Clintons Ex-Wahlkampfmanager zu Fake News "Wir müssen das stoppen"

Robby Mook kennt sich mit Fake News und Leaks bestens aus: Als Wahlkampfmanager von Hillary Clinton hatte er ständig dagegen zu kämpfen. Hier gibt er den deutschen Parteien Tipps, wie sie sich im Wahlkampf wehren können.

Robby Mook
Werner Schuering/ DER SPIEGEL

Robby Mook


Zur Person
    Robby Mook, 37, war Hillary Clintons Wahlkampfmanager in ihrem Kampf ums Weiße Haus, arbeitet seit den Neunzigerjahren als Berater für die Demokratische Partei und gilt als Experte für digitale Strategien. Im Vorfeld der Bundestagswahl tourt er gerade durch die Wahlkampfzentralen deutscher Parteien.

SPIEGEL ONLINE: Der Wahlkampf läuft an, Sie sind gerade auf einer Rundtour durch Berliner Parteizentralen. Was empfehlen Sie Ihren Kollegen?

Mook: Sie sollten extrem wachsam sein und aktiv gegen jeden Versuch fremder Mächte vorgehen, sich in den Bundestagswahlkampf einzumischen.

SPIEGEL ONLINE: Rechnen Sie damit?

Mook: Ich bin nach dem, was wir gerade in den USA erlebt haben und erleben sogar fast sicher, dass es passieren wird.

SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie damit Fake News, also gezielte Falschinformationen, um einzelnen Kandidaten oder Parteien zu schaden? Oder meinen Sie Datenleaks wie die Veröffentlichung der E-Mails des Democratic National Committee (DNC)?

Mook: Ich meine beides und alle Versuche antidemokratischer Kräfte, die demokratische Willensbildung im Internet für ihre Zwecke zu missbrauchen. Es wäre ein Riesenfehler, diesen unglaublichen Einflussversuchen aus Russland weiter nur zuzuschauen, wir müssen dagegen etwas tun, wir müssen das stoppen.

SPIEGEL ONLINE: Sie benennen ganz klar Russland als Urheber der Hacks und von Fake-News- Strategien gegen Ihre Kandidatin. Das Trump-Camp hat das lange bestritten, die Russen selbst dementieren die Vorwürfe. Können Sie sicher sein?

Mook: Absolut, wir wissen das, daran gibt es auch keinen vernünftigen Zweifel mehr.

SPIEGEL ONLINE: Was können die Wahlkampfteams deutscher Parteien aus Ihren Erfahrungen konkret lernen?

Mook: Sie sollten "Rapid-Response"-Teams einrichten, schnelle Eingreiftruppen, die sämtliche relevanten Onlineplattformen ständig im Auge behalten und sehr schnell reagieren können. Wir hatten eine solche Abteilung, aber sie war nicht auf Fake News spezialisiert - das würde ich heute anders machen. Diese Teams müssen in engem Dialog mit den sozialen Netzwerken stehen und von ihnen einfordern, Fake News zu löschen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt gut, aber wie soll das in der Praxis aussehen? Was für den einen Fake News sind, fällt für den anderen unter freie Meinungsäußerung oder unter "alternative Fakten".

Mook: Ich spreche nicht von Meinungen, das wäre in der Tat gefährlich. Es geht um klare, gezielte und widerlegbare Falschbehauptungen. Ich sehe dafür in Deutschland übrigens eine Chance, die wir in unserem binären Zweiparteiensystem nicht hatten: Nämlich dass sich die größeren, progressiven Parteien zusammenfinden und eine Allianz gegen Fake News und Desinformation schmieden. Außerdem müssen die Kandidaten das Thema Cybersicherheit zur Chefsache machen. Auch da würde ich aufgrund der Erfahrungen heute deutlich klarere Vorgaben machen.

SPIEGEL ONLINE: Welche denn genau?

