"Rosenholz"-Daten Die IMs müssen wieder zittern

13 Jahre nach dem Ende der DDR und der allmächtigen Staatssicherheitsbehörde müssen viele der unentdeckten Inoffiziellen Mitarbeiter ihre Enttarnung fürchten. Mit mehr als 300 CDs voller Namen und Berichte gehen die Stasi-Fahnder auf eine neue Jagd.


Noch immer lagern in der Berliner Stasi-Behörde Tausende Meter Akten des ehemaligen DDR-Geheimdienstes
DDP

Noch immer lagern in der Berliner Stasi-Behörde Tausende Meter Akten des ehemaligen DDR-Geheimdienstes

Berlin - Aktueller als am Sonntag hättet ein "Tatort" in der ARD kaum sein können. In dem Krimi zur besten Sendezeit suchte eine Fernsehreporterin nach den Verrätern ihrer Eltern, die als Dissidenten von der DDR-Staatssicherheit getötet worden waren. Alles was sie bisher gefunden hatte, war der Deckname des Verräters. "Leopard" hatte sich dieser in der Routine der anonymisierten Stasi-Spitzel genannt. Nun galt es, den Klarnamen des Stasi-Manns zu lüften, um Rache zu üben.

Trotz vieler fiktiver Details beschrieb der Film ziemlich genau die aktuelle Lage bei der Suche nach den immer noch unentdeckt in Deutschland lebenden Stasi-Spitzeln. Als die Journalistin im "Tatort" verzweifelt bei der Behörde zur Aufarbeitung der Stasi-Verbrechen recherchierte, kam sie auf die Datei mit dem Decknamen "Rosenholz". Sie fand heraus, dass sie nur in der Auflistung aller Spione der Stasi den echten Namen von "Leopard" finden konnte. Und so landete sie entnervt vor dem Büro von Marianne Birthler, die sich in dem Film als Leiterin der Behörde für die Aufarbeitung der Stasi-Verbrechen selbst spielte.

Entführung in die USA

Vor genau diesem Büro könnten in Zukunft wieder viele stehen, die nach Stasi-Agenten suchen. Denn seit einigen Tagen hat die Behörde in der Tat Akten zugänglich gemacht, die eine neue Jagd nach den Tätern aus der Vergangenheit eröffnen könnte. Das Material unter dem Decknamen "Rosenholz" war 1989 vom amerikanischen CIA in die USA gebracht worden. Die US-Geheimdienstler in der CIA-Zentrale in Langley wussten, warum sie diesen Schatz lieber gleich entführten. Schließlich bewundern die Spitzel aus aller Welt bis heue die Staatssicherheit für ihre perfekte, wenn auch perfide Spitzelarbeit. Seit Jahren nun haben sie die Dateien gesichtet, ausgewertet und versucht, aus der Arbeit der Kollegen zu lernen.

Den deutschen Behörden hingegen wurde der Zugriff auf die "Rosenholz"-Dateien lange verwehrt. Dass die Datei überhaupt in den USA vorliegt, war erst durch hartnäckige Recherchen von Journalisten enthüllt worden. Seitdem bemühen sich die deutschen Behörden um Einsicht. Mitte der 90er Jahre dann erklärte sich die CIA bereit, dass der Bundesverfassungsschutz ausgewählte Teile der Datei einsieht. Daraufhin wurden in Deutschland auch einige Verfahren wegen Landesverrat gegen Ex-Spione eingeleitet. Der Großteil der Unterlagen blieben hingegen geheim. Erst vor zehn Tagen erreichte das Bundeskanzleramt, dass die als "top secret" gestempelten Dokumente von den USA freigegeben werden.

Die Spione müssen zittern

Marianne Birthler steht der Stasi-Behörde vor
AP

Marianne Birthler steht der Stasi-Behörde vor

Die Geheimhaltung ist aus US-Sicht verständlich. Denn was rund 300 CDs aus den USA enthalten, ist in der Tat spektakulär: die "operative Registratur" der für Auslandsspionage zuständigen Stasi-Hauptverwaltung A, genannt HVA. Mit den Tausenden von abgefilmten Karteikarten könnte nun das bislang weitgehend unbekannte Quellennetz der HVA im Westen enthüllt werden. Nach Medienberichten umfasst die Datei die Namen von rund 50 000 Deutschen, die seit den 50er Jahren für die Auslandsspionage Berichte schrieben.

