Von Veit Medick, Hannover
Claudia Roth hat Emotionen in der Politik noch nie gescheut. Es gab Tage, da hat sie in der Öffentlichkeit Tränen vergossen. Es gab Auftritte, da hat sie geschrien. Dieser Samstag wäre eigentlich mal wieder so eine Gelegenheit für große Gemütsbewegungen, aber Roth gibt sich vergleichsweise diszipliniert.
Mit knapp 90 Prozent bestätigen sie die Delegierten des Parteitags als Grünen-Chefin. Früher hätte sie dafür die ganze Welt umarmt, sie wäre wahrscheinlich einmal quer durch die Halle gesprintet. Jetzt läuft sie aufs Podium und ruft "Danke euch!" Sie wirft einen Handkuss ins Publikum, winkt nach links und nach rechts, ein paar Bonbons regnen auf ihren Kopf. Dann setzt sie sich wieder auf ihren Platz.
Es ist ein Trostpflaster, mehr nicht. Und es kostet die Grünen noch nicht einmal viel. Den Parteivorsitz will gerade sowieso niemand anderes machen. Roth ist dieser Tage die tragische Figur bei den Grünen. Sie, die ihr Leben den Grünen untergeordnet hat, wurde bei der Urwahl über die Spitzenkandidatur düpiert. Nur ein Viertel der Mitglieder stimmte für sie. Nur ein Viertel!
Sie hat das schwer getroffen, Roth verarbeitet die Blamage noch immer. Mit Freunden. Mit Gesprächen. Mit Trotz. Mit "viel Nachdenklichkeit" sei sie in diesen Parteitag gegangen, sagt sie in ihrer Bewerbungsrede. "Ihr müsst beantworten, ob ihr mir noch vertraut", ruft sie. "Ihr müsst beantworten, ob ihr mich noch wollt, so wie ich bin, mit Kanten und Ecken. Weil: Das ändern will ich nicht." Punkt.
Roth will weitermachen, sie will kämpfen. Aber es hat sich etwas getan bei den Grünen. Noch ist nicht ganz klar, was das mit dieser Partei und mit Roth persönlich macht, aber es steht jetzt etwas zwischen ihnen.
Nicht die Inhalte, so viel ist klar. Da waren die Grünen und Roth selten näher beieinander. Es geht nach diesem Wochenende ein Stück nach links, und man darf annehmen, dass die Parteivorsitzende damit keine Probleme hat. Das Problem ist etwas Grundsätzlicheres. Es geht darum, wie man diese Politik kommuniziert. Es geht darum, welche Rolle die Grünen spielen, welche Erscheinung sie in den Vordergrund stellen sollen. Da scheint etwas nicht mehr so recht zusammenzupassen zwischen Roth und der Partei.
"Im Irak ist es ja bestimmt saukalt"
Roth beschäftigt das, man merkt das. Sie ist nicht die Fröhlichkeit in Person auf diesem Parteitag, weder vor noch nach ihrem Ergebnis. Natürlich lacht sie viel, Claudia Roth lacht immer viel und auch gerne sehr laut. Als die Parteitagsleitung die Delegierten im Laufe des Tages auf ein "Kofferproblem" hinweist, weil eine Grüne und ein Grüner am Abend zuvor offenbar ihr Reisegepäck vertauscht haben, findet Roth das sehr lustig.
Ansonsten hält sie sich eher zurück. An den Mikrofonen der Reporter geht sie vorbei, was unter normalen Umständen selten vorkommt. Und auch am Rednerpult ist sie weniger oft zu sehen, als man das gewohnt ist. Sie hält ihre Bewerbungsrede. Sie bringt einen Antrag zur grünen Syrien-Politik ein. Sie überreicht dem Uno-Sonderbeauftragen im Irak, Martin Kobler, einen Gartenzwerg und einen grünen Schal. Im Irak sei es ja "bestimmt saukalt", sagt sie.
Roth verbringt am Samstag auffallend viel Zeit damit, einen Granatapfel, der vor ihr auf ihrem Schreibtisch auf der Bühne liegt, umzupositionieren. Martin Kobler, der Mann mit dem Gartenzwerg, hat ihn ihr aus Kandahar mitgebracht. Das liegt in Afghanistan und manche sagen, dort gebe es die besten Granatäpfel der Welt. Roth pflanzt ihn mal links, mal rechts neben sich. Am Ende nimmt sie einen Kaffeebecher, dreht ihn direkt vor sich um und stellt den Apfel oben drauf. Es ist ein kleiner Thron. Sie freut sich.
