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Ausländerbericht: Bildung zahlt sich für Einwandererkinder oft nicht aus

Von Jonas-Erik Schmidt und

Deutsch-Kurs (Mittelstufe 2) an der Volkshochschule in Leipzig Zur Großansicht
DPA

Deutsch-Kurs (Mittelstufe 2) an der Volkshochschule in Leipzig

Deutschlands Einwandererkinder machen immer höhere Schulabschlüsse - aber die Aufholjagd zahlt sich laut Ausländerbericht bei der Jobsuche nicht aus. Besorgniserregend ist der Anstieg der fremdenfeindlichen Straftaten.

Berlin - Gleich zu Beginn ihres Auftritts in der Bundespressekonferenz stellt Staatsministerin Aydan Özoguz (SPD) etwas klar: Den Titel des über 700 Seiten starken Papiers, das sie gleich vorstellt, findet sie überhaupt nicht gut. Es ist der zehnte Regierungsberichts über die "Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland" - aber längst gibt es unter Deutschlands Migranten mehr deutsche Staatsbürger als Ausländer. Ein Gesetz zur Titeländerung sei auf dem Weg, sagt die SPD-Politikerin.

In dem Bericht gibt es mutmachende Zahlen - und es gibt Deprimierendes. Fazit ist: Migranten holen zwar bei der Bildung auf - aber es nützt ihnen auf dem Arbeitsmarkt nicht viel. "Wir schaffen es in Deutschland immer noch nicht, Kindern unabhängig von ihrer Herkunft eine Bildungskarriere zu ermöglichen", sagt Özoguz. Einwandererkinder müssen immer noch sehr häufig mit Vorurteilen kämpfen, insbesondere gegen Muslime gibt es große Vorbehalte. Besorgniserregend ist der Anstieg der fremdenfeindlichen Straftaten in den vergangenen Jahren. Die wichtigsten Ergebnisse des Berichts im Überblick:

  • In Deutschland gibt es immer mehr Menschen aus Zuwandererfamilien. 2012 hatten 20 Prozent ausländische Wurzeln (2010: 19,3; 2011: 19,5) - umgerechnet 16,3 Millionen Menschen. Wie in den Jahren zuvor ist zudem die Zahl der Einbürgerungen gestiegen. Während sie 2010 rund 101.600 betrug, kletterte sie bis 2013 auf mehr als 112.300.

  • Zuwanderung: In den vergangenen Jahren sind deutlich mehr Menschen nach Deutschland gezogen, als ins Ausland abgewandert. 2012 lag der sogenannte Wanderungsgewinn bei rund 369.000 Personen. Das ist der höchste Wert seit 1995. 2013 wurde er mit rund 437.300 nochmals übertroffen. Gleichwohl gibt es laut dem Bericht keine massenhafte Zuwanderung aus der EU - auch nicht aus Rumänien und Bulgarien - wie es die CSU Anfang 2013 suggeriert hatte.

  • Schule: In den vergangenen Jahren haben Schüler aus Zuwandererfamilien aufgeholt. Deutliche Unterschiede zu ihren Altersgenossen gibt es dennoch. An Gymnasien sind ausländische Schüler unterrepräsentiert (24,5 Prozent zu 48,9 Prozent Deutsche), an Hauptschulen hingegen überrepräsentiert (27,5 Prozent zu 10,6 Prozent Deutsche). Aber: Seit 2008 ist der Anteil der ausländischen Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss von 15,2 Prozent auf 11,6 Prozent 2012 gesunken - deutlicher, als bei deutschen Jugendlichen. Der Anteil der Abiturienten stieg von 11,2 Prozent auf 16,2 Prozent.

  • Ausbildung: Höhere Schulabschlüsse zahlen sich nicht auf dem Ausbildungsmarkt aus. Der Anteil der ausländischen jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss ist fast dreimal so hoch wie bei der von jungen Deutschen (30,5 Prozent zu 10,9 Prozent). Der Bericht stellt fest, dass bis zu Beginn des vergangenen Jahres 44 Prozent der Bewerber ohne Migrationshintergrund einen Ausbildungsplatz gefunden haben - bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund waren es nur 29 Prozent. Jugendliche mit türkisch oder arabisch klingenden Namen würden oft bereits in der ersten Bewerbungsphase benachteiligt, heißt es in dem Bericht.

  • Arbeit: Trotz hoffnungsvoller Tendenzen in den vergangenen Jahren ist die Arbeitslosenquote bei Ausländern im Vergleich zu Deutschen weiterhin mehr als doppelt so hoch (14,4 Prozent zu 6,2 Prozent im Jahresdurchschnitt 2013).

  • Altersstruktur: Menschen aus Einwanderfamilien sind im Schnitt wesentlich jünger. Ihr Durchschnittsalter liegt bei 35,5 Jahren. In der deutschen Mehrheitsgesellschaft beträgt es 46,4 Jahre. Jedes dritte Kind unter 15 Jahren hatte 2012 einen Migrationshintergrund.

  • Armut: Migranten haben in Deutschland ein doppelt so hohes Armutsrisiko wie Menschen ohne Migrationshintergrund. Selbst ein hoher Bildungsstand hatte darauf kaum Auswirkungen. Auch in der Gruppe der Einwanderer mit Abitur ist das Risiko für Armut hoch.

  • Kita: Bei der frühkindlichen Bildung gibt es deutliche Unterschiede: Kleinkinder aus Einwandererfamilien besuchen viel seltener eine Kita oder werden von einer Tagesmutter betreut - es sind bundesweit nur 17 Prozent gegenüber 35 Prozent der Unterdreijährigen ohne Migrationshintergrund.

  • Religion: Mittlerweile gibt es mehr als 140 Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in Deutschland. Die Zahl der Muslime lag im Berichtszeitraum bei 3,8 bis 4,3 Millionen Gläubigen. Zwar spricht sich die Bevölkerung mit großer Mehrheit dafür aus, gegenüber allen Religionen offen zu sein. Aber 49 Prozent der Befragten in Westdeutschland und sogar 57 Prozent in Ostdeutschland halten den Islam für eine Bedrohung.

  • Fremdenfeindlichkeit: 2010 hatten fremdenfeindliche Straftaten seit Beginn des Erfassungssystems 2001 den bislang niedrigsten Stand erreicht. 2011 stieg die Zahl allerdings um 16,7 Prozent und 2012 um 15,6 Prozent an. 2013 gab es noch einmal einen Anstieg um 11,2 Prozent auf insgesamt 3248 Straftaten.

  • Asyl: Die Zahl der Asylanträge in Deutschland stieg in den untersuchten Jahren kontinuierlich an. 2012 waren es demnach 77.651 Anträge, 2013 dann 127.023 und in den ersten fünf Monaten 2014 bereits 62.602.

Mitarbeit: Christina Elmer

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