Roma in Berlin Nomaden der Neuzeit

Seit Wochen sorgt eine Gruppe von Rumänen bei den Behörden in Berlin für Chaos: Erst haben die Roma-Familien unter freiem Himmel in einem öffentlichen Park gehaust, dann besetzten sie eine Kirche in Kreuzberg - und Fachleute erwarten für die Zukunft eine wahre Einwanderungswelle.

Von Zacharias Zacharakis


Berlin - Die junge Frau mit dem Kinderwagen spricht viele Sprachen: Englisch, Spanisch, Griechisch, von allem ein bisschen. In ihrem knöchellangen Rock, der ausgeblichenen Sportjacke und einem schwarzen Kopftuch steht sie in Pantoffeln auf der Straße vor einem Asylbewerberheim in Berlin-Spandau. In Sichtweite erheben sich die alten Backsteinhallen der Siemenswerke.

Nach dem Auszug aus der Kirche: Roma verlassen St.-Marien-Liebfrauen in Kreuzberg
DDP

Nach dem Auszug aus der Kirche: Roma verlassen St.-Marien-Liebfrauen in Kreuzberg

"Geht gut hier", sagt die Frau. Auf die Frage, wie lange sie und ihre Angehörigen noch bleiben wollen, neigt sie den Kopf zur Seite, zuckt mit den Achseln. Warum sind sie nach Deutschland gekommen? Die Frau führt ihre Hand in schnellen Bewegungen zum Mund. Aus Hunger. Dann fragt sie nach Geld und schiebt ihren Kinderwagen mit einem kleinen Jungen darin weiter in Richtung U-Bahn-Station.

Seit knapp einer Woche wohnen etwa 80 rumänische Staatsbürger in einer Berliner Aufnahmestelle für Asylbewerber, einer Siedlung aus weißen Containerwohnungen, jeweils drei Geschosse, in mehreren Reihen aufgestellt. "Im Moment sind wir noch dabei, die Personalien aufzunehmen und Heimausweise auszustellen", berichtet Heimleiterin Marlies Baier. Wie es weitergehen soll mit den Neuankömmlingen, kann sie nicht sagen, denn als EU-Bürger haben die Rumänen wenige Aussichten auf politisches Asyl.

"Sie würden gerne Leistungen vom Staat erhalten"

Diese Ausgangslage hat bei den Berliner Behörden zu einigen Irritation geführt. Nach dem Gesetz der Freizügigkeit in der EU dürfen sich die Rumänen als Touristen drei Monate in Deutschland aufhalten. Aufgefallen ist die Gruppe bereits vor mehr als zwei Wochen, als sie auf einem Matratzenlager in einem Berliner Park unter freiem Himmel campierte. Polizei und Jugendamt waren alarmiert, weil sich auch kleine Kinder dort aufhielten. Die Behörden leiteten Ermittlungen wegen Vernachlässigung des Kindeswohls ein.

Ein erstes Angebot, die Großfamilie in einer öffentlichen Einrichtung unterzubringen, lehnten die obdachlosen Rumänen zunächst ab. Stattdessen quartierten sie sich zeitweise in ein besetztes Haus in Kreuzberg ein, um nur wenige Tage später weiterzuziehen in die katholische Kirche St.-Marien-Liebfrauen. Mitglieder der Gemeinde konnten die Roma schließlich überzeugen, mit Hilfe der Behörden in das Asylbewerberheim umzusiedeln.

Nun hat sich auch die rumänische Botschaft in den Fall eingeschaltet. "Wir versuchen in Abstimmung mit den örtlichen Behörden, eine Lösung zu finden", sagt der Berliner Konsul Remus Marasescu, der seine Landsleute heute Morgen zwei Stunden lang in ihrer Unterkunft besucht hat. Alle seien mit der Unterbringung und der Verpflegung zufrieden.

Besonders gastlich sieht es in so einem Asylheim allerdings nicht aus. Die Wände sind vergilbt, der Linoleumboden grau. Dennoch haben die Roma hier eigene Zimmer mit Doppelbetten, Schränken, Tischen und Stühlen. Dreimal täglich gibt es eine Mahlzeit.

"Diese Menschen würden gerne in Deutschland arbeiten", berichtet Marasescu. Er habe ihnen aber erst erklären müssen, dass dies aufgrund der noch bis 2011 eingeschränkten Freizügigkeit der Arbeitnehmer aus den osteuropäischen EU-Ländern sehr schwierig sei. Auch Anja Wollny, Sprecherin der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, sagt über die Roma-Familien: "Sie würden sich gerne hier niederlassen und Leistungen vom Staat erhalten, eine Wohnung etwa."

Ab 2011 eine Masseneinwanderung nach Deutschland

Bisher leben nach Auskunft der Senatsverwaltung bis zu 20.000 Roma in Berlin. "Das sind vorsichtige Schätzungen", sagt Wollny. Viele bitten an Orten wie dem Alexanderplatz oder vor dem Brandenburger Tor vornehmlich Touristen um Geld. Manche postieren sich an stark befahrenen Straßenkreuzungen als Fensterputzer, wie auch einige der Bewohner aus dem Spandauer Asylheim.

Nach Ansicht von Fachleuten verschlechtert sich die Situation für die etwa drei Millionen Roma nicht nur in Rumänien. In Ungarn hetzen rechte Parteien gegen die Minderheit im Land, auch in Bulgarien häufen sich rassistisch motivierte Anschläge. "Eine desolate soziale Misere haben wir aber vor allem in Rumänien", sagt Tilman Zülch von der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen. Der Generalsekretär der Menschenrechtsorganisation prognostiziert, dass es mit der vollen Freizügigkeit der neuen EU-Staaten nach 2011 "eine Masseneinwanderung nach Deutschland" geben werde.

Vielleicht sind die obdachlosen Roma von Berlin nur die Vorboten einer solchen Entwicklung.



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