Richard von Weizsäcker "Wir haben niemanden, der sich äußert wie er"

Richard von Weizsäcker galt als idealer Bundespräsident. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt CDU-Vorstandsmitglied Friedbert Pflüger die Wortgewalt seines früheren Chefs und verrät, wie dessen berühmte Rede zum Kriegsende entstand - in einem alliierten Flugzeug.

Richard von Weizsäcker: "Für ihn war die Partei ein Mittel zum Zweck"
MARCO-URBAN.DE

Richard von Weizsäcker: "Für ihn war die Partei ein Mittel zum Zweck"


SPIE GEL ONLINE: Herr Pflüger, Richard von Weizsäcker gilt den Deutschen noch immer als der ideale Präsident. Warum eigentlich?

Pflüger: Er ist der Idealtypus eines liberalen Großbürgers, bei dem Anspruch und Wirklichkeit übereinstimmen. Zudem hat sich Weizsäcker immer als überparteilich verstanden.

SPIEGEL ONLINE: Weizsäcker hat der CDU in vielen Funktionen gedient, war Abgeordneter, später Regierender Bürgermeister von Berlin ...

Pflüger: Weizsäcker hat dem Land gedient. Für Helmut Kohl war die CDU immer seine Familie. Für Weizsäcker dagegen war die Partei ein Mittel zum Zweck in der repräsentativen Demokratie, als Mittler zwischen Volk und Staat. Weizsäckers Herz gehört nicht der CDU, sondern dem demokratischen Staat und der Zivilgesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Ist dies ein Grund für das spannungsreiche Verhältnis zwischen Kanzler Kohl und Präsident Weizsäcker?

Pflüger: Auch. Lange lief es zwischen beiden gut, da haben sie sich ergänzt. Auf der einen Seite der Macher mit dem Machtanspruch, auf der anderen der im Ton feinere, in der Herangehensweise intellektuellere Weizsäcker. Lange Zeit war das ein Traumdoppel.

SPIEGEL ONLINE: Wann ist das umgeschlagen?

Pflüger: Das erste Mal 1983, als Kohl seine Unterstützung für Weizsäckers Präsidentenkandidatur zurückzog. Aber vor allem nach 1989. Weizsäcker hat die außenpolitische Leistung Kohls immer gewürdigt, allerdings war er mit der Umsetzung der Einheit im Innern Deutschlands nicht zufrieden. Und die beiden hatten eben dieses grundsätzlich andere Verhältnis zum Parteienstaat. Weizsäcker hat einmal gesagt, die Parteien dürften sich den Staat nicht zur Beute machen. Kohl fühlte sich angesprochen.

SPIEGEL ONLINE: Weizsäcker wirkte wie kein anderer Präsident über das Wort. Zum 40. Jahrestag der Kapitulation von Nazi-Deutschland am 8. Mai 1985 hielt er seine berühmteste Rede, Sie waren damals einer seiner engsten Mitarbeiter. Wie entsteht eine solche Rede?

Pflüger: Es ist seine Rede, nicht die eines Redenschreibers. Aber wir haben monatelang darüber diskutiert. Weil wir spürten: Das wird ganz wichtig. Das Ausland schaute auf uns, die Deutschen brauchten Orientierung. Das Datum war geradezu ideal: Vierzig Jahre - da ist das Kriegsende nah genug, um die Menschen zu berühren, und fern genug, um sich diesem Datum mit Offenheit zu stellen.

SPIEGEL ONLINE: Wie liefen die Diskussionen ab?

Pflüger: Wir haben sie zum Beispiel auf unseren regelmäßigen Flügen ins damalige West-Berlin immer wieder geführt. Das war immer eine ganz besondere Situation. Damals konnte man ja nicht mit einer bundesdeutschen Regierungsmaschine über DDR-Territorium fliegen, sondern musste die Luftkorridore der Westalliierten und deren Flugzeuge nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Die bedeutendste Rede eines westdeutschen Staatsoberhaupts entstand in amerikanischen Verkehrsflugzeugen hoch oben über der DDR?