Mook: Nun, wir hatten IT-Sicherheitsleute in unserem Team. Aber es wurden nach allem, was wir wissen, nicht wir gehackt, sondern das Democratic National Committee und private E-Mail-Konten von Kollegen. Wir mussten aber schmerzhaft erleben, dass diese Informationen gegen uns eingesetzt werden konnten. Deshalb müssen die Kandidaten einfordern, dass alle Beteiligten sich wirksam gegen Hacks schützen - nicht nur in Berlin, sondern auch in den Bundesländern und Wahlkreisen. Gleichzeitig sollten die Wahlkämpfer für ein Leak gewappnet sein und einen Plan vorbereitet haben. Immerhin wurde der Bundestag ja schon gehackt, und es sind Daten abgeflossen. Die Wahlkämpfer sollten wissen, wie sie reagieren, wenn diese oder andere Inhalte plötzlich auftauchen. Die Medien übrigens auch. Sie müssen mindestens darauf hinweisen, dass diese Daten gestohlen wurden. Und sie sollten auch thematisieren, welchen Interessen sie dienen.

SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten Sie die Verantwortung der sozialen Netzwerke in Wahlkämpfen?

Mook: Insbesondere Facebook ist ein ideales Werkzeug, um Wähler zielgenau anzusprechen. Aber es ist eben auch ideal, um Falschinformationen in Umlauf zu bringen, besonders in Facebook-Gruppen - so wurden etwa gezielt Fake News über Hillary Clinton in Gruppen verbreitet, die Bernie Sanders unterstützen. Zudem hat die Trump-Kampagne dort ganz gezielt versucht, unserer Kandidatin wohlgesonnene Gruppen wie junge Frauen und Afroamerikaner davon abzuhalten, zur Wahl zu gehen und für sie zu stimmen. Bislang war der Dialog zwischen Wahlkämpfern und sozialen Netzwerken recht einseitig: Sie wollten uns Werbung und ihre neuesten Tools für die politische Kommunikation verkaufen. Das muss sich mehr in Richtung eines echten Dialogs verändern, der die Probleme ernst nimmt. Erste Ansätze dazu hat Facebook jetzt mit seinen eigenen Vorschlägen im Kampf gegen Fake News gezeigt. Sollten die Unternehmen dennoch weitermachen wie bisher, müssen wir sie aggressiver zur Verantwortung ziehen. Und die Nutzer müssen lernen, mit Inhalten aus sozialen Netzwerken skeptischer umzugehen. Leider.

SPIEGEL ONLINE: Apropos bezahlte Werbung: Wie viel Prozent der Wahlkampfausgaben der Clinton-Kampagne ist in Onlinewerbung geflossen?

Mook: Bei der letzten Obama-Kampagne waren es noch 15 bis 20 Prozent, dieses Mal haben wir etwa 30 Prozent dafür investiert - und dieser Trend wird anhalten, da bin ich sicher.

SPIEGEL ONLINE: Wo genau liegt der Vorteil gegenüber TV-Spots und Plakaten?

Mook: Die Netzwerke sind ideal, um bestimmte Botschaften und ihre Wirkung zu messen und zu testen und dann treffsicher auszuspielen. Wir können unsere bestehenden Unterstützer ansprechen und sie bitten, unsere Botschaften in ihr soziales Netzwerk zu tragen, was besonders wirksam ist. Wir können Unentschlossene adressieren, und Menschen mobilisieren, zur Wahl zu gehen. Die Zukunft wird die komplett individualisierte Kampagne sein, zugeschnitten auf den einzelnen Wähler. Sie werden von dem Kandidaten dann mit den Botschaften angesprochen, die für Sie und Ihr Leben wichtig sind.

SPIEGEL ONLINE: Ist das wünschenswert oder nicht vielmehr ein Problem? Immerhin lebt Demokratie doch gerade von einer breiten Debatte - und nicht davon, dass alle hören, was sie hören wollen.

