Reise-Affäre Glogowski ist zurückgetreten

Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Glogowski (SPD) hat sein Amt niedergelegt. Er begründete seinen Schritt damit, dass er das Land, seine Familie und seine Freunde schützen wolle. Glogowski zog damit die Konsequenzen aus den Vorwürfen der vergangenen Tage, wonach er sich angeblich durch niedersächsische Unternehmen begünstigen ließ.


Hamburg - Die für alle Bürger geltende Unschuldsvermutung bis zum Beweis des Gegenteils gelte offenbar nicht für Politiker, sagte Glogowski am Freitagnachmittag vor Journalisten in der niedersächsischen Staatskanzlei. Den Fragen der Journalisten stellte er sich nicht. Glogowski verschwand nach seiner Stellungnahme von der Pressekonferenz.

Der Gang vor die Presse fiel Gerhard Glogowski sichtlich schwer
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Der Gang vor die Presse fiel Gerhard Glogowski sichtlich schwer

Der 56 Jahre alte Glogowski ist als Nachfolger von Gerhard Schröder Ministerpräsident in Niedersachsen. Zuvor war er seit 1990 niedersächsischer Innenminister und lange Jahre Oberbürgermeister von Braunschweig.

Seit einer Woche musste sich Glogowski gegen heftige Vorwürfe zur Wehr setzen. Er hatte eingeräumt, dass er sich seine Hochzeitsfeier zum Teil von Unternehmen hat sponsern lassen. Am Freitag tauchten neue Ungereimtheiten um seine Wohnungen in Braunschweig und Hannover auf. Darüber hinaus wurde bekannt, dass Glogowski seine VW-Aufsichtsratsbezüge für 1999 in Höhe von knapp 97.500 Mark bisher nicht anteilig an das Land abgeführt haben soll. Mitarbeiter der Staatskanzlei berichteten, in den vergangenen Tagen seien Akten im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen den Ministerpräsidenten von engen Mitarbeiten gezielt gesichtet worden.

Die Staatskanzlei bestätigte, dass Glogowski eine Wohnung im Gästehaus der Landesregierung in Hannover sporadisch genutzt habe, ohne dafür zu zahlen. Die Miete in Höhe von rund 850 Mark sei erst ab Anfang November von Glogowski gezahlt worden, berichtete die "Hannoversche Allgemeine Zeitung". Die Wohnung wurde im Sommer für Glogowski umgebaut.

Unterdessen wies SPD-Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier die Darstellung der "Welt" zurück, die SPD-eigene Deutsche Druck und Verlags GmbH (DDVG) habe Glogowski beim Kauf seiner Eigentumswohnung in der Braunschweiger Innenstadt einen finanziellen Vorteil von 80.000 Mark eingeräumt. "Jede Behauptung dieser Art ist falsch." Glogowski hatte die rund 120 Quadratmeter große Wohnung Ende 1996 erworben. "Der Verkäufer hat ein bisschen Ärger gekriegt, dass er sie mir zu teuer verkauft hat", hatte Glogowski dazu am Dienstag gesagt.

Glogowski wird zudem seit Tagen vorgeworfen, er habe sich Reisen zum Teil von Unternehmen bezahlen lassen. Außerdem haben zwei Brauereien und eine Kaffeerösterei bei seiner Hochzeitsfeier gratis Bier und Kaffee ausgeschenkt.

Regierungssprecher Koerth sagte am Freitag, er habe die Öffentlichkeit stets nach bestem Wissen informiert. Grundlage seien die Informationen aus dem persönlichen Büro des Ministerpräsidenten gewesen. Koerth war unter Druck geraten, weil er aus Sicht der Opposition mehrfach versucht haben soll, Zusammenhänge zu vertuschen.



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