Zuwanderung in NRW: Der Roma-Treck

Von , Duisburg

Sie träumen von einem besseren Leben, von einer Zukunft für ihre Kinder: Zehntausende Roma sind in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen, weil sie Armut und Ausgrenzung in ihren Heimatländern entrinnen wollen. Doch der Flüchtlingsstrom sorgt für erhebliche Probleme.

Roma-Haus in Duisburg: Die Hoffnung stirbt zuerst Fotos
SPIEGEL ONLINE

Sie kauern zusammen auf dem Sofa, die beiden Eltern und ihre vier Kinder. Der Raum ist kahl und feucht, Putz bröckelt von den Wänden, auf dem Boden liegen schmutzige Teppiche. Das hier also soll der Anfang einer besseren Zukunft sein, von der Radu und Ilena* träumten, als sie vor vier Wochen einen Kleinbus in Rumänien bestiegen. Jetzt starren sie apathisch auf den stumm geschalteten Fernseher, es läuft 3Sat, irgendeine Tierdokumentation, und das erste, was Radu sagt, ist: "Keine Probleme, alles gut."

Nur nicht auffallen, keinen Ärger machen, unsichtbar bleiben - das wollen viele der Menschen, die wie die Familie aus der Stadt Iasi Teil der großen Wanderung sind. Zehntausende Menschen aus Rumänien und Bulgarien sind in den vergangenen Jahren ins Ruhrgebiet gezogen, Tendenz weiter steigend. Die meisten von ihnen sind Roma, die dem Elend und der Perspektivlosigkeit in ihrer Heimat dadurch zu entfliehen suchen, dass sie für etwa 100 Euro pro Person ein Ticket ins gelobte Deutschland kaufen. Doch das vermeintliche Paradies, so müssen die Neuankömmlinge schnell feststellen, ist schon besetzt.

Als EU-Bürger dürfen sich Rumänen und Bulgaren zwar ganz legal in der Bundesrepublik aufhalten, doch normal zu arbeiten ist ihnen verboten. Übrig bleiben meist Jobs als Tagelöhner, für drei, vier Euro die Stunde bieten sich die Männer am Straßenrand als selbständige Bauhelfer an, viele Frauen müssen sich prostituieren. Allerdings bekommen die Familien Kindergeld, Radu und Ilena kassieren demnächst für ihre Nachkommen 773 Euro im Monat, als Kranführer in Rumänien verdiente der 39-Jährige im selben Zeitraum etwa 110 Euro.

"Gute Arbeit"

Es ist das Wohlstandsgefälle in der Europäischen Union, das diejenigen in die Ferne treibt, die in ihren Heimatländern ohnehin kaum noch etwas zu verlieren haben. Viele der Zuwanderer sind Analphabeten, auf dem deutschen Arbeitsmarkt werden sie kaum eine Chance haben, dennoch träumen sie von einem besseren Leben in der neuen Heimat. Ein Bekannter habe ihn angerufen, sagt Radu, und ihm erzählt, dass es in Deutschland viele Jobs gebe, "gute Arbeit". Seine Kinder könnten zur Schule gehen und hätten vielleicht eine Zukunft.

Von "Armutswanderung" spricht daher der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD). "Gerade die Roma in Rumänien und Bulgarien leben in ihren Heimatländern in derart erbärmlichen Zuständen, dass sie den Weg nach Deutschland suchen", sagte Jäger SPIEGEL ONLINE. Der Bund und die Europäische Union müssten endlich dafür sorgen, dass sich die Lebensverhältnisse der Roma in ihren Herkunftsländern verbesserten. Es müsse Druck gemacht werden, "damit die Diskriminierung von Minderheiten aufhört".

Zugleich sorgt aber auch eine gestiegene Zahl von Asylbewerbern für überfüllte Aufnahmestellen in Nordrhein-Westfalen. Vor allem Roma aus Serbien und Mazedonien kommen nun verstärkt nach Deutschland, was einige konservative Politiker mit den kürzlich erhöhten Leistungen für Flüchtlinge erklären wollen. Allerdings haben diese Menschen im Unterschied zu den EU-Bürgern aus Rumänen und Bulgarien wenig Aussicht, langfristig in der Bundesrepublik bleiben zu können. Ihnen droht die baldige Abschiebung.