Mook: Das ist sicher ein Punkt. Bislang sehe ich die Gefahr eher darin, dass man so - wie die Trump-Kampagne - auch ganz gezielt Leute demoralisieren oder von der Wahl gegnerischer Kandidaten abschrecken können, auch mittels Falschbehauptungen.

SPIEGEL ONLINE: Nun hat der neue US-Präsident nach der Wahl erklärt, Facebook und Twitter hätten ihm bei seinem Wahlerfolg geholfen. Welche Lehren ziehen Sie daraus?

Mook: Ich glaube, dass es für jeden Kandidaten entscheidend sein wird, seine eigene authentische Stimme in den sozialen Medien zu finden. Da können Berater nur bedingt helfen. Für Hillary Clinton war es in diesem besonderen Fall ein Nachteil, dass sie sich tatsächlich für politische Problemlösungen interessiert, in ganzen Sätzen spricht und die Grammatik beherrscht.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt düster. Noch vor wenigen Jahren hat auch das Außenministerium von Hillary Clinton die sozialen Medien und das Netz als positive Kraft gesehen, etwa für seine Rolle im arabischen Frühling. Ist das Internet eher gut oder schlecht für die Demokratie?

Mook: Wir müssen alles dafür tun, dass es eine gute Kraft bleibt oder wieder wird. Soziale Medien werden über kurz oder lang die dominante Sphäre der politischen Auseinandersetzung. Wenn wir dort eine Debatte wollen, die sich mit den wirklichen Problemen im Land beschäftigt, und wenn wir wollen, dass die besten Kandidaten für das Land gewinnen, dann müssen wir jetzt jedenfalls dringend handeln und die Fehlentwicklungen abstellen. Wir sind an einem Scheideweg angelangt, es geht um nicht weniger als eine existenzielle Frage für die Demokratie.

insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
an-i 13.03.2017
1.
so, so, ..............http://www.tagesspiegel.de/politik/enthuellungsjournalist-seymour-hersch-luegen-sind-der-kern-der-us-politik/11777774.html....................http://www.handelsblatt.com/politik/international/68-geburtstag-von-george-w-bush-935-der-oeffentlichen-statements-waren-luegen/10137438-2.html................. und was passiert mit diesen Fake? wer stoppt diese?
schockschwerenot 13.03.2017
2. Hellhörig
"antidemokratische Kräfte", "Falschinformation", "progressive Parteien", "Allianz schmieden", "abstellen". Ich weiß nicht, wie es anderen ergeht - ich werde bei solchem Vokabular hellhörig.
BettyB. 13.03.2017
3. Toll
Es waren also tatsächlich die Russen und nicht die republikanischen IT-Spezialisten, die verhinderten, dass Sanders Kandidat wurde und im Anschluss daran Clinton gegen Trump verlor. Mook weiß es natürlich! Oder? Sollte er von einer Ente profitieren wollen, die man heute in Deutschland wohl Fake-News nennen muss? Ersteres dürfte er nicht beweisen können, Letzteres wäre ein gutes Geschäft. Ihm weiterhin gute Reise, gute Gespräche und dafür auch gutes Geld...
kosu 13.03.2017
4. Propaganda
Hallo ist weiß was, Beweise habe Ich keine dafür. Das ist der ganze Artikel. Propaganda um Wahlen zu beeinflussen, mehr ist der Artikel nicht.
neowave 13.03.2017
5. Fremde Mächte?
"Sie sollten extrem wachsam sein und aktiv gegen jeden Versuch fremder Mächte vorgehen, sich in den Bundestagswahlkampf einzumischen." ======= Wer sind denn diese "Fremden Mächte"? Russland? Mein Problem sind Konzerne wie Microsoft, Google, Facebook, Apple. Istitutionen wie NSA, CIA und wie Sie alle heissen. Die sind ohne Interessen? Die beeinflussen nicht? Also Russland ist mein geringstes Problem! Zumal, davon bin ich zutiefst überzeugt, Frau Merkel sich in Moskauer Hotels "anständig" benimt:-)
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