Roland Kochs Abschied: Auf Kommando haben sich alle lieb

Aus Wiesbaden berichtet Matthias Bartsch

Mit Marschmusik und Udo Jürgens inszeniert Roland Koch seinen Abgang von der politischen Bühne. Helmut Kohl und Angela Merkel sind gekommen, aber auch die alten Kontrahenten von SPD und Grünen. Denen prophezeit die Ehefrau des scheidenden Ministerpräsidenten "Entzugserscheinungen".

Am Schluss hat er es dann doch noch geschafft. Roland Koch ist an diesem Abend nicht mehr die Politik-Maschine, für die ihn viele hielten, nicht mehr der eiskalte Parteistratege und gnadenlose Spalter. An diesem Abend, seinem letzten im Amt des hessischen Ministerpräsidenten, gibt er den Menschen, der nicht nur für Politik und knochenharte Wahlkämpfe lebt, sondern auch die schönen Dinge zu genießen weiß. Zum Beispiel Musik, wenn auch etwas schräge.

Am Montagabend gegen 21.15 Uhr steht Koch vor den Soldaten des Heeresmusikkorps 2 aus Kassel und wippt erkennbar seinen Kopf im Rhythmus. Nach den üblichen Marschmusik-Stücken hat sich der 52-jährige CDU-Mann ein Medley aus Udo-Jürgens-Liedern gewünscht. Ein Soldat mit Sonnenbrille, gerade noch dienstordnungstauglichen Koteletten und einem an den Enden nach oben gezwirbelten Oberlippenbart im Kaiser-Wilhelm-Look trällert "Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden" sowie "Die Sonne und du" ins Mikrophon. Dann, bei "Aber bitte mit Sahne", fängt sogar die Kanzlerin in der ersten Reihe an, ein wenig mitzuklatschen. Nicht gerade euphorisch und auch nur bei jedem zweiten Takt, aber genug um zu demonstrieren: Am Ende haben wir uns halt doch noch irgendwie aufeinander eingegroovt, der Roland und ich.

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Wechsel in Wiesbaden: Kochs Abschied

Es ist der Abend, an dem Koch "ausgewildert" wird, wie Angela Merkel zuvor in ihrer kurzen Ansprache im landeseigenen Schloss Biebrich am Wiesbadener Rheinufer gesagt hat. Am Tag darauf, dem heutigen Dienstagnachmittag, wird Koch, wenn die 66 CDU- und FDP-Abgeordneten im Hessischen Landtag mitspielen, das Regierungsamt an seinen sechs Jahre älteren Innenminister Volker Bouffier übergeben.

Schluss mit Politik, ab in die Wirtschaft

Jahrelang galt Koch von allen innerparteilichen Rivalen Merkels als der cleverste, stärkste, gefährlichste. Jetzt will er einen lukrativen Job in der Wirtschaft antreten.

Aber Merkel ist noch da, und sie ist gut gelaunt an diesem Abend. In ihre kurze Ansprache streut sie einige Spitzen über Koch. Sie witzelt über dessen Sympathie für den "Streit als Lebensform" oder über ihre Gegenstrategie, bei einer von Kochs politischen Analysen gleich ganz am Anfang zu widersprechen. Denn "weiter hinten im Gedankengang" sei das meist schwierig bei Koch. "Aber das hab ich dann irgendwann auch gelernt", sagt Merkel.

Zum Abschied nun soll es ein Abend der großen Harmonie werden. Auch Ex-Kanzler Helmut Kohl ist gekommen, der Koch-Förderer, dem Merkel einst die Macht entriss, als die CDU vor einem Jahrzehnt in Kohls Spendensumpf und Kochs Schwarzgeld-Verstrickungen zu versinken drohte. Jetzt sitzt Kohl neben seiner Nachfolgerin in der ersten Reihe, während die Soldatenkapelle Marschmusik und Jürgens-Songs schmettert. Und wenn nicht der auffällig große Abstand zwischen ihrem Sitz und seinem Rollstuhl wäre, könnte man fast den Eindruck haben, in der Union sei wirklich die große Versöhnung ausgebrochen.

"Ach, singen Sie hier heute Abend?"

Beim Defilee im Schloss nehmen viele der ehemals schärfsten Koch-Gegner sogar Wartezeiten von mehr als einer Stunde in Kauf, um ihrem streitbaren Widersacher nach vier Wahlkämpfen und elf Jahren im Amt die Hand zu drücken. "Ich hätte gerne in drei Jahren noch einmal mit Ihnen die Klingen gekreuzt", sagt ihm der hessische SPD-Landesvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel.

Und Hessens Grünen-Chef Tarek Al-Wazir wünscht Koch, dass der Entzug von der Politik nicht allzu schmerzhaft sein möge. Es ist Kochs Ehefrau Anke, die antwortet: "Sie werden aber sicher auch Entzugserscheinungen haben." - "Eine kluge Frau", murmelt Al-Wazir hinterher.

Es ist, als ob Kochs komplette Karriere noch einmal im Zeitraffer an ihm vorbeizieht. Zu den Gratulanten zählen alte Weggefährten wie der Bundesverfassungsrichter Herbert Landau, der schon bei Kochs Vater, einem hessischen Justizminister, als Büroleiter arbeitete, dann in Roland Kochs Regierung Staatssekretär wurde und der Koch schließlich auch den hohen Richter-Job in Karlsruhe verdankt. Oder ein ehemaliger, von Koch selbst eingestellter Generalsekretär der Hessen-CDU, der Anfang 2000 in Kochs Landesgeschäftsstelle noch schnell einige Spendenquittungen fälschte und Quittungen fingierte, kurz bevor aufflog, dass ein Jahr zuvor Kochs Wahlkampf aus schwarzen Kassen bezahlt worden war.

