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Terrorgruppe: Die Rätsel der dritten RAF-Generation

Dritte RAF-Generation: Spuren des Terrors Fotos
AP

Nach anderthalb Jahrzehnten taucht mit den Überfällen auf zwei Geldtransporte ein Phantom wieder auf: die dritte Generation der RAF. Viele Verbrechen der Terrorgruppe sind bis heute ungelöst.

Das sogenannte Mai-Papier ist die Geburtsurkunde der dritten Generation der Roten Armee Fraktion (RAF). In dem Schreiben aus dem Frühjahr 1982 verkündet die Terrororganisation einen Strategiewechsel. Anders als im Deutschen Herbst 1977 will die Gruppe nun nicht mehr inhaftierte Mitglieder durch Geiselnahmen und Entführungen freipressen, sondern präzise geplante Angriffe durchführen. "Wir sagen, dass es jetzt möglich und notwendig ist, einen neuen Abschnitt in der revolutionären Strategie im imperialistischen Zentrum zu entfalten", teilt die RAF mit.

Der erste Mord der dritten Generation lässt drei Jahre auf sich warten: Am 1. Februar 1985 erschießen zwei Täter Ernst Zimmermann, den Chef des Rüstungskonzerns MTU. Es folgt der Sprengstoffanschlag auf die Rhein-Main-Airbase, den die RAF gemeinsam mit der französischen Terrorgruppe Action Directe durchführt. Drei Menschen werden getötet, elf weitere verletzt.

Es folgen gezielte Mordanschläge gegen Manager und Diplomaten - unter anderem auf den ranghohen Beamten im Auswärtigen Amt, Gerold von Braunmühl, den Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, und den Präsidenten der Treuhandanstalt, Detlev Karsten Rohwedder. Die Täter gehen mit hoher Professionalität vor: Herrhausen wird durch eine Sprengfalle getötet, die sogar seine gepanzerte Limousine zerstört. Rohwedder wird von einem Scharfschützen durch das Fenster seines Hauses erschossen.

Schusswechsel in Bad Kleinen

1992 erklärt die RAF einen Gewaltverzicht, trotzdem verübt sie ein Jahr später einen spektakulären Anschlag: Im März 1993 explodieren mehr als 200 Kilogramm Sprengstoff in der im Bau befindlichen Justizvollzugsanstalt Weiterstadt. Der Schaden beträgt mehr als hundert Millionen D-Mark. Die Fertigstellung des Gefängnisses verzögert sich bis 1997. Menschen werden bei diesem letzten Anschlag der RAF nicht verletzt.

Im Juni 1993 gerät die RAF für lange Zeit ein letztes Mal in die Schlagzeilen: Bei einem GSG-9-Einsatz in Bad Kleinen sollen die Terroristen Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld festgenommen werden. Das Vorhaben scheitert, bei einem Schusswechsel sterben Grams und der GSG-9-Beamte Michael Newrzella. Innenminister Rudolf Seiters muss von seinem Amt zurücktreten.

Für viele Morde wurde niemand verurteilt

Fünf Jahre später, am 20. April 1998, verkündet die RAF ihre Selbstauflösung. Doch vieles über die dritte Generation liegt auch 18 Jahre später noch immer im Dunkeln. Etwa 20 Mitglieder werden zur dritten Generation gezählt, nur rund zehn Mitglieder sind der Bundesanwaltschaft namentlich bekannt. Für die Morde an Braunmühl, Herrhausen und Rohwedder ist bis heute niemand zur Rechenschaft gezogen worden.

In der öffentlichen Wahrnehmung hat längst die Bedrohung durch den islamistischen Terror die RAF in Vergessenheit geraten lassen. Das hat sich nun erst durch die DNA-Spuren der untergetauchten RAF-Mitglieder Daniela Klette, Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg geändert, die nach gescheiterten Raubüberfällen 2015 gefunden wurden. Nach den dreien wird gefahndet; wo sie sich aufhalten, ist unbekannt. In einem Punkt sind sich die Ermittler sicher: Sie gehen davon aus, "dass die Tat allein der Finanzierung des Lebens im Untergrund dienen sollte" - Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund und eine vierte Generation der RAF gebe es nicht.

