Klöckner und Seehofer in Ludwigshafen Bier drei Euro, Weinschorle umsonst, Stimmung unbezahlbar

Horst Seehofer ist eine Gefahr für die Union, sagen sie in der rheinland-pfälzischen CDU. Doch das ist jetzt egal. Der CSU-Chef soll im Wahlkampf helfen, Stimmen am rechten Rand zu sammeln. Ein Besuch in Ludwigshafen.

DPA

Aus Ludwigshafen berichtet


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Nein, von Horst Seehofer wollten sie nichts wissen. Wann immer man in den vergangenen Wochen führende Konservative in Rheinland-Pfalz auf den CSU-Chef angesprochen hat - die Reaktionen waren immer gleich: Augenrollen, Stirnrunzeln, Kopfschütteln. "Niemand versteht noch, was der Seehofer da macht", sagte zum Beispiel einer hinter vorgehaltener Hand. An anderer Stelle hieß es: "Jeder weiß, dass uns Streit in der Union bei den Wählern schadet."

In der Flüchtlingskrise wettert der bayerische Ministerpräsident gegen die Kanzlerin - und hat damit auch die Wahlkämpfer im Südwesten in Verlegenheit gebracht. Jetzt steht CDU-Spitzenkandidatin Julia Klöckner zwischen eingetopften Bäumchen auf einer Bühne in Ludwigshafen-Oggersheim. Blazer, breites Grinsen, daneben: Seehofer. Die Stimmung ist gut. "Liebe Julia", "lieber Horst".

Noch zwei Wochen bis zur Wahl - und Klöckners Team spielt mit dem Feuer. Zwar hat auch die CDU-Politikerin in der Flüchtlingskrise für reichlich Schlagzeilen gesorgt. Doch Seehofer ist zumindest im Tonfall eine andere Hausnummer. Seit Monaten treibt er die Spaltung der Union voran. Er fordert rabiat eine Obergrenze bei der Zuwanderung. Merkel ist dagegen. Den Zustand in Deutschland bezeichnete er als eine "Herrschaft des Unrechts". Im SPIEGEL warnte Seehofer die CDU vor Realitätsverlust.

Weinschorle umsonst

Jetzt also Oggersheim, der Wohnort von Helmut Kohl. Der Festsaal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Eine Blaskapelle spielt. Das Bier kostet drei Euro, die Weinschorle gibt es umsonst. Klöckner erzählt, sie habe eben noch mit der Kanzlerin telefoniert. Merkel habe gesagt: "Wir müssen die Enden zusammenhalten."

Bleibt nur die Frage: Was sind die Enden?

Seit Wochen setzt sich Klöckner von Merkel ab - und heizt die Stimmung an. Nicht so polternd wie Seehofer, aber doch so, dass es jeder merken soll. Dabei hatte sie sich in der Vergangenheit immer gern als Vertraute Merkels präsentiert. Aber Klöckner fürchtet, dass ihr der liberale Flüchtlingskurs der Bundesregierung am Ende den Wahlsieg kosten könnte.

Klöckners Partei sackt in den Umfragen immer weiter ab. Das Meinungsforschungsinstitut Insa sah die CDU zuletzt sogar nur noch zwei Prozentpunkte vor den Sozialdemokraten. Stattdessen sitzt die AfD Klöckner im Nacken.

Ein Problem: Die Spitzenkandidatin will seriös wirken, sich nicht vollends mit der Kanzlerin überwerfen - und trotzdem den Rechtspopulisten nicht das Feld überlassen. Zu ihrem Konzept gehörte deshalb eine Politik, in der zwar Seehofer steckt, die sich aber nach außen hin anders verkaufen lässt. "A2" war so ein Spagat: Ein Plan von Ende Januar, der wie in Österreich Tageskontingente für Flüchtlinge vorsieht - verkappte Obergrenzen, wie sie Bayern will.

Spätestens als Klöckner nachlegte und ihre Forderung in einem Papier mit dem baden-württembergischen CDU-Spitzenkandidaten Guido Wolf untermauert, war klar: Getrieben von der Angst vor einer Wahlschlappe, will Klöckner in der Flüchtlingspolitik einen schärferen Ton anschlagen - und ist dazu bereit, Berlin noch offener die Stirn zu bieten.

