Religionen Wie eine Moschee den Volkszorn entfacht

Im Osten Berlins soll erstmals eine Moschee gebaut werden. Das Projekt bringt viele Bürger vor Ort auf. Rechtsextremisten versuchen, die Protestbewegung zu missbrauchen. Der Konflikt zeigt, welche verqueren Ängste Muslime in Deutschland auslösen.

Von Caroline Schmidt


Berlin - Bislang hat das Grundstück die Leute wenig gekümmert, ein alter Schornstein und ein paar gammelige Garagen aus Blech stehen dort. Rechts davon ein Schnellimbiss, links daneben ein zweigeschossiges Mietshaus, das einen neuen Anstrich braucht. Davor zischen die Autos vorbei Richtung Autobahn.

Doch seit die Bürger wissen, was auf diesen verwilderten 4800 Quadratmetern Bauland errichtet werden soll, wird protestiert, als solle der schönste Ort verschandelt werden - oder als stünde die Besetzung des Ortsteils Berlin-Heinersdorf unmittelbar bevor.

"Entspricht es der Wahrheit", heißt es in einem Flugblatt, "dass Kleingartenkolonien in Heinersdorf für die Errichtung arabischer Siedlungen im Gespräch sind?" Das entspricht nicht der Wahrheit - aber es ist das erste Mal, das eine islamische Gemeinde im Osten Berlins den Bau einer Moschee plant, ein Minarett da errichten will, wo der Ausländeranteil bis heute gering ist.

Eine seltsame Gesellschaft macht nun dagegen mobil: die rechtsextreme NPD mit Parolen vornweg, erregte Bürger, die um ihr Idyll bangen, sogar ein evangelischer Pfarrer, der Bedenken vorträgt. Der Fall ist exemplarisch: Seit islamische Gemeinden raus wollen aus grauen Hinterhöfen und rein ins öffentliche Leben, steigt die Zahl der Minarette in Deutschland. Allein die Ahmadiyya-Bewegung, die nach eigenen Angaben nur 30.000 Anhänger bundesweit umfasst, hat seit 1989 im Rahmen ihres 100-Moscheen-Planes zwölf Gebetsstätten in Deutschland gebaut, das Gotteshaus in Heinersdorf ist eines ihrer nächsten Vorhaben. Doch mit der Anzahl der Minarette wächst das Unbehagen vieler Deutscher - eine Mischung aus Ausländerfeindlichkeit und manchmal berechtigter Angst vor religiösen Fanatikern.

Selten eskalierte der Streit aber so wie im Osten der Hauptstadt. Die erste Informationsveranstaltung des Bezirks über den Moscheebau endete in einem Desaster - unter Polizeischutz wurde der Imam der Ahmadiyya-Gemeinde aus dem Saal gebracht. Über 1500 Empörte - Rentnerinnen, Familienväter und zwei Dutzend Skinheads - hatten sich eingefunden, in der überfüllten Grundschul-Turnhalle skandierten aufgebrachte Bürger: "Wir sind das Volk." Sie wollten "nicht mehr per Dekret regiert werden", erklärte der ehemalige Klinikarzt Heiner Fleck später, Sprecher der spontan gegründeten Heinersdorfer Interessengemeinschaft.

"Morgen bist du einen Kopf kürzer"

Ein gediegener älterer Herr, erinnert sich Jens-Holger Kirchner, Vorsitzender des Bezirksparlaments, habe ihn sogar persönlich bedroht. "Das überlebst du nicht", habe der Mann zu ihm gesagt, "morgen bist du einen Kopf kürzer." Tage später bekam er einen Anruf, eine offenbar ältere Frau schrie: "Die Moschee wird brennen!" Zwei Tage nach der Radau-Veranstaltung zog die NPD mit 200 Personen durch den Ort, Motto "Keine Moschee in Pankow".

