Gerechtigkeitsdebatte Kardinal Marx fordert höhere Besteuerung von Vermögen und Kapital

In der Gerechtigkeitsdebatte bekommt SPD-Kanzlerkandidat Schulz Beistand von ungewohnter Seite. Im SPIEGEL sorgt sich Kardinal Marx: "Das Empfinden wächst, dass nicht alle die gleichen Chancen haben."

Kardinal Reinhard Marx
DPA

Kardinal Reinhard Marx

Von und Michael Sauga


Unter den katholischen Bischöfen ist er der prominenteste Vordenker in Sozialfragen. Nun hat Kardinal Reinhard Marx vor einem wachsenden Gerechtigkeitsproblem gewarnt. "In Deutschland herrscht großer Wohlstand, aber es geht nicht überall gerecht zu", sagte Marx im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Das Empfinden wächst, dass nicht alle die gleichen Chancen haben." (Lesen Sie hier das ganze Gespräch im neuen SPIEGEL.)

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 15/2017
Machtmissbrauch, Bestechung - und Spähangriffe gegen Willy Brandt

In der Debatte um den Zustand des Landes stellt sich Marx damit auf die Seite derer, die eine zunehmende Ungleichheit hierzulande beklagen. Vor allem SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat die soziale Gerechtigkeit zum Wahlkampfthema erklärt.

"Die Menschen sind verunsichert", sagte Marx. "Sie sorgen sich, ob sie auf Dauer einen Arbeitsplatz haben, von dem sie und ihre Angehörigen auskömmlich leben können und der ihnen später eine Altersversorgung oberhalb der Sozialhilfe sichert." Dass alle Menschen eine Chance haben sollten, für sich und ihre Familien zu sorgen und nicht von der sozialen Entwicklung abgekoppelt zu werden, sei schon immer eine Forderung der christlichen Kirchen gewesen. "Wenn diese Frage nun im Wahlkampf thematisiert wird: umso besser", sagte Marx.

Korrekturbedarf erkennt der Sozialethiker vor allem im Niedriglohnbereich: "Wer arbeitet, muss am Ende mehr haben als nur das Nötigste zum Überleben." Nur so könne man den Menschen Ängste nehmen: "Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass heute jeder vierte Beschäftigte im sogenannten Niedriglohnsektor arbeitet."

Marx plädiert für höhere Steuern auf große Vermögen

Außerdem sprach Marx sich für eine höhere Besteuerung von Vermögen aus. Wenn die Vermögensverteilung immer ungleicher werde, könne der Staat nicht so tun, als ob ihn das nichts anginge. "Im Sinne der Gerechtigkeit müssen Vermögen und Erbschaften, aber auch der Kapitalverkehr stärker besteuert werden."

Auch die Entlohnung von Managern habe sich zum Symbol dafür entwickelt, dass "etwas gehörig aus der Balance geraten" sei. "Wenn der Chef hundertmal so viel verdient wie ein Facharbeiter, kann das niemand mehr nachvollziehen", sagte Marx.

In der Rentenpolitik plädierte Marx für längere Lebensarbeitszeiten. "Wenn ein Mädchen, das heute geboren wird, im Schnitt 83 Jahre oder älter wird, dann muss man darüber nachdenken, ob es später nicht auch etwas länger beruflich aktiv bleiben kann." Das sei auch ein Beitrag zur Gerechtigkeit zwischen den Generationen.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - ab Samstagmorgen erhältlich.

Was im neuen SPIEGEL steht, erfahren Sie immer samstags in unserem kostenlosen Newsletter DIE LAGE, der sechsmal in der Woche erscheint - kompakt, analytisch, meinungsstark, geschrieben von der Chefredaktion oder den Leitern unseres Hauptstadtbüros in Berlin.

klw



insgesamt 136 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
franz.v.trotta 08.04.2017
1.
Vorsicht, Herr Marx, Sie provozieren, dass die Vermögenden und die halbe CDU aus der Kirche austreten.
der_weisse_wal 08.04.2017
2.
Höhere Besteuerung von Kirchengeldern und -gütern könnte auch nciht schaden. Dazu den Abzug jeder stattlichen FInanzierung für Kirchenbelange. Nur mal so nebenher. Allein das würde den Steuerzahler schon Milliarden sparen.
clausbremen 08.04.2017
3. Als ...
... populistische Forderung ist das bei einem Kirchenfürsten in gewisser Weise nachvollziehbar. Wenn man an die Limburger Bischofsresidenz denkt, relativiert es sich ein wenig. Und mir drängt sich die Frage auf, ob die Kirchen eigentlich Erbschaftssteuer entrichten, wenn Gläubige ihnen Vermächtnisse hinterlassen. Falls nicht, wird die Forderung des Bischofs umso nachvollziehbarer. Dann wäre es trommeln in eigener Sache. Sollte ihm das Wohl der unterbezahlten Werktätigen tatsächlich am Herzen liegen, könnten die Kirchen ja schon mal auf ihre unzeitgemäße Sonderstellung im Arbeitsrecht verzichten. DAS wäre dann mal ein Anfang.
tulius-rex 08.04.2017
4. Christen
Wenn die sog. Christen von CDU/CSU wirkliche Christen wären, wäre der Kommentar des Herrn Marx überflüssig. Gerade die CSU sorgt aber dafür, dass reiche Erben leistungslos immer reicher werden. Einziger Trost: wenn diese Leute immer mehr Yachten kaufen, die dann in Häfen unbenutzt dahindümpeln, schaffen Sie Arbeitsplätze in der Werftindustrie.
deufin 08.04.2017
5. Was wird besteuert?
Die Frage ist doch, was besteuert wird, und wenn ja, wie hoch. Derzeit wird Lohn höher besteuert als Kapitalertrag, was völliger Blödsinn ist. Man würde mehr als genug Steuer-Mehreinnahmen haben, wenn man schlichtweg die Kapitalertragssteuer auf 40 oder 50% setzen würde, und dann auch konsequent alle Kapitalerträge besteuert. Es kann doch nicht sein, daß jemand mit Millionen in Aktien kaum Steuern auf die Dividenden zahlt, während Otto Normalo die Hälfte seines Lohns abtreten muß. Jegliches Einkommen sollte gleich hoch besteuert werden, egal ob das der Lohn ist, die Dividenden oder ganz simple die Zinsen, dann würden die wirklich Reichen auch einen wesentlich höheren Beitrag zur Allgemeinheit leisten, und wir hätten endlich genug Geld im Steuersäckel um alles Notwendige ausreichend zu finanzieren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.