Rücktritt von Kiels OB Susanne Gaschke Die testosterongesteuerte Frau

Susanne Gaschke begründet ihren Rücktritt als Kieler Oberbürgermeisterin auch mit ihrem Scheitern als Frau in einer männlich dominierten Politikwelt. Tatsächlich ist sie an sich selbst gescheitert.

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Susanne Gaschke: Im entscheidenden Moment nicht in der Partei verankert
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Susanne Gaschke: Im entscheidenden Moment nicht in der Partei verankert


Am Ende war der Rücktritt von Susanne Gaschke keine Überraschung. Ihr Bandscheibenvorfall - Gaschke war seit drei Wochen krankgeschrieben - zeigte bereits, dass die Kieler Oberbürgermeisterin der Auseinandersetzung über ihren rechtswidrigen Steuer-Deal nicht mehr gewachsen war. Es liefen staatsanwaltschaftliche Ermittlungen und ein Disziplinarverfahren - und am kommenden Donnerstag hätte die Kieler Ratsversammlung mit einiger Wahrscheinlichkeit die Abwahl der 46-jährigen ehemaligen Journalistin beantragt.

Vielleicht war dieser Rücktritt nach nur elf Monaten im Amt aber auch in einem tieferen Sinne keine Überraschung: Susanne Gaschke war, das machte sie in ihrer Abschiedsrede noch einmal deutlich, mit dem Anspruch angetreten, einen "neuen Politikstil" zu prägen. Was sie wollte, beschreibt Gaschke mit den Worten "Offenheit", "Vertrauen" und "Wohl der Stadt". Das ist ein sehr vages Konzept.

Viel genauer wusste die SPD-Frau Gaschke, was sie nicht wollte: "kleinliche Politikerrituale" und "hermetische Politikersprache". Sie wollte nicht Teil sein der Parteipolitik und ihrer Funktionäre, wie sie sie nannte. Im Grunde hat sie sie verachtet.

Das ist eine gefährliche Mischung: eine Seiteneinsteigerin in der Politik, ohne Verwaltungserfahrung oder politische Praxis, dafür aber mit hohem moralischem Anspruch gepaart mit Verachtung für die Protagonisten des politischen Betriebs - das konnte eigentlich nur schiefgehen.

Dazu kam eine gewisse Empfindsamkeit, was Kritik an der eigenen Person angeht. Die befremdete auch deshalb, weil Gaschke sich als Journalistin und ebenso polarisierende wie moralisierende Buchautorin durchaus auf das Handwerk der Meinungsmache verstand.

Sie sah sich als Opfer unveränderlicher Rituale

Nun sieht sich Gaschke als Opfer eines brutalen Systems, dessen "zerstörerisches Spiel" sie nicht länger mitspielen wollte. So ist es auch in ihren Büchern: Da gibt es immer ein böses System, das die Kindheit zerstört und kommerzialisiert und Kinder und Eltern zu Opfern macht.

In Kiel sah Gaschke sich als Opfer unveränderlicher Rituale, als Opfer der "alten Art", Politik zu machen. Als Opfer sieht sie sich aber auch als Frau in einer männlich dominierten Politikwelt. Mehr oder weniger unterschwellig durchzieht das Geschlechterthema ihre zehnminütige Abschiedsrede. Gescheitert, sagt sie, sei sie als Frau. Sie wehrt sich dagegen, dass Politik nur etwas für "Beamte und Juristen und besonders harte Männer" sein soll. Und dagegen, dass "testosterongesteuerte Politik- und Medientypen" sie für zu weich halten.

"Testosterongesteuert" - das ist der ultimative Vorwurf gegen die Kieler Politik, also dumm, grob und triebgelenkt. Ein Wort, dass man eigentlich auf den Index setzen sollte. Weil es Männer herabwürdigt und diskriminiert und umgekehrt auch sofort so verstanden würde. Wer würde es schließlich wagen, die obere Etage des Kanzleramts als "östrogengesteuert" zu verunglimpfen?

Nein, Gaschke ist in erster Linie an sich selbst gescheitert. Daran, dass sie nach ihrer Fehlentscheidung mögliche Verbündete in der eigenen Partei durch aggressive Vorwürfe verprellte. Dass sie emotional reagierte und dadurch die Affäre unnötig aufbauschte.

Aber sie ist eben auch daran gescheitert, dass sie im entscheidenden Moment nicht in der Partei verankert war, dass sich die Reihen nicht schlossen, als sie angegriffen wurde, dass man mit ihr fremdelte.

Und das ist ein Frauenthema: Frauen sind oft Seiteneinsteigerinnen, sie sind weniger im System verankert, haben sich, siehe Merkel, nicht jahrzehntelang im System hochgedient. Das kann ein Vorteil sein und ein Risiko. Für die Sache der Frauen und die Diskussion um Frauen in Führungspositionen ist es nicht zuträglich, wenn Frauen wie Gaschke in einem wichtigen politischen Amt scheitern. Noch weniger zuträglich ist es, wenn sie ihr Scheitern auch noch damit begründen, dass sie Frauen sind.

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insgesamt 156 Beiträge
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franz.rau 28.10.2013
1. Bravo
Sehr geehrte Frau Hoffmann, ich danke Ihnen für diesen Artikel. Auch wenn es genug Grund zur Kritik an der Politik, dessen System, und nachwievor männlich dominierter Gebiete gibt, Ihre Ablehnung und Ihr Erkennen der Diskriminierung wiegen mehr als 3 Bücher von Alice Schwarzer. Danke sehr. Hochachtungsvoll, freundliche Grüße.
laermgegner 28.10.2013
2. Dieser Abgang ist unwürdig
Im Osten Deutschland gibt es nur noch Behörden voll Frauen- da können Sie Männer suchen. Nun die Ausrede zu finden, die Männer haben ihr nicht den roten Teppig und die Kußhand gegeben, finde ich nicht gut. Auch Frauen können nicht alles was sie wollen und müssen auch mal verstehen, dass sie nicht immer Recht haben. Diese Ausreden hätten 1960 fachlich gestimmt, aber nicht mehr heute.
ThomasWissmann 28.10.2013
3. Das sehe ich aber anders...
...zunächst muss man sich doch wohl anschauen, wer Gaschke diesen Deal vorgeschlagen hat: die Finanzbehörde selber! Und jetzt eine Frau zu kriminalisieren, die sich um das Wohlergehen ihrer Stadt gesorgt hat, ist schon schäbig!
StFreitag 28.10.2013
4. Und es ist
- abgesehen von Gaschkes offenkundigem Versagen - ein typisches SPD-Problem. Diese Partei ist bis heute ein Hort der Vereinsmeierei und Hinterzimmerpolitik. Seiten- und Späteinsteiger werden kaum geduldet, Karriere macht nur, wer diesen intensiven durch lange Jahre bei den Jusos und in den Kreisverbänden erworbenen SPD - Stallgeruch verströmt und den Jargon drauf hat. Eintreten und für ein Amt kandidieren? Vergiß es. Für die Partei ist das nicht gut.
Blindleistungsträger 28.10.2013
5. Die übliche Leier
Frauen handeln, und das hat Konsequenzen. Sind diese positiv, lag es an der Frau. Sind die Konsequenzen negativ, sind auf irgendeine Weise die Männer daran schuld. Die Frauen in diesem Land machen sich nun schon so lange lächerlich. Wie war das noch in Japan? Da wird der Graben zwischen den Geschlechtern immer tiefer. Ich denke, so ähnlich sieht auch unsere Zukunft aus.
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