Rheinland-Pfalz König Kurt vermisst die Liberalen

Kurt Beck hat einen grandiosen Wahlsieg eingefahren und kann ohne die FDP regieren. Doch die Genossen in Rheinland-Pfalz empfinden nicht nur pure Freude, denn jetzt müssen sie das strukturkonservative Land allein in den Griff kriegen.

Von , Mainz


Mainz - Kurt Beck macht einfach da weiter, wo er im Wahlkampf aufgehört hat. Er schüttelt Hände. Viele Hände. "Grüß dich", sagt er zu jedem, der sie ihm entgegenstreckt. Die meisten kennt er sogar persönlich. Der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz dreht den Kopf hin und her, grüßt die Anhänger, grüßt die Sicherheitsleute, grüßt die Journalisten: "Grüß dich!" Er lächelt, er klopft Schultern und wird geklopft.

Wahlsieger Beck: Lächeln, grüßen, lächeln 
Getty Images

Wahlsieger Beck: Lächeln, grüßen, lächeln 

Es ist der Wahlabend, 18:51 Uhr, in den ersten Hochrechnungen liegt die SPD bei 45 Prozent der Stimmen und kann sogar mit einer absoluten Mehrheit rechnen. Ihr Spitzenkandidat Beck passiert gerade die Treppe zum Landtagsgebäude am Mainzer Rheinufer. Weil es so warm ist, zwitschern draußen die Vögel; weil Sieg und Gedränge so groß sind, hauen drinnen die Fotografen den Radioreporterinnen die Objektive auf den Kopf. Kurt Beck aber ist heute nicht von dieser Welt, er lächelt und grüßt und lächelt und grüßt.

Im Wahlkampf musste er sich zwischenzeitlich das rechte Handgelenk verarzten lassen, wegen der vielen geschüttelten Hände. Jetzt hat man fast Angst um seine Kiefermuskeln. "In der Tat, das ist ein großartiges Ergebnis", lächelt Beck. Aber kein Grund abzuheben: "In bewährter Form werden wir mit beiden Beinen auf dem Boden regieren", sagt der wohl bodenständigste Ministerpräsident, den die deutsche Sozialdemokratie je in ihren Reihen hatte.

Humpelnd auf dem sozialdemokratischen Standbein

Nun hat aber der rheinland-pfälzische Wähler dem Ministerpräsidenten das liberale Bein weggezogen, denn die FDP scheint Kurt Beck aller Voraussicht nach nicht mehr zu benötigen für die Mehrheitsbildung im Land der Reben und Rüben. Jetzt humpelt Beck auf seinem sozialdemokratischen Standbein. So deutschlandweit einzigartig die sozialliberale Koalition in den vergangenen 15 Jahren in Rheinland-Pfalz war, so freundschaftlich ist sie auch geführt worden. Würden andere Parteiführer in einer solchen Situation der absoluten Mehrheit ihre Mundwinkel noch höher ziehen, bei Beck lässt die Spannung nach, der Mund wird zum waagrechten Strich: "In jedem Fall, so oder so, werde ich Gespräche mit der FDP führen", sagt er. Und lächelt nicht, und grüßt nicht, schaut nur entschlossen.

Sein Blick trifft FDP-Landeschef Rainer Brüderle. Beck verdrängt all die Aufregung um sich herum, er schaut Brüderle fest in die Augen: "Morgen reden wir." Dann nimmt der Liberale Brüderle den Sozialdemokraten Beck in die Arme. Beck: "In jedem Fall reden wir." Entsprechendes politisches Liebkosen wiederholt sich noch einmal mit FDP-Wirtschaftsminister Hans-Artur Bauckhage. Das ist keine Show. Beck hegt freundschaftliche Gefühle und Verbundenheit für seine politischen Partner.

Hinzu kommt die Angst der Sozialdemokraten, allein zu sein in Rheinland-Pfalz. Denn dieses strukturkonservative, sehr bedächtige Land beherrschte die CDU vier Jahrzehnte lang in Erbpacht. Die christdemokratischen Regenten Peter Altmeier, Helmut Kohl und Bernhard Vogel verpassten Rheinland-Pfalz ihren Prägestempel. Erst dem ebenfalls sehr bedächtigen Sozialdemokraten Rudolf Scharping gelang es 1991, der CDU die Macht an Rhein und Mosel zu entreißen. Allerdings mit Hilfe eines bürgerlichen Korrektivs, der FDP. Sozialdemokratische Politik in Rheinland-Pfalz war fortan immer Konsenspolitik. Und das kam an bei den Wählern. Mit den Grünen kam weder für Scharping noch für Beck eine - rechnerisch durchaus mögliche - Zusammenarbeit in Frage. Beck verspottete die Ökopaxe immer wieder als "Mopsfledermauspartei".