Nach ersten Schätzungen sind von den Personen aus den Rosenholz-Dateien etwa 40 000 ehemalige DDR-Bürger. Sie seien meist als Instrukteure und Kuriere in Spionageoperationen gegen den Westen eingebunden gewesen und bis jetzt weitgehend unenttarnt, schrieb die "Berliner Zeitung". Ebenso sollen sich unter den Namen aber auch reichlich ehemalige West-Bürger befinden, die gegen bares oder aus eigener Überzeugung spionierten oder politische Einschätzungen aus allen Teilen der Bundesrepublik lieferten.

Politischer Sprengstoff

Gegenüber der "Berliner Zeitung" warnte die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, vor allzu großen Erwartungen an die "Rosenholz"-Unterlagen. Gleichwohl berge das Material noch "einigen Sprengstoff", so das Blatt. So sei es wahrscheinlich, dass länger zurückliegende und bislang unbekannte Spionagevorgänge in der Bundesrepublik enthüllt werden. Erstmals könnte so die geradezu flächendeckende Spionage des Ost-Geheimdienstes transparent werden.

Außerdem müsse laut der Zeitung mit der Enttarnung des bislang weitgehend unbekannten Inlandsnetzes der HVA gerechnet werden. Im Klartext: Alle bisher unerkannten Stasi-Spitzel aus Ost und West müssen in den kommenden Tagen zittern. Was durch die Vernichtung vieler Unterlagen in den Tagen der Wende vertuscht werden konnte, kommt nun vermutlich ans Licht.

Überprüfung schwierig

Schon in den ersten Tagen nach der Wende stürmten DDR-Bürger die Stasi-Zentrale
AP

Schon in den ersten Tagen nach der Wende stürmten DDR-Bürger die Stasi-Zentrale

Im Interview mit der Zeitung kündigte Birthler auch an, dass die neuen Erkenntnisse durchaus in die Überprüfungen von Politikern und Angestellten des Öffentlichen Dienstes einbezogen würden. Insider sagten, dass unter Umständen einige der ehemaligen Spitzel inzwischen politische Ämter inne hätten oder in der Behörde arbeiteten. Folglich könnte die Aufarbeitung der Akten für politischen Sprengstoff sorgen. Auch aus diesem Grunde werden sie bisher unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen gelagert.

Der Fall eines Politikers wird in Berlin schon jetzt heiß diskutiert. Denn durch die neuen Akten könnte der kürzlich wieder zum PDS-Vorsitzenden gewählte Lothar Bisky in Erklärungsnot geraten. Im Jahr 1995 tauchten in Stasi-Behörde mehrere Seiten einer Akte auf, die auf die IM-Tätigkeit Biskys hin wiesen. Bisky dementierte sofort. Taucht sein Name nun in den "Rosenholz"-Dateien auf, wäre er politisch kaum noch tragbar.

Kenner der Materie wiesen jedoch am Montag auch auf die Schwierigkeiten bei der möglichen neuen Suche hin. So sind die die Akten auf den "Rosenholz"-CDs nicht immer einfach zu lesen. Neben den Stasi-Agenten sind zum Beispiel immer auch Personen aus dem Umfeld angegeben, die möglicherweise nie etwas mit der Stasi zu tun hatten. Erst wenn sich beispielsweise zu einem Namen auch Agenten-Berichte oder andere Dokumente finden lassen, wäre eine tatsächliche Stasi-Mitarbeit erwiesen.

In den letzten Jahren hatte diese mühsame Recherche-Arbeit meist ein Staatsanwalt übernommen, der wegen möglichem Landesverat ermittelte. Diese Variante der Jagd nach den IMs wird mit der "Rosenholz"-Datei jedoch nicht mehr möglich sein: Strafrechtlich sind die Tatbestände bereits verjährt.



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