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Religionsdebatte in der SPD: Trennung von Staat und Kirche? Um Gottes Willen!

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Glauben ist Privatsache, Staat und Kirche sollten konsequent getrennt werden: Für dieses politische Ziel macht sich der Jungsozialist Oliver Lösch in der SPD stark - und stößt auf erbitterten Widerstand. Unterstützung für seine Sache kommt überraschend vom politischen Gegner.

SPD: Wie hältst du es mit der Religion, Genosse? Fotos
DPA

Freiburg - Es kommt nicht oft vor, dass Oliver Lösch, der Jungsozialist aus dem Kreis Landau (Pfalz), einen Liberalen lobt. Noch mehr als die CDU steht die FDP für all das, was er und seine jungen Parteifreunde ablehnen: Sozialabbau, Umverteilung von unten nach oben und ein Menschenbild, das seinem diametral entgegensteht: "Ungleichheit ist die Hefe im Teig der Marktgesellschaft."

Diesem Satz würde Lösch noch im Tiefschlaf widersprechen. Der Generalsekretär der FDP hingegen will ihn als Credo seiner Partei ins neue Programm schreiben lassen. Mit Christian Lindner ist Oliver Lösch in einem anderen Punkt dennoch ganz zufrieden. Der Generalsekretär hat eine Diskussion losgetreten, die auch Lösch für überfällig hält. Und er hat die gleichen Reaktionen geerntet, die auch auf Löschs Organisation niedergeprasselt sind, als sie erstmals das Dickicht des Internets verließ und an die Öffentlichkeit ging. Oliver Lösch, 25, ist einer der Sprecher der "Laizisten in der SPD".

Christian Lindner hat in der "FAZ" Glauben zur Privatsache erklärt: "Das Christentum ist nicht die deutsche Staatsreligion, sondern ein persönliches Bekenntnis der Bürger." Eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen. Es gebe keinen vernünftigen Grund mehr, die christlichen Kirchen gegenüber anderen Religionsgemeinschaften zu privilegieren. Die Wurzeln des Grundgesetzes reichten bis nach Rom und zur attischen Demokratie, ihre Prinzipien seien seit der Französischen Revolution erkämpft worden - "oft genug gegen den Widerstand der Kirchen".

Die Empörung über Lindner war groß - zumindest im Süden der Republik. Unter der Überschrift "Dann können Maria und Josef einpacken" hatte beispielsweise der Kommentator des Konstanzer "Südkurier" einige Mühe, seinen heiligen Zorn zu kanalisieren. Der FDP-Mann attackiere das, was "die Gesellschaft im Innersten zusammenhält", schrieb er. Dabei müssen Maria und Josef, wenn es nach Oliver Lösch geht, gar nicht einpacken. Jeder könne schließlich glauben, was er wolle, findet er. "Freiheit von der Religion, aber eben auch Freiheit zur Religion gibt es nur bei einer klaren Trennung von Staat und Religionsgemeinschaften."

Lösch ist kein Bilderstürmer, ein Eiferer schon gar nicht. Während des gesamten Gesprächs hebt er nicht einmal die Stimme, immer wieder betont er, wie wichtig ihm der Wert der Toleranz sei, dass er keinem Menschen seinen Glauben wegnehmen wolle. Dass er nicht einmal die Kirchensteuer abschaffen wolle. "Die könnte man meinetwegen sogar verdreifachen, sie sollen sie aber selbst einziehen." Wer Greenpeace unterstützen wolle, eine Gewerkschaft oder eine Bürgerinitiative, könne seinen Beitrag schließlich auch nicht vom Finanzamt einziehen lassen.

28 Millionen Deutsche ohne religiöse Bindung

Der Jungsozialist will, dass Staat und Kirche endlich konsequent getrennt werden, wie das in fast allen westlichen Ländern der Fall ist. Übrigens auch in der Türkei, in deren Schulen das Kopftuch als religiöses Symbol nicht getragen werden darf. "Völlig richtig" findet Lösch das. "Bereits etwa 28 Millionen Menschen in Deutschland haben keine religiösen Bindungen mehr. Angesichts der großen Tradition von Humanismus und Aufklärung in der SPD muss gerade die Sozialdemokratie für diese Menschen offen und attraktiv sein", heißt es auf der Homepage der Laizisten. Argumente, die bei der Parteiführung offenbar nicht verfingen. Die Domain www.spd-laizisten.de wurde ihnen von der Parteiführung untersagt, jetzt sind sie unter www.laizistische-sozis.de zu erreichen. Ganz schön viel Repression gegen einen Verband, dem mit Ingrid Matthäus-Maier, Rolf Schwanitz und Doris Barnett auch einige prominentere Sozialdemokraten angehören. Die SPD will die Laizisten jedenfalls nicht einmal als offiziellen Arbeitskreis anerkennen. Das hat der Parteivorstand Mitte Mai beschlossen.