Und dann war da noch die Einladung an Seehofer.

Der hat viel Zeit mitgebracht. Eine Stunde spricht der Ministerpräsident in Oggersheim, macht Witzchen über das bayerisch-pfälzische Verhältnis, über die verkopfte Politik in Berlin und plaudert über seine Zeit als Berufsanfänger in der Kommunalverwaltung von Ingolstadt. Seehofer ist gut gelaunt. Das muss er auch, nach Zank und Zwist soll hier nichts aussehen, so will es der Klöckner-Spagat. Doch Seehofer soll auch Klartext reden.

"Deutschland muss Deutschland bleiben"

Und der CSU-Chef liefert. Er sagt Sätze wie: "Integration muss eine Richtung haben. Die Richtung sind unsere Werte, die Richtung ist auch unsere Kultur." Und: Die Zuwanderer müssten sich bemühen, "nicht zu unseren Soziallasten zu werden". Oder: "Deutschland muss Deutschland bleiben."

So etwas kommt an beim rheinland-pfälzischen CDU-Volk. Auch als Seehofer von einer "Völkerwanderung" spricht und als er erneut betont: "Wir müssen die Zuwanderung begrenzen." Für Seehofer geht das nur mit nationalen Kontrollen. Alle Länder auf der Balkanroute handelten so, sagt er. "Aber wir können uns nicht auf alle Ewigkeit darauf verlassen, dass andere unsere Grenzaufgaben machen." Mit Merkels Linie hat das nichts zu tun. Standing Ovations im Festsaal.

Klöckner hat bei solchen Veranstaltungen leichtes Spiel. Neben konservativen Hardlinern kann sie die bedachte Landesmutter mimen. Niemand geißelt sie in diesen Momenten für einen rechten Kurs. Dabei soll genau diese Botschaft bleiben: Es muss mehr durchgegriffen werden bei den Migranten. Nur sind es andere, die für Klöckner krakeelen. In ihrer eigenen Rede spart sie ihre Forderung nach Tageskontingenten komplett aus.

Erst vor wenigen Tagen hatte Klöckner zum Talk nach Mainz geladen. In der Runde saß Österreichs junger Außenminister Sebastian Kurz - sein Land bestimmt mit Obergrenzen für Flüchtlinge die Schlagzeilen. Daneben: Udo di Fabio, einst Bundesverfassungsrichter, kürzlich Autor eines Gutachtens, auf das sich die CSU in ihren Forderungen nach einer härteren Asylpolitik stützt. Jetzt das Treffen mit Seehofer. Man kann seine Haltung auch durch die Auswahl der Gesprächspartner offenbaren.

Die Klöckner-CDU nimmt Kratzer im Verhältnis zu Merkel in Kauf, sie akzeptiert, wenn die Stimmung in der Flüchtlingskrise weiter hochkocht. Es ist ein hoher Einsatz im Wahlkampf.

Am Ende gibt es Blumen und ein gemeinsames Foto. Klöckner lobt Seehofer. Er habe sich ordentlich verhalten. Seehofer sagt: "So wie Kretschmann für die Kanzlerin betet, bete ich für deinen Erfolg." Anders herum kann man sich es auch wirklich kaum vorstellen.

Zusammengefasst: In der rheinland-pfälzischen Union ist CSU-Chef Horst Seehofer umstritten. Doch zwei Wochen vor den Landtagswahlen soll der bayerischen Ministerpräsident im Wahlkampf helfen. Bei einem Treffen in Ludwigshafen demonstrierten Seehofer und CDU-Spitzenkandidatin Julia Klöckner Einigkeit in der Flüchtlingspolitik.


Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels konnte der Eindruck entstehen, als habe die CDU Horst Seehofer erst Mitte Februar nach Rheinland-Pfalz eingeladen. Ein Besuch wurde jedoch offenbar bereits im Dezember vereinbart, Ort und Termin dann später festgezurrt.

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