Oder der ehemalige SPD-Abgeordnete Jürgen Walter, der zu den vier SPD-Abweichlern gehörte, die Ende 2008 gegen den Linkskurs von Andrea Ypsilanti stimmten und Koch in letzter Sekunde den Job als Regierungschef retteten: "Interessante Konstellation, nicht wahr?", sagt Walter, der mit seiner neuen Ehefrau bei Koch vorstellig wird - einer ehemaligen Parteisprecherin der hessischen CDU.

Irgendwann steht auch Udo Jürgens selbst in der Gratulanten-Schlange. Gestern Abend, erzählt er hinterher, habe Koch zweieinhalb Stunden bei seinem Konzert auf der Loreley gesessen und zugehört - "im Regen". Er sei zudem schon lange mit Koch befreundet und deshalb eingeladen worden, sagt der Musiker. "Ach, dann singen Sie hier heute Abend?", fragt ihn der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber. "Nein, ich bin als Gast hier", antwortet Jürgens.

Später, als der Soldat mit dem Kaiser-Wilhelm-Schnauzer seine Lieder singt, wird Jürgens beobachtet, wie er an mehreren Stellen amüsiert mitklatscht. "Es scheint ihm tatsächlich gefallen zu haben", sagt Stoiber.

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insgesamt 43 Beiträge
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1. Die Herrscher-Eliten feiern sich selbst
Transmitter 31.08.2010
Das ist also aus unserer Nachkriegs-Demokratie geworden. Eine feudalistische Parteien-Oligarchie, die sich für den dummen Pöbel medienwirksam inszenierte Scheingefechte liefert, in Wahrheit aber untereinander verfilzt und verschwiemelt ist. Herr Kohl und Frau Kühnast, Frau Merkel und Herr Gabriel liegen sich in den Armen und verabschieden Herrn Koch in die "Freie Wirtschaft", mit ihm bereits garantiertem Millioneneinkommen. So ein lächerlicher Mummenschanz, so ein armseliges Affentheater, so eine ehrlose, unmoralische Volksverarschung! Wie weit wollen es diese abgehobenen, hochnäsigen, sich nur noch bereichernden Berufspolitiker eigentlich noch treiben? Es ist ja bald nicht mehr auszuhalten!
2. Roland Koch
hansjoki 31.08.2010
Zitat von sysopMit Marschmusik und Udo Jürgens inszeniert Roland Koch seinen Abgang von der politischen Bühne. Helmut Kohl und Angela Merkel sind gekommen, aber auch die alten Kontrahenten von SPD und Grünen. Denen prophezeit die Ehefrau des scheidenden Ministerpräsidenten "Entzugserscheinungen". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,714719,00.html
egal, wie man zu Herrn Koch - und seiner politischen "Mission" stehen mag: wozu benötigt er ethischen "Sondermüll" als "Begleitung", um ehrenvoll aus seinem Amt zu scheiden ?
3. Bundeswehr und Udo Jürgens
avollmer 31.08.2010
Eigentlich hat Udo Jürgens schon immer Lieder für die Bundeswehr geschrieben. Für den Soldaten im mehrmonatigen Auslandseinsatz fern der Familie, "Deine Einsamkeit" von 1970. Für den im Gefecht Verwundeten, "Warum nur, Warum?" von 1964. Über Karzais Regierungssitz in Afghanistan, "Ein ehrenwertes Haus" von 1975. Auch für Ex-Verteidigungsminister Jung gibt es etwas, "Gefeuert" von 1977. Für all die, die keinen interessanten Posten bei der NATO bekommen haben, "Ich war noch niemals in New York". Für all die Berufssoldaten, für die die neue Pensionsgrenze gilt, "Mit 66 Jahren". Für den ganzen Laden natürlich nicht zu vergessen "Lieb Vaterland" von 1971. Und für das neue Leben von Roland Koch hat er gleich eine Reihe Titel geschrieben, "Schreib mir keinen Brief", "Zeig mir den Platz an der Sonne", "Vergiss die Liebe nicht" und "Na und?!".
4. unglaublich
FStreit 31.08.2010
Zitat von sysopMit Marschmusik und Udo Jürgens inszeniert Roland Koch seinen Abgang von der politischen Bühne. Helmut Kohl und Angela Merkel sind gekommen, aber auch die alten Kontrahenten von SPD und Grünen. Denen prophezeit die Ehefrau des scheidenden Ministerpräsidenten "Entzugserscheinungen". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,714719,00.html
da bekommt der Lügenbold Koch sogar noch einen Zapfenstreich ich könnte kotzen wenn ich sehe welche Politikverbrecher da wieder bedacht werden ,selbst der sein Ehrenwort über die Gesetze der Bundesrepublik gestellt hat,läßt sich wieder durch die gegend schieben ...zum kotzen
5. Frech
kamsala 31.08.2010
Was hat der Hessische MP eigentlich mit der BW zu schaffen? Wieso lässt die sich für Kochs Selbstinstzenierung einspannen? Und was hat dieses Brimborium überhaupt gekostet? Darf dafür jeder Hesse wieder einen Euro für Koch spenden? Einfach nur frech, was dieser Koch sich leistet...selbst bei seinem Abgang. Hoffentlich sind wir ihn damit auch endgültig los....
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