecher lautet deshalb: "Bei dieser Frage verweise ich an den Kollegen soundso."

Regel Nummer 6: die Journalisten pflegen

Journalisten sind auch nur Menschen, will heißen, sie wollen sich nicht veralbern lassen, legen Wert auf anständigen Umgang. Steffen Seiberts Vorgänger Ulrich Wilhelm war bei ihnen unter anderem deshalb so geschätzt, weil er stets freundlich, nie arrogant und stets hilfsbereit war. Falls er einmal nicht Bescheid wusste, sagte er: "Da frage ich mal schnell nach." Und rief dann manchmal sogar noch spät in der Nacht zurück.

Regel Nummer 7: den Apparat kontrollieren

Der Regierungssprecher ist meist nicht nur Sprecher, sondern zugleich Chef einer großen Behörde: des Bundespresseamtes. Das Presseamt gilt mit gut 500 Mitarbeitern seit jeher als Musterbeispiel eines aufgeblähten Behördenapparats. In der Vergangenheit wurde das Amt von Ministern und Kanzlern gern dazu benutzt, um unliebsame Abteilungsleiter abzuschieben. Von einem früheren Regierungssprecher ist der Satz überliefert, beim Presseamt könne man sofort eine Hälfte der Mitarbeiter entlassen - und zwar egal welche.

Das mag ungerecht sein. Zumal jeder Journalist weiß, dass im Amt auch absolute Top-Leute arbeiten. Doch bisher hat es noch kein Sprecher geschafft, den lädierten Ruf der Behörde in Ordnung zu bringen. Jeder neue Sprecher fängt bei diesem Thema im Prinzip von vorn an. Seibert bringt gute Voraussetzungen mit: Als langjähriger ZDF-Mitarbeiter ist er im Umgang mit aufgeblähten Apparaten geübt.

Regel Nummer 8: nicht an die Seite drängen lassen

Letztlich gibt es auch im Kanzleramt eine Art Hofstaat. Etliche fleißige Arbeitsbienen summen um die Königin, wollen von ihr gemocht werden, streben nach Einfluss und Macht. Da ist der Kanzleramtschef (sehr wichtig), der Büroleiter/die Büroleiterin (sowieso immer wichtig), der Redenschreiber, der Planungschef, und und und.

Im Fall von Angela Merkel ist es so, dass der Neue (Seibert) auf ein Clique von alteingesessenen Merkel-Vertrauten stößt (Ronald Pofalla, Eva Christiansen, Beate Baumann). Mit denen muss er sich arrangieren. Das heißt er braucht Zugang zu den wichtigen Runden, muss seinen Platz behaupten. Nichts ist für den Regierungssprecher schlimmer, als allein und uninformiert im Bundespresseamt zu sitzen, während aus dem Kanzleramt die Journalisten mit den wirklich wichtigen Informationen gefüttert werden.

So erging es dem Kohl-Sprecher Peter Hausmann, der von einer eifersüchtelnden Kanzler-Clique systematisch vom Informationsfluss abgeschnitten wurde, dabei auch selbst Fehler machte und dann in den Ruhestand geschickt wurde. Das kann auch Steffen Seibert blühen. Schön für ihn, dass er ein Rückkehrecht zum ZDF hat. Das persönliche Risiko ist also überschaubar.

Regel Nummer 9: die Chefin/den Chef hoch leben lassen

Der Sprecher ist immer der größte Fan des Regierungschefs. Mögen andere meckern, er würde nie die Kanzlerin oder den Kanzler in Frage stellen.

Es gilt: Der Chef hat immer Recht.

Zumindest offiziell. Der Sprecher weiß: Sein Stern steigt und sinkt mit dem des Chefs. Läuft es für den Kanzler, die Kanzlerin schlecht, ist nie der Chef Schuld, sondern immer jemand anders - zum Beispiel der Sprecher. Steffen Seibert sollte sehr aufpassen, wenn er zum ersten Mal aus den Tiefen der Koalition diesen Satz hört oder liest: "Unsere Politik ist gut, nur die Kommunikation ist schlecht."

Dann wird es Zeit, sich nach einem neuen Job umzusehen.

insgesamt 61 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Coolie, 11.08.2010
1. Regel 9
Zitat von sysopAngela Merkels neuer Regierungssprecher Steffen Seibert nimmt seine Arbeit auf. Kann er Sprecher? In Berlin gibt es kaum einen Job, bei dem man mehr falsch machen kann. Das Überleben sichert nur die strenge Einhaltung einer Reihe ungeschriebener Gesetze. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,711171,00.html
Spätestens da würde ich den Job ablehnen. :-)
mitbürger 11.08.2010
2. ...
Er soll sich ein großes Sitzkissen besorgen.
Beutz 11.08.2010
3. .
Zitat von sysopAngela Merkels neuer Regierungssprecher Steffen Seibert nimmt seine Arbeit auf. Kann er Sprecher? In Berlin gibt es kaum einen Job, bei dem man mehr falsch machen kann. Das Überleben sichert nur die strenge Einhaltung einer Reihe ungeschriebener Gesetze. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,711171,00.html
Den Spiess umdrehen - wie kann Merkel an seiner Seite überleben. Liebe Grüße.
hook123 11.08.2010
4. Regeln Nr. 4 und 9
Das dürften die beiden Punkte sein in denen Steffen Seibert fraglos exzellieren wird. Aalglatt immer eine Spur für seine Kanzlerin legend wird es zuküntig nicht mehr "schwurbeln" sonder *"seibern"* heißen. Und was die schlechte Presse betrifft (Punkt 3) da wird sich die Kanzlerin angesichts der hymnischen Ergebenheitsbekundungen in allen Medien keine Gedanken zu machen brauchen.
Schinkenfisch 11.08.2010
5. Bild-Redakteure in der Sommerpause?
"Angela Merkels neuer Regierungssprecher Steffen Seibert nimmt seine Arbeit auf. Kann er Sprecher?" Was soll denn das?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.