Sehr zur Freude von Wolfgang Thierse, dem Sprecher des Arbeitskreises "Christen in der SPD". Der hatte schon zuvor die Befürchtung geäußert, seine Partei werde durch die 500 eingetragenen Laizisten "thematisch eingeengt." Was Lösch zu der Frage bringt, "wo denn die Einengung ist, wenn es uns nicht geben darf, aber einen Arbeitskreis Christen?" Es ist nicht das erste Mal, dass Lösch die Erfahrung macht, dass diejenigen, die Toleranz anmahnen, gegenüber abweichenden Meinungen am intolerantesten reagieren. Ob er Toleranz für einen christlichen Wert halte, wird er gefragt. Ihm entfährt ein kleiner Zischlaut, dann bittet er darum, die Frage öffentlich nicht beantworten zu müssen. Er will jetzt nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Die Kirchen und unser Geld
Friedelmaus 14.08.2011
Zitat von sysopGlauben ist Privatsache,*Staat und Kirche sollten konsequent getrennt werden: Für dieses*politische Ziel macht sich der Jungsozialist Oliver Lösch in der SPD stark - und stößt auf erbitterten Widerstand. Unterstützung für seine Sache kommt überraschend vom politischen Gegner. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,777968,00.html
Dazu gibt es nichts weiter zu sagen. Wenn die SPD mit ihrer Tradition den Laizismus nicht durchsetzen kann, wer dann? Aber das wird dauern, denn die "christlichen " Kirchen werden sich nie auf eine Kündigung der Konkordate einlassen. Ein sachlicher Fehler ist im Artikel enthalten: Der konfessionelle Religionsunterricht durch die Lehrer/innen in Schulen wird ebenfalls von den Schulträgern bezahlt - wenn ein Pfarrer/Diakon/Mönch ihn erteilt, erhält die jeweilige RG das entsprechende Entgelt. ABer das ist ja nicht das Einzige. Eine Aufzählung würde den Rahmen dieses Forums sprengen, aber es gibt dazu einige Literatur. Friedelmaus
2. Weiter so....
w.r.weiß 14.08.2011
Zitat von sysopGlauben ist Privatsache,*Staat und Kirche sollten konsequent getrennt werden: Für dieses*politische Ziel macht sich der Jungsozialist Oliver Lösch in der SPD stark - und stößt auf erbitterten Widerstand. Unterstützung für seine Sache kommt überraschend vom politischen Gegner. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,777968,00.html
...Herr Lösch, hoffentlich wird diese Trennung endlich mal vollzogen!! Religion ist reine Privatsache und macht auch nicht automatisch zu einem besseren Menschen!
3. Glauben ist Privatsache
preacherman, 14.08.2011
Zitat von sysopGlauben ist Privatsache,*Staat und Kirche sollten konsequent getrennt werden: Für dieses*politische Ziel macht sich der Jungsozialist Oliver Lösch in der SPD stark - und stößt auf erbitterten Widerstand. Unterstützung für seine Sache kommt überraschend vom politischen Gegner. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,777968,00.html
Ein mutiger junger Mann. Er wird feststellen, das "Tea Party" keine amerikanisches Monopol ist. preacherman Ohne Einfalt keine Dreifal
4. Titel
Tikal69 14.08.2011
Zitat von sysopGlauben ist Privatsache,*Staat und Kirche sollten konsequent getrennt werden: Für dieses*politische Ziel macht sich der Jungsozialist Oliver Lösch in der SPD stark - und stößt auf erbitterten Widerstand. Unterstützung für seine Sache kommt überraschend vom politischen Gegner. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,777968,00.html
Recht hat der Mann. Es ist schon sehr verwunderlich, dass ausgerechnet die Arbeiterpartei SPD sich so sehr gegen dieses Projekt sträubt Meine Unterstützung hat er jedenfalls.
5. ...
TC Matic 14.08.2011
Zitat von sysopGlauben ist Privatsache,*Staat und Kirche sollten konsequent getrennt werden: Für dieses*politische Ziel macht sich der Jungsozialist Oliver Lösch in der SPD stark - und stößt auf erbitterten Widerstand. Unterstützung für seine Sache kommt überraschend vom politischen Gegner. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,777968,00.html
Hoffentlich wird diese Diskussion nicht von den Frömmlern in den Parlamenten als "rassistisch" abgewürgt und konsequent weiter geführt, bis eine Lösung gefunden ist, die auch den "28 Millionen Deutsche ohne religiöse Bindung" gerecht wird. Es ist m.E. verfassungswidrig, daß diese 28 Mio. über Steuern den christlichen Klerus und religiöse Einrichtungen mitfinanzieren!
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