Berliner Rede im Jahr 1987 Reagan bedauerte "Tear down this wall"-Ausruf

Ronald Reagan forderte 1987 in Berlin Kreml-Chef Gorbatschow auf, die Mauer niederzureißen. Nach SPIEGEL-Informationen bereute der damalige US-Präsident dies nur wenige Monate später.

Ronald Reagan 1987 in Berlin
DPA

Ronald Reagan 1987 in Berlin


US-Präsident Ronald Reagan (1981-1989) war ein Kalter Krieger, der die Sowjetunion ("Reich des Bösen") verabscheute und sich mit dem Kreml ein gigantisches Wettrüsten lieferte. Es passte daher ins Bild, dass er bei einem Besuch West-Berlins 1987 sich in einer Rede am Brandenburger Tor direkt an Kreml-Chef Michail Gorbatschow wandte und rief: "Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor. Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein!" (Diese Meldung stammt aus dem SPIEGEL. Den neuen SPIEGEL finden Sie hier.)

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Was nach einer Propaganda-Forderung klang, erwies sich im Nachhinein als prophetisch: Zwei Jahre später fiel die Mauer. Reagan wird auch deshalb heute vielfach als weitsichtiger Staatsmann geehrt.

Doch nun belegt ein Aktenfund, dass der Präsident nur wenige Monate nach seinem denkwürdigen Auftritt seinen Aufruf "Tear down this wall" abzumildern versuchte. Das berichtet der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe.

Im Gespräch mit Moskaus Außenminister Eduard Schewardnadse ruderte Reagan am 23. September 1988 deutlich zurück. Laut US-Vermerk räumte der Präsident ein, es sei "vielleicht unrealistisch gewesen, den Abriss der gesamten Mauer vorzuschlagen". Die deutsche Teilung sei Folge des Krieges, und "viele" fänden, Deutschland dürfe "nie wieder die stärkste und mächtigste Macht im Zentrum Europas sein".

Als Schewardnadse Reagan vorwarf, sich mit seiner Mauer-Rede in die Angelegenheiten der DDR eingemischt zu haben, sagte der Gerüffelte reumütig, das sei "nicht seine Absicht" gewesen. Bei "regionalen Themen", so Reagan, sollten die Betroffenen den Großteil der Probleme unter sich ausmachen. Schewardnadse entgegnete, die deutsche Frage sei nicht "einfach zu lösen".

Reagan wollte offenbar Kreml-Chef Michail Gorbatschow für Schritte zur Abrüstung gewinnen. Der US-Experte Tom Blanton berichtete von dem Dokument auf einer Konferenz des "Berliner Kolleg Kalter Krieg" in Berlin. Blanton arbeitet für die private Vereinigung "National Security Archive" in Washington, die sich um die Freigabe geheimer Dokumente bemüht.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - ab Samstagmorgen erhältlich.

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insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
hugahuga 08.12.2017
1.
Wenn dem denn so ist, wie es hier zu lesen steht, dann zeigt das einmal mehr die Verlogenheit der "deutsch-amerikanischen Freundschaft". Reagan bemühte diee Rhetorik um die deutschen Seelen zu gewinnen (vielleicht steckte dahinter auch nur der Gedanke mehr Rüstungsausgaben zu generieren) und Gorbatschow nahm das ernst. Glaubt denn irgendwer, dass ein Obama, ein Trump oder wie sie alle heißen auch nur einen Deut anders wären? Also sozusagen: Wiedervereinigung aus Versehen. Und jetzt versucht Amiland also, diesen Fehler rückgängig zu machen, indem Deutschland neutralisiert und in eine von der US Ostküste ferngesteuerte EU aufzugehen hat. Macron als Mittler - dann passt es ja wieder. Nur, dass einige Deutsche diesem Mann auch noch den Karlspreis geben wollen - das passt nicht - höchtens als Satire
noalk 08.12.2017
2. Ich kann von Reue da nichts erkennen
In späteren Gesprächen hat er halt seinen plakativen Ausspruch relativiert, Sowas passiert jedem Politiker jeden Tag. Daraus irgendwelche historischen Folgerungen herzuleiten, halte ich für ziemlich spekulativ.
willibaldus 08.12.2017
3.
Die EU als Erfindung der USA? Wohl kaum. Das ging von DeGaul und Adenauer aus und andere NAchbarn haben sich angeschlossen. Gerade um Deutschland einzubinden und nicht wie nach Bismarck zwischen allen Stühlen zu sitzen. UK hat immer die Nadel am Kompass gespielt. Mit Frankreich oder mit Russland und meist gegen das deutsche Schwergewicht. Reste davon gibt es immer noch in manchen Köpfen. Den USA ist das weitgehend brause. DIe NAtO hält alles zusammen und basta. Die EU stört etwas, zumindest den Trump und ähnlich gestrickte Banken und Wirtschaftsmagnaten, weil man die einzelnen Staaten in Europa dann nicht gegeneinander ausspielen kann.
berlin10436 08.12.2017
4. Ohne Reagan und Bush wäre Deutschland noch heute geteilt
Egal, wie der Spiegel im Nachhinein die Folgen der Rede Reagans kleinschreiben möchte - fest steht: ohne die Zustimmung und ohne die große Unterstützung der USA hätte es die deutsche Einheit nie gegeben. Als Berliner sage ich daher auch heute noch: „Danke USA! Danke Ronald Reagan!“
Ralf U. 08.12.2017
5. Das ändert nichts
Aus dem oben gesagten ergibt sich doch nicht, dass er die Mauer beibehalten wollte, sondern nur dass er seine Taktik im Nachhinein für zu vorschnell hielt. Überforderungen bewirken nämlich oft das Gegenteil. Die Geschichte lehrt aber, diese Taktik war nicht vorschnell, sondern exakt das richtige Wort zur richtigen Zeit.
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