Rudolf Scharping Kandidat mit Brutto-netto-Fauxpas

Vollbart, dicke Brillengläser, träge Sprache - Rudolf Scharping wollte 1994 Helmut Kohl als Kanzler ablösen. Mit einer Serie von Pannen wurde der SPD-Politiker zu einem der unglücklichsten Kanzlerkandidaten der Sozialdemokratie.

Von Stephan Klecha


Nach dem Rückzug von Björn Engholm als Parteivorsitzenden und designierten Kanzlerkandidaten erklomm 1993 Rudolf Scharping - gestützt auf eine Mitgliederbefragung - erst den SPD-Parteivorsitz und dann die Kanzlerkandidatur. Scharping war nur zwei Jahre zuvor als erster Sozialdemokrat in Rheinland-Pfalz Ministerpräsident geworden und besaß zur Jahreswende 1993/94 eine gute Perspektive, Helmut Kohl bei der Bundestagswahl im Oktober als Kanzler abzulösen.

SPD-Politiker Scharping (Archivbild aus dem Jahr 1994): Beständigkeit und Beharrlichkeit
AP

SPD-Politiker Scharping (Archivbild aus dem Jahr 1994): Beständigkeit und Beharrlichkeit

Zu viele Fehler wurden der Regierungskoalition aus CDU, CSU und FDP angelastet, doch die noch unbekannte Alternative irritierte viele Wechselwähler: Der jüngste der "Enkel" hatte dicke Brillengläser, trug einen Vollbart und die langsame, sachliche Stimme, welche die Vokale in die Länge zog, verriet das Heimatidiom der Westerwälder Provinz.

Scharpings Politikstil setzte auf Beständigkeit und Beharrlichkeit, auf das direkte Gespräch mit dem Bürger. Dergleichen wollte nicht so recht zur mediengängigen Vermittlung von Politik passen, wie sie 1994 so wichtig geworden war. Unter diesen Umständen war Scharping der größte anzunehmende Kommunikationsunfall, es sei denn, er bekäme die Zeit, um seine Sachkompetenz darzulegen.

Scharping besaß bis zur Bundestagswahl jedoch nur 18 Monate. Dass die Umfragewerte trotzdem anfangs für ihn sprachen, fußte weniger auf seiner Kompetenz als vielmehr auf der Schwäche der Regierung. Die Folgen der Deutschen Einheit mit Steuer- und Abgabenerhöhungen sowie der immensen Massenarbeitslosigkeit setzten den Regierungsparteien zu. Besonders arg stand es um die FDP. Deren Versuch, sich als "Partei der Besserverdienenden" zu profilieren, wurde mit Verachtung von weiten Teilen der Bevölkerung aufgenommen, weswegen die Liberalen reihenweise bei Wahlen die Fünf-Prozent-Hürde verfehlten.

Die Pannenserie des Rudolf S.

Wie fragil die Zustimmungswerte für die SPD und Scharping waren, zeigte sich dann im Frühjahr 1994, als der Kanzlerkandidat erklärte, den Solidarzuschlag durch eine Ergänzungsabgabe für Besserverdienende ersetzen zu wollen - und dabei eine Einkommensgrenze wählte, die ziemlich viele Menschen zu "Besserverdienenden" deklarierte.

Scharping ruderte hilflos zurück und verlor sich in Abhandlungen über Brutto- und Nettoeinkommen.

Scharpings Lapsus vermittelte den Eindruck, als sei der Kandidat von zentralen Alltagsrealitäten entrückt, da nützte es nicht, dass er inmitten von Sperrmüllmöbeln recht bescheiden in Lahnstein wohnte. Als die Wogen sich glätteten, stand im Mai die Wahl des Bundespräsidenten an. Da die FDP mit Hildegard Hamm-Brücher eine eigene Kandidatin neben Unionskandidat Roman Herzog aufbot, verfügte kein Kandidat über die absolute Mehrheit. Die Hoffnung der SPD, dass die FDP spätestens im dritten Wahlgang ihren Kandidaten Johannes Rau unterstützen würde, zerschlug sich, als die Freien Demokraten dann für Herzog stimmten.

Die Sozialdemokraten hätten dies verhindern können, wenn die FDP von ihnen nach dem zweiten Wahlgang unter Zugzwang gesetzt worden wären, indem sie Rau fallen gelassen und Hamm-Brücher zur Mehrheit verholfen hätten. Rudolf Scharping und mit ihm die gesamte Parteispitze trauten sich aber nicht, Rau zu opfern. Einem Herbert Wehner wäre dies wohl nicht widerfahren, Rudolf Scharping schon, der sich nach der Wahl auch noch als schlechter Verlierer gab.