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Überfall auf Geldtransporter: RAF-Mitglieder wieder aktiv?

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syd

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
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1. Wiedergeburt der Staatsräson?
ullibulli09 20.01.2016
Angesichts der heutigen flächendeckenden Überwachung kommt einem die Einführung der Rasterfahndung zur Ergreifung der RAF fast lächerlich vor. Was ist bloß mit diesem Land passiert? Viele Fragen zur RAF werden wohl nie beantwortet. Mich würde auch mal interessieren, was mit den staatlich unterstützten Terror-Organisationen a la GLADIO passiert ist?
2. Planlos
pekaef 20.01.2016
Diese drei unfähigen Figuren, denen es bei zwei Versuchen nicht ein einziges Mal gelingt, einen Geldtransporter auszurauben, sollen die gefährlichen Terroristen sein, die die raffinierten Morde an Rohwedder und Herrhausend begangen haben? Schwer zu glauben.
3. ... bis heute ungelöst
Anthrophilus 20.01.2016
Unter anderem kann man deswegen nicht mit Sicherheit behaupten, daß Detlev Karsten Rohwedder, der erste Präsident der Treuhandanstalt, die zur Einordnung bzw. Abwicklung der DDR-Betriebe gegründet wurde, von der RAF ermordet wurde. Vier Tage vor dem Anschlag wandte sich Rohwedders Frau Hergard an die Polizei mit der Bitte um verstärkten Polizeischutz, der die Behörden nicht nachkamen. Es gab sicherlich viele, auch Personen aus der BRD-Wirtschaft, die sich einen weniger gewissenhaften Treuhänder wünschten. Die nachgereichten angeblichen Beweise für die Täterschaft der RAF sind bezweifelbar. Seine Nachfolgerin im Amt, Birgit Breuel, war aus branchennahem Haus (Münchmeyer, Bankiers) aber für die Aufgabe nicht wirklich geeignet. Unter ihrer Ägide wurde sicherlich vieles für die BRD-Wirtschaft "günstiger" abgewickelt, als es Rohwedder zugelassen hätte. Ihre fehlenden Management-Fähigkeiten wurden endgültig klar, als sie die EXPO mit 1,1 Mrd. Verlust abschloß. Auch an anderer Stelle war die RAF hochwillkommen - als Begründung für die Umrüstung in einen Polizei-Überwachungsstaat (Präsident des BKA Horst Herold, s. Sonnenstaat, Rasterfahndung). Weil Herr Herold immer noch Angst vor der RAF hat, lebt er weiterhin auf dem Gelände einer damaligen BGS-Kaserne in Rosenheim. Soll gesagt haben (Wiki): „Ich bin der letzte Gefangene der RAF“. Schauen wir, wozu dieses mal die RAF (ob angeblich oder wirklich) den "Sicherheits"-Behörden dient ...
4.
box-horn 20.01.2016
wenn die Überfälle wirklich der Finanzierung des "Ruhestands" der fraglichen RAF-Mitglieder dienen sollten, ist zweifellos in der nächsten Zeit mit weiteren Aktionen dieser Art zu rechnen. Ich habe aber Zweifel an dieser Theorie. Immer vorausgesetzt, es gibt nach wie vor einen hohen Fahndungsdruck auf die RAF, kann eigentlich eine Truppe, die in Deutschland von Licht, Liebe und Geld aus unbekannter Herkunft lebt - über Jahre hin - kaum unentdeckt bleiben.
5. Alfred Herrhausens Tod
Hoss_Cartwright 20.01.2016
war ganz sicher nicht die Tat der RAF - keine verwertbaren Spuren, eine hochprofessionelle Zündung des Sprengsatzes. Das war technologisch viel weiter, als die RAF hätte zu Wege bringen können. Ein Bekennerschreiben ist schnell gedruckt. Herrhausen wollte der 3. Welt Schulden erlassen. Da drängen sich ganz andere Verdachtsmomente auf die Täterschaft auf.
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