Seit der aufgelösten Bürgerversammlung fragt sich der Bezirksbürgermeister Burkhard Kleinert (Linkspartei), wie die Politik verhindern kann, "dass Heinersdorf zu einem permanenten Konfliktherd wird". Eine weitere große Informationsveranstaltung will man so bald nicht wagen, zu groß sei die Gefahr, dass die wieder eskaliert. Zunächst soll dem Protest mit Aufklärung begegnet werden: mit einem Brief an alle Bürger Anfang Mai, der etwa darüber unterrichten soll, dass "im Rechtsstaat jeder gleiche Rechte hat", wie Kleinert sagt - wo der Christ eine Kirche bauen kann, darf auch der Muslim eine Moschee bauen, wenn er sich an die Bauvorschriften hält.

Die Moscheegegner lassen sich mit solchen Argumenten nicht umstimmen: 2000 Unterschriften haben sie inzwischen gesammelt, einen Verein gründen sie, eine Website wollen sie einrichten, und Juristen sollen untersuchen, ob der Vorbescheid der Baugenehmigungsbehörde rechtmäßig erteilt wurde. Auch ein Bürgerbegehren sei geplant.

Der 68-jährige Sprecher der Bürgerinitiative ist ein hagerer Mann mit Goldrandbrille. Mediziner Fleck hat viel gelesen, seit er Anfang März von dem geplanten Moscheebau erfuhr. Er hat sogar schon den Imam der Ahmadiyya besucht. Mit der NPD wolle er sich nicht in eine Ecke schieben lassen, sagt er. Ein diffuses Sammelsurium an Ängsten gebe es in Heinersdorf, gespeist durch "die Berichte im TV", räumt Fleck ein, "aber kann jemand ausschließen, dass sie nicht begründet sind?"

"Keine Verhältnisse wie im Irak"

Könne jemand ausschließen, fragt er, dass in Heinersdorf eines Tages nicht nur noch Muslime leben? Und was soll diese Moschee, die in einem Ortsteil ohne Ahmadiyya-Anhänger läge, anderes sein als ein "Missionshaus", um Heinersdorf schon jetzt zu verändern? Er, Fleck, wolle "weder solche Verhältnisse wie in einigen Westberliner Stadtteilen" noch "wie im Irak".

Imam Abdul Basit Tariq hat bereits Dutzende von Stunden mit Heinersdorfern Bürgern und Politikern geredet, um deren Ängste zu zerstreuen. Auf Heinersdorf, sagt er, sei man nur durch Zufall gekommen, die 200 Berliner Ahmadis wohnten in Ost und West zerstreut, das Grundstück sei eben günstig gewesen. Wenn man mit ihm spricht, wiederholt der Imam manche Sätze wie eine Gebetsformel, etwa: "Die Ahmadiyya ist für Glaubensfreiheit." Er sieht müde dabei aus. Er steht unter Druck. Er weiß, wozu derartige Proteste führen können.

In Hessen änderte die Politik einfach den Bebauungsplan, um eine Moschee zu verhindern. Dabei gilt diese Glaubensgemeinschaft unter Verfassungsschützern weder als gewaltbereit noch als extremistisch. Islam-Experten stufen die Ahmadis als erzkonservativ und sehr missionarisch ein, aber auch als friedliebend.

Doch an derlei feinsinnigen Unterscheidungen scheint in Heinersdorf kaum jemandem besonders gelegen zu sein, nicht mal dem evangelischen Geistlichen, der moderieren will, aber sich selbst längst eingeordnet hat in die Protestbewegung. Pfarrer Andreas Kaehler befürchtet, dass die dann ansässigen Ahmadis sogar "gegen den christlichen Glauben missionieren könnten". Im Internet hat er bereits ein Papier gefunden, auf dem die Ahmadiyya den Tod Jesu am Kreuz bestreitet.

Sein Fazit: "Das könnte zu unnötigen Auseinandersetzungen führen."



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