Prall und stolz steht dieser Apfel da, fast den gesamten Samstag lang. Die Farbe knallt, aber wenn man genau hinschaut, dann sieht man, dass die Oberfläche etwas unrein ist, es gibt kleine Löcher und ein paar Narben auf der Schale. Und wer schon mal einen Granatapfel gegessen hat, der kennt dieses leichte Chaos, das sich im Inneren eröffnet. Roth schaut die Frucht immer wieder an. Sie passt gut auf diesen Parteitag. Als Kontrast, wenn man so will.
Von leichtem Chaos, das zeigt auch diese Delegiertenkonferenz, kann bei den Grünen jedenfalls längst nicht mehr die Rede sein. Die Farbe knallt natürlich noch immer, stolz sind die Grünen auch. Aber es läuft eben inzwischen alles sehr ordentlich, sehr manierlich und gediegen ab. Redezeiten werden weitgehend eingehalten. Konflikte werden ausgebügelt, bevor sie überhaupt richtig entstanden sind. Der Geräuschpegel hält sich in Grenzen. Kaum ein Mann hat noch lange Haare. Das war alles noch ziemlich anders, als Roth in die Partei eingetreten ist.
Draußen, im Foyer, kann man jetzt seine Kinder betreuen lassen. Drinnen ist ein "Tagungsbüro" Anlaufstelle für alle, die Fragen haben. Es ist alles streng durchchoreografiert, auch die Hierarchie. Die Spitzenkandidaten werden wie Popstars gefeiert. Die Partei wirkt stromlinienförmig. Wenn sie eine Frucht wäre, wäre sie inzwischen wohl eher eine Banane als ein Granatapfel. Ohne große Ecken und Kanten eben.
SMS von Sigmar Gabriel
Diese kleine kulturelle Revolution ist nicht neu. Sie hat die Grünen im vorigen Jahrzehnt erfasst, und Roth kann eigentlich nicht überrascht darüber sein, denn sie ist seit 2004 an der Spitze der Partei. Aber wahrscheinlich ist genau diese Wende der Grund, warum eben nicht Roth, sondern Katrin Göring-Eckardt die Partei als Spitzenkandidatin in den Wahlkampf führen darf. An die Grünen haben sich viele Menschen gewöhnt. Jetzt geht es vor allem darum, sie nicht wieder zu verschrecken.
Roth sagt: "Nur weil unsere Themen Mainstream geworden sind, ist doch unser Kampf noch lange nicht vorbei."
Es ist ein kleiner Graben entstanden zwischen Roth und ihrer "Familie", wie sie die Grünen mal genannt hat, und es ist zu erwarten, dass sich dieser eher noch vergrößert in den nächsten Monaten und Jahren. Man kann sagen, dass die Grünen eine sehr, sehr normale Partei geworden sind. Sie sind so normal, dass viele in der Union sich durchaus vorstellen können, mit den Grünen 2013 ein Bündnis einzugehen.
Roth war immer ein bisschen anders als normal. Sie ist das übrigens immer noch. Und sie ist stolz darauf. Zu Recht. "Kämpfen kann ich", sagt sie. "Und das Nerven gewöhne ich mir auch nicht mehr ab."
Die Grünen werden das noch merken. Roth wird mit Sicherheit auch dann nerven, wenn es darum geht, für welche Koalitionen die Partei sich eigentlich künftig öffnen soll. Schwarz-Grün, so viel ist klar, ist keine schöne Vorstellung für die Parteivorsitzende. Niemand kämpft mehr für Rot-Grün als sie. Bei den Sozialdemokraten wissen sie, wie wertvoll das ist. Nach ihrer Urwahl-Niederlage bekam Roth eine SMS von Sigmar Gabriel. Herbert Wehner, so schrieb der SPD-Chef, habe Hans-Jochen Vogel mal einen Zettel zugeschoben. Nicht aufgeben. Weitermachen. Vogel verteile gelegentlich Kopien dieses Zettels. Er schicke ihr jetzt diesen Zettel in Gedanken.
Roth freute sich über die SMS sehr.
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