Als die SPD Mitte Juni bei der Europawahl verlor, war ersichtlich geworden, dass die gute Stimmung vom Anfang des Jahres dahin war. Scharping kommentierte das Wahlergebnis unter dem Gelächter der Bundespressekonferenz wie folgt: "Das ist in der ersten Runde eine Niederlage. Es kommen aber weitere."

Mehr und mehr stellte sich die Frage, mit wem die SPD eigentlich regieren wollte. Rudolf Scharping hatte in seinen Landtagswahlkämpfen zuvor zwar gute Erfahrungen gemacht, die Koalitionsfrage offen zu halten, allerdings stand dort weder die FDP vor dem Ende ihrer Existenz noch verhinderte eine aus der SED hervorgegangene PDS eine kleine Koalition der SPD mit FDP oder Grünen.

Die Koalitionsfrage

Die Schwäche der FDP, die spätestens mit dem Ausscheiden aus dem Europaparlament augenfällig wurde, zwang die Liberalen dazu, in Treue fest zur Union zu halten, um überhaupt ausreichend Zweitstimmen bei der Bundestagswahl zu erzielen. Damit waren sowohl ein sozialliberales Bündnis als auch eine Ampelkoalition faktisch ausgeschlossen. Mangels ersichtlicher Mehrheiten für Rot-Grün, was Scharping ohnehin nicht anstrebte, schien nun vieles auf eine Große Koalition hinauszulaufen.

Dass dies nicht so sein musste, wurde nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Ende Juni deutlich, als mit Rückendeckung der Parteiführung eine rot-grüne Minderheitsregierung gebildet wurde, die sich auf die PDS stützte. Die SPD wähnte sich so wieder im Zentrum der Koalitionsarithmetiken: Käme die PDS in den Bundestag, wären eine Ampel-Koalition, eine Große Koalition oder auch eine Duldung durch die PDS prinzipiell möglich.

Letzteres war vor allem als Drohkulisse angelegt, doch ließ der Gedanke daran westdeutsche Eliten aufschreien. Ostdeutsche Sozialdemokraten distanzierten sich flugs von der PDS. Die Parteiführung war mehrstimmig in dieser Frage und lehnte schließlich deklaratorisch eine Zusammenarbeit ab, so dass die SPD nun erklären musste, warum sie genau dieses auf Landesebene tat. Dieser Schlingerkurs mobilisierte die alten, treuen, zweifelnden Unionswähler noch einmal, um eine rot-rot-grüne Koalition zu verhindern.

Mehr zum Thema


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
anselmi 22.04.2007
1. Kalter Kaffee am Sonntagmorgen
??? Das war vor 13 Jahren. Wo besteht der Diskussionsbedarf? Interessanter sind da schon die aktuellen Breaking News. (http://images.wikia.com/de.uncyclopedia/images/b/b1/SackReis.jpg)
DJ Doena 22.04.2007
2. Wayne interessierts?
Zitat von anselmi??? Das war vor 13 Jahren. Wo besteht der Diskussionsbedarf? Interessanter sind da schon die aktuellen Breaking News. (http://images.wikia.com/de.uncyclopedia/images/b/b1/SackReis.jpg)
Seh ich genauso. (http://www.wayne-interessierts.net)
Rainer Daeschler, 22.04.2007
3. Friede seinem Pensionärsdasein
Moritz Hunzinger geht zwar durch die Lande und versucht ihn als "Professor Scharping" aufzupeppen, was eine missglückte Übersetzung seines Lehrauftrags bei TUFTS in USA ins Deutsche ist, aber seine politischen Recycling-Fähigkeiten sind wohl nur als äußerst begrenzt einzuschätzen.
rabenkrähe 23.04.2007
4. Scharping ist hipp
Also ich finde Scharping hipp, insbesondere das einstige Triumvirat mit Lafontaine und Schröder war einfach genial. Alle drei standen für irgendwas in der SPD und dieses Durcheinander in der Partei mit meist fragwürdigen oder jedenfalls nicht wirklich durchsetzungsfähigen Führungspersonen ist geblieben. rabenkrähe
A.M.HB, 23.04.2007
5. Abgestrampelt
Poolplantschender Radfahrer, der das Handtuch warf. Und sich wehrlos von einem abservieren ließ, der schon als Kind davon träumte, Kanzler zu werden, wenn er mal groß ist. Beides hat der auch nicht geschafft.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.