Spur zur RAF Überfall aus dem revolutionären Ruhestand

Die Staatsanwaltschaft fahndet nach einem verschollenen RAF-Trio. Bei einem Überfall auf einen Geldtransporter wurden DNA-Spuren gefunden, auch in einem zweiten Fall gibt es Hinweise. Lassen sich die Rätsel der dritten Terror-Generation lösen?

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DPA/ BKA

"Man weiß nie, was noch alles passieren kann", hat Rainer Griesbaum gelegentlich gesagt. Der Bundesanwalt hatte den Großteil seiner 36 Jahre bei den obersten Strafverfolgern in Karlsruhe gegen Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF) ermittelt, bevor er vor gut zwei Jahren in den Ruhestand verabschiedet wurde.

Griesbaum kann jetzt mit Genugtuung feststellen, dass sich der Bundesanwaltschaft vollkommen unerwartet die Möglichkeit eröffnet, vielleicht doch eine ihrer schlimmsten Schlappen wettzumachen.

Am frühen Nachmittag des 6. Juni vergangenen Jahres geschah es, auf dem Parkplatz eines "Real"-Supermarkts in Groß Mackenstedt bei Bremen. Drei vermummte Personen schnitten einem gepanzerten Geldtransporter mit einem VW-Bus den Weg ab, bedrohten Fahrer und Beifahrer mit einem Schnellfeuergewehr und einer Panzerfaust. Die Männer im Transporter aber behielten die Nerven. Selbst nachdem die Räuber drei Schüsse auf ihren Wagen abgefeuert hatten, überließen sie ihnen den Wagen nicht. Die drei Räuber flüchteten.

Ein gutes halbes Jahr später, am 28. Dezember, ein ähnliches Szenario: wieder ein großer Discounter, diesmal in Wolfsburg. Drei Maskierte stoppen einen Geldtransporter, doch wieder scheitert der Überfall - der Fahrer kann mit dem Wagen davonrasen. Die Täter flüchteten.

Jetzt haben DNA-Analysen ergeben, in beiden Fällen waren die Täter wohl dieselben- und mehr noch: Das Räubertrio gehörte einst zur dritten Generation der RAF, von ihm fehlte auch nach der selbsterklärten Auflösung der Terrorgruppe im April 1998 nahezu jede Spur. Bis jetzt.

Ungeklärte Morde der dritten RAF-Generation

Die dritte Generation der RAF hatte sich im Frühjahr 1984 im Untergrund formiert, doch von ihren 22 bekannten Taten, die sie bis zum Jahr 1993 beging, konnte die Bundesanwaltschaft nur ganze zwei einigermaßen aufklären: Den Mord und den Mordversuch von Wolfgang Grams in Bad Kleinen.

Alle anderen Aktionen, bei denen insgesamt zehn Menschen ermordet und 29 verletzt wurden, sind bis heute rätselhaft geblieben. Nicht einmal ansatzweise aufgeklärt sind zum Beispiel die Morde am Bankier Alfred Herrhausen, dem Diplomaten Gero von Braunmühl oder Treuhand-Chef Detlef Rohwedder.

Zuletzt fanden die Ermittler im September 1985 eine konspirative RAF-Wohnung in Tübingen. Wo die Terroristen der dritten Generation seitdem über all die Jahre gelebt haben, ist unbekannt. Patrick von Braunmühl, der Sohn des von der RAF ermordeten Diplomaten, sagt: "Dass der enorme Verfolgungsapparat bislang über die dritte Generation fast nichts herausgefunden hat, ist ein Armutszeugnis."

Spurlos verschwunden

Das ist noch freundlich ausgedrückt. Nur dank der Weiterentwicklung von DNA-Analyse-Techniken konnten Beamte des Bundeskriminalamts ein paar spärliche Erkenntnisse hinzugewinnen. So konnten sie Haare, die auf einem Teppichstück, das bei der von der RAF in die Luft gesprengten Haftanstalt Weiterstadt gefunden wurden, drei verschwundenen Ex-RAF-Mitgliedern zuordnen: Ernst-Volker Staub, Daniela Klette und Burkhard Garweg - jenes Trio, das offenbar im vergangenen Sommer in Groß Mackenstedt wieder aktiv war.

Staub zählte ursprünglich zu einer RAF-Gruppe, die im Juli 1984 zusammen mit fünf anderen Kadern in einer konspirativen Wohnung in Frankfurt verhaftet wurde. Das Bayerische Oberste Landesgericht verurteilte ihn im Februar 1986 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu vier Jahren Haft. Doch Staub tauchte bald nach seiner Entlassung wieder ab.

Seine Gefährtin, so vermuteten die Ermittler, war dann Daniela Klette, die seit 1978 zur Roten Hilfe in Wiesbaden gehörte und in der RAF-Unterstützergruppe mit dem zentralen Paar der dritten RAF-Generation zusammenkam, mit Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams. Auf den Papieren, die Ermittler Ende Juni 1993 in Bad Kleinen sicherstellten, wo Hogefeld verhaftet und Grams erschossen worden war, fanden sich auch Fingerabdrücke von Staub und Klette.

Zusätzlich zu dem Phantom-Paar ist der einstige RAF-Mann Burkhard Garweg spurlos verschwunden. Er radikalisierte sich in den Achtzigerjahren in Hamburg, in den besetzten Häusern an der Hafenstraße. Garweg ist ein Beispiel dafür, dass die RAF ein generationsübergreifendes politisches Unternehmen war. Als die RAF-Gründer Andreas Baader und Gudrun Ensslin im April 1968 in Frankfurt in zwei Kaufhäusern Feuer legten, um ein Fanal für die Revolution zu setzen, war Garweg noch gar nicht geboren.

Revolutionäre im Ruhestand

Staub und Klette hatten vor dem Raubüberfällen in Groß Mackenstedt und Wolfsburg zuletzt in Duisburg Spuren hinterlassen, am 30. Juli 1999, gut ein Jahr nachdem die RAF sich offiziell aufgelöst und ihren sinnlosen Kampf eingestellt hatte.

Vor einem Einkaufszentrum im Stadtteil Rheinhausen brachten drei Vermummte in zwei Fahrzeugen einen Geldtransporter zum Stehen. Dann zwang das mit einer Panzerfaust, einer Maschinenpistole und einem Sturmgewehr bewaffnete Trio die beiden Geldboten, die Türen ihres gepanzerten Fahrzeugs zu öffnen.

Die Räuber entkamen mit mehr als einer Million D-Mark. An den am Tatort zurückgelassenen Helmen und Sturmhauben fanden Experten des Bundeskriminalamts DNA-Spuren von Staub und Klette. Es sah so aus, als hätten die beiden ihr Handwerkszeug und ihre Expertise noch einmal genutzt, um sich ihre Rente zu organisieren.

Die Ähnlichkeiten des Überfalls von Duisburg und den gescheiterten Neuauflagen in Groß Mackenstedt und Wolfsburg sind zu groß, um reiner Zufall zu sein. Und die DNA-Analysen sprechen nun eine klare Sprache.

Die Ermittler in Niedersachsen gehen davon aus, "dass die Tat allein der Finanzierung des Lebens im Untergrund dienen sollte" - Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund gebe es nicht. Die Millionenbeute aus Duisburg bedeutete für die drei RAF-Rentner im Schnitt weniger als 900 Euro im Monat. Das hat ihnen offenbar nicht gereicht.

Die Revolutionäre im Ruhestand gingen noch einmal das Risiko eines Überfalls ein. Ein sehr hohes Risiko, das ihnen jetzt zum Verhängnis werden könnte.

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