Die Kriminalität steigt an

Doch mit den Zuwanderern - denjenigen, die zwar bleiben, aber absurderweise nicht arbeiten dürfen - wächst offenbar auch die Kriminalität. Die Duisburger Polizei kennt ein Haus in der Charlottenstraße, in dem ganze Banden von Kindern hausen, die tagtäglich zum Stehlen ausgeschickt werden. Laut Innenministerium ist auch die Zahl von Wohnungseinbrüchen und Diebstählen an Geldautomaten zuletzt stark gestiegen, was die Behörde vor allem auf südosteuropäische Banden zurückführt. "Wir nehmen das sehr ernst", sagt Minister Jäger, "aber es ist ein Irrtum zu glauben, dass dieses Problem alleine mit der Polizei zu lösen ist."

Ein Schriftstück aus einer aktuellen Ermittlungsakte gegen die in Duisburg lebenden Rumäninnen Monica N., Gabriela M. und Monica S. zeigt, wie die Täter vorgehen: "Seit mindestens einem Jahr wird insbesondere in Duisburg (aber auch bundesweit) beobachtet, dass rumänische Tätergruppen (offensichtlich Familienclans) bandenmäßig in erschreckendem Ausmaß gewerbsmäßig Straftaten (…) begehen." Meist handele es sich um Taschen-, Trick- und Ladendiebstahldelikte. Hinzu kämen Betrügereien, bei denen vorgetäuscht werde, für Taubstumme oder Behinderte Spenden zu sammeln. In Wirklichkeit aber klauten die Täter ihren abgelenkten Opfern in diesen Augenblicken die Portemonnaies oder Telefone. Dazu setzten die Clanchefs vor allem junge Mädchen "überörtlich" ein.

Eine der wenigen Organisationen, die sich mit der Situation der Roma in Duisburg befassen, ist der Verein Zukunft Orientierte Förderung (ZOF). Der ZOF-Sozialarbeiter Murat Yasar erzählt von einem Anruf, den er neulich erhielt. Eine Frau war am Apparat, er solle Hilfe holen, ihre 16-jährige Nichte werde vom Vater mit Gewalt gezwungen, zu stehlen und wohl auch sich zu prostituieren. Doch als die Männer bei der Familie eintrafen, war die Jugendliche nicht mehr da.

Zurück nach Rumänien

"Wahrscheinlich hat man sie zurück nach Rumänien gebracht", sagt Yasar, der von der Politik erwartet, dass sie sich stärker für die Migranten engagiert. "Wenn wir sie alleine lassen", sagt er und zeigt auf die vier Kinder von Radu und Ilena, "dann sind das unsere Kriminellen von morgen. Eine andere Möglichkeit haben sie gar nicht." Schon jetzt bleiben angeblich Hunderte schulpflichtige Roma-Kinder in Duisburg dem Unterricht fern - und die, die hingehen, können häufig kein Wort Deutsch.

Überhaupt scheint sich die grundsätzliche Spannung zwischen Arm und Reich in Europa allmählich zu einem im Stadtteil Rheinhausen ausgetragenen Konflikt zu entwickeln. Bereits jetzt existieren Bürgerinitiativen, die Unterschriften gegen die Zuwanderer sammeln, weil sie deren Müll und Lärm nicht länger ertragen wollen.

Wie aus einem Papier des Innenministeriums hervorgeht, kam es auch bereits zu Übergriffen auf die Rumänen: Es würden "anscheinend organisiert Schläger eingesetzt, um missliebige Zustände zu ändern", notierte ein Erster Polizeihauptkommissar. Bei ihrem Rundgang, so der Beamte, seien die Ordnungshüter mit Aussagen konfrontiert worden, "die sehr abstoßend waren". Die Roma beklagten sich zudem, dass sie in türkischen Läden nicht bedient und ihre Kinder regelmäßig zusammengeschlagen würden. "Wenn wir hier nicht gegensteuern", resümiert der Polizist, "haben wir ganz schnell eine generelle Ausländerdiskussion."

Radu und Ilena aber wollen hier bleiben. Sie hätten sich schon nach Schulen für ihre Kinder umgesehen, erzählen sie. Auch träumen sie, die noch zu sechst bei einem Bekannten auf dem Sofa schlafen, von einer eigenen Wohnung. Dann wären sie wirklich angekommen in ihrer neuen Heimat.

*Namen geändert

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