Verzicht auf Kandidatur: Piraten-Vorstand Brosig zieht sich zurück

Zu viel Stress: Rene Brosig, Vorstandsmitglied und Bundesschatzmeister der Piratenpartei, will seine Ämter aufgeben. Beim Parteitag Ende des Monats werde er nicht wieder kandidieren, erklärte Brosig. Er ist nicht der erste Pirat, der wegen zu hoher Belastungen ausscheidet.

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dapd

Der Höhenflug der Piraten fordert seinen Tribut

Berlin - Der Erfolg der Piratenpartei fordert offenbar seinen Preis. Am Montag zog Bundesschatzmeister Rene Brosig seine erneute Kandidatur für das Amt wegen persönlicher Überlastung zurück. Durch doppelte Arbeit in Beruf und Partei befinde er sich in einem Zustand der permanenten Anspannung, schrieb der Familienvater aus Mittelfranken auf der Internetseite der Piraten. "Eine Nacht ist bei mir heute nach etwa 4-5 Stunden Schlaf zu Ende und freie Wochenenden gibt es praktisch nicht mehr."

Der ständige Stress mache ihn zunehmend gereizt, schrieb das Vorstandsmitglied der Partei weiter. "Deswegen war ich im letzten Jahr nicht der Ehemann, der ich sein sollte und ich war auch nicht der Freund, der ich sein müsste." Viele Piraten dankten Brosig nach Bekanntwerden des Rückzugs im Kurznachrichtendienst Twitter und zollten ihm Respekt. Die Piraten wählen bei einem Bundesparteitag in Neumünster Ende des Monats einen neuen Vorstand.

Mit dem Rücktritt dürfte auch die Debatte über eine Bezahlung von Vorstandsämtern neuen Schwung gewinnen. Bislang arbeiten alle führenden Piraten ehrenamtlich. Schatzmeister Brosig verwies in seiner Erklärung auch darauf, dass er neben dem Parteiamt auch seinen Lebensunterhalt verdienen müsse. Darüber hinaus habe er nur entweder für seine Familie oder für ein Vorstandsamt Zeit. "Somit werde ich vor die Entscheidung gestellt: Familie oder ein Amt im Bundesvorstand der Piratenpartei. Dabei gewinnen ganz klar meine Frau und meine Freunde."

Claudia Roth sagt Debatte mit NRW-Pirat Joachim Paul ab

Vor Brosig hatten sich in den vergangenen Monaten bereits andere prominente Piraten von Spitzenämtern zurückgezogen. Bereits zu Jahresbeginn hatte die politische Geschäftsführerin der Partei, Marina Weisband, ihren Verzicht auf eine erneute Kandidatur angekündigt. Auch sie hatte das mit ihrer Überlastung begründet und angegeben, sich auf ihre Diplomarbeit konzentrieren zu wollen.

Auch der Chef des Berliner Landesvorstands, Gerhard Anger, war auf dem letzten Parteitag nicht wieder angetreten. Er verwies auf die "emotionale Belastung" durch die Parteiarbeit. Zuvor waren die Hauptstadt-Piraten von einer Affäre um Erpressungs- und Nötigungsvorwürfe erschüttert worden.

Ungeachtet der Rücktritte sorgt der Höhenflug der Piraten bei den anderen Parteien für Nervosität. Grünen-Chefin Claudia Roth sagte eine für Mittwoch geplante Diskussionsveranstaltung mit dem Spitzenkandidaten der Piraten in Nordrhein-Westfalen, Joachim Paul, mit Verweis auf andere Prioritäten ab.

