Reich-Ranicki zum Holocaust Bericht aus der Hölle

Einer spricht, und die Nation hört zu: Marcel Reich-Ranickis Rede vor dem Bundestag war einfach, persönlich - und deshalb umso beklemmender: Als Zeitzeuge des Naziterrors schilderte er seine Erlebnisse an einem Tag im Jahr 1942.

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Berlin - Am Ende seiner Rede sagt Marcel Reich-Ranicki einen Satz, der alles umfasst. Die Aussiedlung der Juden durch die SS aus dem Warschauer Ghetto, "sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck - den Tod".

Reich-Ranicki ist an diesem 27. Januar ein "Überlebender des Warschauer Ghettos", wie er selbst sagt. Und nicht nur, wie er gleich zu Beginn seiner Rede anmerkt, ein Zeitzeuge. Er legt an diesem Tag, an dem der Opfer der NS-Zeit gedacht wird, ein sehr persönliches Zeugnis ab. Es geht ihm nicht um die moralischen und politischen Dimensionen des Holocaust, die Israels Staatspräsident Shimon Peres zum Thema machte, als er 2010 am Gedenktag zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Bundestag sprach.

Reich-Ranickis Rede schilderte vielmehr die Ereignisse eines einzigen Tages - dem 22. Juli 1942. Es war der Tag, an dem er als junger Jude im Warschauer Ghetto vom schrecklichen Schicksal erfuhr, das die Deutschen ihm und den anderen Juden zugedacht hatten. An diesem Sommertag rettete er nicht nur sich selbst, sondern auch seine Frau. Zumindest vorläufig, denn nichts war damals abzusehen, nicht das Ende der deutschen Okkupation, nicht das Ende von Terror und Barbarei.

Die Deutschen hatten beschlossen, dass Eheleute von Mitgliedern des Judenrats zunächst von den Deportationen ausgeschlossen werden sollten. Und so heiratete Reich-Ranicki noch am selben Tag seine Freundin Teofila, "Tosia", wie er sie liebevoll in seiner Rede nennt. Das Datum der Eheschließung wurde auf den März zurückdatiert. So konnte sie bleiben, vorerst.

Reich-Ranicki ist jetzt 91 Jahre alt, seine Frau starb im April vergangenen Jahres. Sie überlebten die Nazi-Herrschaft, viele Familienmitglieder aber und nahe Freunde wurden umgebracht, nachzulesen ist das alles in seiner Biografie "Mein Leben".

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Marcel Reich-Ranicki: Gedenkstunde im Bundestag
Als Reich-Ranicki in den Plenarsaal hineingeführt wird, am Arm des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, da ist ein gebrechlicher Mann zu sehen. Und vielen im Rund, auch den Journalisten auf den Tribünen, wird bewusst, dass die Zeit der unmittelbaren Zeugen zu Ende geht. Dass bald kaum noch jemand erzählen wird, wie es damals war.

Reich-Ranickis Rede ist von den oberen Rängen mitunter kaum zu verstehen, leise spricht er, manchmal die Worte und ganze Sätze vernuschelnd. Umso schärfer stechen die schrecklichen Begrifflichkeiten des deutschen Grauens hervor, das Vokabular der Vernichtungsmaschinerie: "Umschlagplatz", "Judenrat", "Umsiedler", "SS-Offiziere". Es sind deutsche Worte aus dem Munde eines Mannes, der sich dennoch nicht von der deutschen Sprache oder den Deutschen abgewandt hat. Die deutsche Sprache, die deutsche Literatur, Gedichte vor allem, waren ihm eine Zuflucht in schwerster Zeit.

Er sei ihm, sagt Bundestagspräsident Lammert in seiner Begrüßungsrede, "zutiefst dankbar, dass Sie mit Deutschland nicht nur die eine, die menschenverachtende Seite verbinden."

Reich-Ranickis Leben, das ist auch ein Leben aus den Wirrnissen des 20. Jahrhunderts. Er war für die polnische Regierung der Nachkriegszeit an der Botschaft in London, er arbeitete für den Auslandsgeheimdienst, er war in der Kommunistischen Partei, die ihn später ausschloss, wanderte schließlich Ende der fünfziger Jahre mit seiner Frau und dem Sohn in die Bundesrepublik aus.

Was blieb, über die Wechselfälle der Zeiten hinweg, war seine Leidenschaft für die deutsche Sprache. Im Westen der Republik wurde er mit den Jahren einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der bedeutendste Literaturkritiker der Republik. Er arbeitete zunächst bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", später für die "Zeit", dann als Chef des Literaturteils der "FAZ". Einem breiten Publikum wurde er schließlich durch seine Auftritte im "Literarischen Quartett" des ZDF bekannt. Sein rollendes "R", sein Witz, sein Scharfsinn, aber auch seine aufbrausende Art - für viele wurde er zur Kultfigur, oft nachgeahmt von Kabarettisten, eine feste Größe im Salon der Bundesrepublik. Auch Gegnerschaft blieb natürlich nicht aus, seine pointierten, oft harschen Urteile entschieden über Wohl und Wehe mancher Literatenkarriere.

Mahnende Worte von Lammert

An diesem Tag sitzt auf der Tribüne, gleich hinter religiösen Würdenträgern, Hellmuth Karasek, einst einer seiner Sparringspartner im "Literarischen Quartett". Der Journalist und Autor, jahrelang beim SPIEGEL und heute für den Springer-Verlag tätig, hat ihm am Vorabend den Kulturpreis des Boulevardblattes "BZ" überreicht. "Ich bin ein sehr alter Schüler, aber nach wie vor ist er mein Lehrer", würdigte Karasek ihn da, und der Jubilar schmeichelte zurück, das sei die "schönste" Rede, die Karasek auf ihn gehalten habe. An diesem Abend, wie auch im Bundestag, ist Reich-Ranickis Sohn Andrew dabei, 1948 in London geboren, ein Mathematiker von Beruf.

Im Bundestag hat Reich-Ranicki keine vordergründig politische Rede gehalten. Nichts gesagt zu dem, was die Bundesrepublik nach wie vor beschäftigt, die Morde an neun Menschen durch eine Neonazi-Zelle etwa.

Das tat Bundestagspräsident Lammert. Es müsse "Ziel und Verpflichtung" aller sein, sich dafür einzusetzen, dass Menschen in Deutschland "frei, gleich und ohne Angst leben dürfen". Die vergangenen Wochen und Monate hätten mit der Aufdeckung einer beispiellosen Mordserie allen aber wieder vor Augen geführt, "dass wir dieses Ziel noch nicht erreicht haben". Und der Christdemokrat zitierte aus einer jüngst vorgestellten Studie zum Antisemitismus, nach der 20 Prozent der Bürger antisemitisches Gedankengut aufweisen. "Das", sagte Lammert, "ist für Deutschland genau 20 Prozent zu viel."

In diesem Moment applaudierten die Abgeordneten - und auch viele der Ehrengäste auf den Tribünen.



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