Pflüger: Nicht ganz. Oft sind wir in Frachtmaschinen mitgeflogen. In denen wurde ein Abteil für den Präsidenten und seine Begleitung hergerichtet - allerdings meist ohne Fenster. Und da haben wir überlegt: Was soll die Linie der Rede sei? War der 8. Mai Befreiung oder Katastrophe? Anfangs wollte Weizsäcker das im hergebrachten Sinne lösen, so wie alle vor ihm: Es ist sowohl der Tag der Niederlage als auch jener der Befreiung.

SPIEGEL ONLINE: Es ist anders gekommen, seit Weizsäckers Rede gilt der 8. Mai in Deutschland uneingeschränkt als Tag der Befreiung.

Pflüger: Genau. Denn auf einem der Flüge nach Berlin sagte Weizsäcker plötzlich, er könne nicht bei diesem Sowohl-als-auch bleiben. Er wollte diesen Konflikt auflösen, die Menschen aber nicht vor den Kopf stoßen, sondern mitnehmen. So ist diese zentrale Passage entstanden: Niemand werde vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber der Tag sei dennoch der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus.

SPIEGEL ONLINE: Kann eine politische Rede heute überhaupt noch ähnliche Wirkung entfalten?

Pflüger: Warum nicht? Wenn alle Umstände zusammenkommen: Eine Person mit besonderem Lebenslauf, ein nach Orientierung suchendes politisches Umfeld, ein in der Gesellschaft empfundenes Vakuum.

SPIEGEL ONLINE: Dann wäre jetzt die beste Zeit dafür.

Pflüger: Das stimmt. Wir verlieren im internationalen Vergleich Anschluss, wir sind in einer äußerst schwierigen wirtschaftlichen Phase, die Mittelschicht hat Abstiegsängste, die unteren Schichten sind von Hoffnungslosigkeit geprägt.

SPIEGEL ONLINE: Warum hören wir dann nichts von Bundespräsident Horst Köhler?

Pflüger: Vielleicht kommt das ja noch.

SPIEGEL ONLINE: Der Mann ist bereits seit 2004 im Amt.

Pflüger: Es ist in dieser Zeit der Unsicherheit bisher keinem deutschen Politiker gelungen, Orientierung, Zuversicht und Vertrauen zu geben. Wir haben niemanden, der sich klug und feinsinnig über die Grundlagen unseres Gemeinwesens äußert wie das einst Weizsäcker tat. Ich wünschte mir, dass der amtierende Präsident das stärker tut. Und wie viele andere im Land warte ich auf eine entsprechende Rede. Es gibt aber auch noch einige andere Reden zu halten.

SPIEGEL ONLINE: Neben jener wegweisenden zur Wirtschaftskrise?

Pflüger: Denken Sie an 1989. Die Rede zur Einordnung der DDR, der Täter, der Mitläufer und des Widerstands ist noch nicht gehalten worden.

SPIEGEL ONLINE: Wer könnte die halten?

Pflüger: Mein Wunschkandidat als Bundespräsident war neben Wolfgang Schäuble immer Richard Schröder. Er hat zwar ein SPD-Parteibuch, aber im Herzen ist er überparteilich wie Weizsäcker. Vielleicht bedarf es für eine solch klärende und einordnende Rede einer Persönlichkeit, die den Umsturz in der DDR miterlebt hat und die so sehr wie Schröder zu Wahrheit und Reflexion in der Lage ist. Vielleicht bekommt er noch einmal eine Chance.

SPIEGEL ONLINE: Dann müssten sich die Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung aber deutlich ändern.

Pflüger: Das mag sein. Aber man wird ja sagen dürfen, was gut wäre.

Das Interview führte Sebastian Fischer



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.