syd/dapd

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1. Rotation
suchenwi 16.04.2012
Der Vorstand der Piratenpartei wird jährlich auf einem Bundesparteitag von den dort akkreditierten Mitgliedern neu gewählt. Und in der Regel umbesetzt: seit der Gründung 2006 hat kein Pirat ein Vorstandsamt länger als zwei Jahre ausgeübt - in Piratenpartei Deutschland (http://de.wikipedia.org/wiki/Piratenpartei_Deutschland) ist eine übersichtliche Tabelle. Das war kein Problem, solange die Partei wirklich klein war, aber eben auch erfolglos. Mit jedem Wahlerfolg kommen zwei Konsequenzen: - das Interesse der Presse/Radio/TV nimmt zu - die Mitgliedzahl steigt sprunghaft an (z.B. von 12000 im Sept. 2011 auf 25000 heute). Beides schafft dem Vorstand deutlich mehr (unbezahlte) Arbeit. Bezahlung ist nach jetzigem Kassenstand aber nicht drin - die großen Stimmenzahlen etwa in Berlin schlagen sich erst mit ein- bis zweijähriger Verzögerung in Wahlkampfkostenerstattung nieder. Und Wahlkämpfe kosten Geld, auch wenn es weniger als bei den etablierten Parteien ist, da sehr viele Piraten unbezahlt als Helfer, Transporteure usw. einspringen.
2.
PiratParzival 16.04.2012
Das ist die Rechnung dafür das ihr so viele Ideale verraten habt um an die macht zu kommen und schöne Posten zu besetzen. Die Politik von CXU, SDP und FDP ist nicht mehr alternativlos, der Wähler kann sich von befreien. Die Piraten bekommen mit dem Erfolg mehr Veranntwortung und Arbeit, diese sollte, ohne das sie ihre Werte verraten auch durch eine angemessene Vergütung der wichtigsten parteiinternen Funktionen erfolgen. Ich habe tiefstes Vertrauen, das die Piraten die richtigen in diese Ämter wählen und die Piraten nicht sich nicht mit der Macht an die anderen anpassen. Ich bin froh das es die Piraten gibt und ich einer von ihnen sein darf (www.pirat-parzival.de). Also weiter so, lasst uns die Welt verändern!
3.
Woogpirat 16.04.2012
"seit der Gründung 2006 hat kein Pirat ein Vorstandsamt länger als zwei Jahre ausgeübt" - Es gibt _eine_ Ausnahme: Jens Seipenbusch war seit der Gründung mehrere Jahre als stellvertr. Vorsitzender bzw. Vorsitzender dabei. (wie er das finanziell hinbekommen hat, habe ich mich immer gefragt...)
4. Zwangsformatierung der Piratenpartei?
rabula_raser 16.04.2012
Zitat von sysopdapdZu viel Stress: Rene Brosig, Vorstandsmitglied und Bundesschatzmeister der Piratenpartei, will seine Ämter aufgeben. Beim Parteitag Ende des Monats werde er nicht wieder kandidieren, erklärte Brosig. Er ist nicht der erste Pirat, der wegen zu hoher Belastungen ausscheidet. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,827943,00.html
Sicherlich, es wäre nützlich und bequem für die Sprachregelungs- und Kampagnenregisseure der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, wenn es gelänge, die Piratenpartei auf eben genau jenes Format zu konditionieren, wie es bei den post-demokratischen Parteien des sogen. bürgerlichen Lagers, also der CDU, CSU, FDP, SPD und dem Metzger-Flügel des Bündnis 90 / Die Grünen vorherrschendes Format ist. Diese Art und Form einer Klientel- und Lobbygruppeninteressenvertretungsdemokratur, die von immer mehr Bürgerinnen und Bürgern als Refeudalisierung Deutschlands wahrgenommen wird, muss und wird wohl auch von der Piratenpartei als Gegenentwurf für einen freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat mit der Grundlage der Fairness im Sinne der Prizipien "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" von 1789 verstanden und so eben auch aller Wähler, die sich zu dieser Widerstands- und Demokratisierungspartei bekennen.
5. ...
deus-Lo-vult 17.04.2012
Zitat von sysopdapdZu viel Stress: Rene Brosig, Vorstandsmitglied und Bundesschatzmeister der Piratenpartei, will seine Ämter aufgeben. Beim Parteitag Ende des Monats werde er nicht wieder kandidieren, erklärte Brosig. Er ist nicht der erste Pirat, der wegen zu hoher Belastungen ausscheidet. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,827943,00.html
Das ist genau das, was auch viele Unternehmer bezüglich der jüngeren Generation feststellen: Nicht belastbar! Wenn dann auch noch Unwille dazukommt.....
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