Unbändige Freude und gleichzeitige Verstörung über den grandiosen Wahlsieg sind nicht nur Becks Sache allein. Sie deklinieren sich durch alle Ebenen der Sozi-Partei. "Toll, gleich kommt der Cheffe vorbei", sagt eine Parteisoldatin. "Ui, das ist großartig heute", sagt die andere, "aber absolute Mehrheit, das bekommt doch keinem."

SPD: "Hurra, hurra, hurra!"

Im zweiten Stock des Abgeordnetenhauses gegenüber dem Landtag klettert der SPD-Fraktionsvorsitzende Joachim Mertes schon um 18.04 Uhr freudig aufs Podium. Weil das Mikrofon nicht funktioniert, kann er sich ursozialdemokratisch geben: "August Bebel musste das auch ohne Mikro machen", brüllt er in den von Jubel und Rauch erfüllten Saal. Die ersten Zahlen seien zwar nur eine Prognose, etwa so "wie der Schaum auf dem Bier, aber schön ist das jetzt schon". Mit Bebels Zeit hat Mertes begonnen, mit einem kaiserlichen Hochruf auf König Kurt endet er: "Hurra, hurra, hurra!"

Genau 150 Minuten später betritt Mertes die FDP-Wahlparty im Erdgeschoss des Abgeordnetenhauses. Alle SPD-Leute tragen heute einen kleinen gold-roten Anstecker "Wir für Beck". Joachim Mertes trägt jetzt darunter noch einen kleinen goldgelben Grundriss von Rheinland-Pfalz. Das tragen heute alle hier in Raum 001 bei der FDP. "Es war eine wirklich gute Koalition", sagt der SPD-Fraktionschef. Gerade habe er der FDP trotz absoluter SPD-Mehrheit eine Koalition angeboten, die aber sei zurückhaltend. "Das war hier alles sehr freundschaftlich bei uns, sonst hätten wir das nicht 15 Jahre lang machen können", sagt Mertes noch. Ob bewusst oder unbewusst, von der FDP redet er fortwährend in der Vergangenheit.

Die Liberalen sind den Grünen heute in Rheinland-Pfalz so nah wie selten zuvor. Wenn die einen an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, vermasselt das den anderen die Regierungsbeteiligung, weil der SPD ohne die Grünen im Landtag rund 45 Prozent für die absolute Mehrheit genügen. Und so interessiert bei den Liberalen mehr das Ergebnis der grünen Konkurrenten: "Sie sind jetzt auf 4,6", schallt es durch den liberalen Fraktionsflur. Und statt "sie" könnte es auch "wir" lauten.

CDU: "Beschissen wäre geprahlt"

Die Pläne der FDP scheinen Makulatur. Für die nächsten fünf Jahre in der sozialliberalen Koalition war die geordnete Stabübergabe an die Jüngeren in der Partei geplant. Alles vor dem Hintergrund einer stabilen Regierungsbeteiligung. Verbannt in die Opposition, werden Brüderle und Bauckhage wohl schneller aufs Altenteil geschoben. Besonders Bauckhage stehe ganz oben auf der Abschussliste, heißt es in Parteikreisen.

Die mieseste Stimmung aber herrscht im dritten Stock des Abgeordnetenhauses, bei der CDU: "Beschissen wäre geprahlt", sagt einer über die Situation. Spitzenkandidat Christoph Böhr sieht das genauso, seine Partei muss das schlechteste CDU-Ergebnis aller Zeiten in Rheinland-Pfalz verbuchen. Um 18.49 Uhr tritt der Geschlagene mit apathischem Blick vor die Kameras: "Das ist ein dramatisch schlechtes Wahlergebnis."

Und während Kurt Beck den ganzen Abend seine Frau Roswitha mehr oder weniger an seinem starken Arm hinter sich herzieht, ist Margret Böhr immer gleichauf mit ihrem Mann, stützt ihn. Als Böhr kurz darauf vor die eigenen Leute tritt, hat jemand vergessen, den Fernseher leise zu drehen: "Wir haben die Wahl verloren", beginnt Böhr gerade seine Rede - und aus dem Off unterlegt das der eben aufgezeichnete TV-Böhr mit den Worten: "Ich werde meine beiden Ämter - den Fraktionsvorsitz und den Landesvorsitz - zur Verfügung stellen." Für Bedächtigkeit ist keine Zeit mehr in der rheinland-pfälzischen CDU. Böhr sagt dann nur noch "Danke" - und geht.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.