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Debatte um Russland-Gas: Hendricks und Aigner warnen vor Panikmache

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Die Russland-Krise heizt Sorgen vor einem Erdgas-Engpass an. Umweltministerin Hendricks warnt vor Panikmache, auch Bayerns Energieministerin Aigner sieht keine akute Gefahr. Zugleich warnen sie: Deutschland muss sich für die Zukunft wappnen.

Erdgas-Station: "Nicht die einzige Quelle" Zur Großansicht
REUTERS

Erdgas-Station: "Nicht die einzige Quelle"

Berlin - Das Verhältnis zwischen Berlin und Moskau ist im Zuge der Krim-Krise abgekühlt. Umso heißer läuft nun die Debatte um die Abhängigkeit Europas von russischem Öl und Gas. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte wegen des Konflikts mit Moskau eine "neue Betrachtung der gesamten Energiepolitik" gefordert.

Merkels Appell zeigt: Für die Bundesregierung ist die Zukunft der Energieversorgung ein höchst sensibles Thema. Auf der einen Seite will man Putin spüren lassen, dass der Westen sein Verhalten gegenüber der Ukraine nicht akzeptiert. Doch bei aller Distanzierung zu Moskau in der Krim-Krise will man allzu schroffe Töne vermeiden. Immerhin deckt Russland mehr als ein Drittel des deutschen Gas- und Ölbedarfs.

Führende Politiker aus Union und SPD warnen deshalb vor Panikmache in der Energiedebatte. "Russland war und ist stets ein zuverlässiger Lieferant", sagte Umweltministerin Barbara Hendricks(SPD) SPIEGEL ONLINE am Freitag. "Es ist aber auch nicht unsere einzige Bezugsquelle", fügte sie hinzu und bekräftigte: "Eine Neuorientierung der Energiepolitik muss uns weg von fossilen Brennstoffen führen".

Hendricks mahnte, man dürfe sich keine Illusionen über eine komplette Abkehr von Russlands Rohstoffen machen - auch wenn die Energiewende voranschreite. Der Ausbau von Wind-, Wasser- und Solarkraft mache Deutschland zwar "immer eigenständiger", sagte Hendricks. Trotzdem werde sich "kurz- oder mittelfristig an unserer Abhängigkeit von Gasimporten nicht viel ändern", fügte die Ministerin hinzu.

Zuvor hatte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) betont, es gebe "keine vernünftige Alternative" zu russischen Gasimporten. Die Grünen warfen dem Vizekanzler daraufhin vor, zu wenig zu tun, um die Abhängigkeit von Energielieferungen aus Russland einzudämmen.

Aigner: "Keine einseitigen Abhängigkeiten"

Die bayerische Energieministerin Ilse Aigner (CSU) stellte Gaslieferungen aus Russland hingegen grundsätzlich in Frage. "Ich teile die Ansicht der Kanzlerin, dass man einseitige Abhängigkeiten im Auge behalten muss. Für die Zukunft brauchen wir verstärkt Möglichkeiten, Gas aus anderen Ländern zu beziehen", sagte Aigner SPIEGEL ONLINE.

"Allerdings warne ich auch vor Panik, selbst in den schwierigsten Zeiten des Kalten Krieges hat Russland zuverlässig Gas geliefert" fügte Aigner hinzu. Für Bayern spielen Gasimporte eine besondere Rolle. Das flächenmäßig größte Bundesland setzt im Zuge der Energiewende verstärkt auf Gaskraftwerke.

Der Energiebeauftragte der Unionsfraktion, Thomas Bareiß (CDU), warnte ebenfalls davor, Ängste vor Versorgungsengpässen zu schüren. "Akut besteht keine Gefahr für die deutsche Energieversorgung. Die weltweiten Entwicklungen zeigen, dass genügend Gas vorhanden ist", sagte Bareiß SPIEGEL ONLINE.

Ist Flüssiggas die Lösung?

Doch angesichts der Krim-Krise sieht auch Bareiß die Quellen, aus denen Deutschland sein Gas bezieht, auf dem Prüfstand - und bringt den Bau eines deutschen Flüssiggas-Terminals ins Spiel. "Trotzdem müssen wir eine Strategie entwickeln, um weiter zu diversifizieren, sowohl die Herkunftsländer betreffend, als auch die Transportwege. Dazu gehört auch ein wirksamer regulatorischer Rahmen für ein deutsches LNG-Terminal", sagte Bareiß weiter.

In Wilhelmshaven laufen seit Jahrzehnten Planungen für ein Terminal, das Flüssigerdgas (LNG = Liquefied Natural Gas) in großen Mengen entgegen nehmen kann. Bislang wurden die Pläne nie in die Realität umgesetzt. Die geschätzten Kosten belaufen sich auf etwa 800 Millionen Euro.

Der CDU-Politiker mahnte an, Deutschland müsse seine Versorgungssicherheit dauerhaft gewährleisten. "Eine Industrienation wie Deutschland braucht auch zukünftig eine breitgefächerte sowie verlässliche Energieversorgung und eine aktive Rolle in der Energieaußenpolitik", sagte Bareiß weiter.

Heil: "Insgesamt müssen wir unabhängiger werden"

Der Energieexperte der SPD-Fraktion im Bundestag, Hubertus Heil, appellierte an die europäischen Staaten, in der Energieversorgung an einem Strang zu sehen. "Langfristig müssen wir insgesamt unabhängiger von Importen werden", sagte Heil SPIEGEL ONLINE am Freitag. "Dabei helfen uns der vernünftige Ausbau erneuerbarer Energien genauso wie verstärkte Anstrengungen bei der Energieeffizienz. Dennoch braucht es gerade auf europäischer Ebene eine gemeinsame Strategie zur Versorgungssicherheit", so der SPD-Fraktionsvize.

Die Ukraine-Krise löst derzeit Unsicherheiten über mögliche Versorgungsengpässe aus, sowohl bei Verbrauchern als auch in der Industrie. Während man in Europa diskutiert, wie man die Rohstoff-Lieferungen aus Russland reduzieren kann, buhlen die USA oder Kanada bereits um mehr Einfluss auf dem europäischen Energiemarkt.

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insgesamt 73 Beiträge
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1. Flüssiggas ist doch ein Witz.
eric_helmut 29.03.2014
In Deutschland wollen wir kein Fracking,aber dann importieren wir Fracking-Gas aus der USA, das aufwendig verflüssigt, mit einem Schiff nach Deutschland gebracht wird und dort an einem noch nicht gebauten Terminal angenommen wird. Ertstens ist dabei Fracking im Spiel und zweitens ist der Energieaufwand für den Transport per Schiff eindeutig höher als per Pipeline. Deshalb sollten wir allein der Umwelt zuliebe bei russischem Erdgas bleiben.
2. Vorsorge gegen Gas-Engpässe
opinio... 29.03.2014
SPAREN! Dicke Socken und Pullover im Winter auch IM Hause. Oder schöner Ausgedrückt: Komfort neu definieren! Im Sommer auf die Klimaanlage verzichten - auch im Auto. Und vor allem, die noch laufenden Atomanlagen schnell vom Netzt nehmen und weiter über die Kosten jammern.
3. Natopartner Norwegen
pförtner 29.03.2014
Fragen wir doch mal "Gas Gerd" ,was sein Freund Putin diesbezüglich sagt. Mir war von Anfang an klar,dass es im konflicktfall kein Gas geben wird. Aber vielleicht kann Norwegen als Natopartner aushelfen. Aber auch hier sind die Erinnerungen an Deutschland durchaus noch vorhanden.
4.
baba_ali_75 29.03.2014
800.000.000 millonen für lng terminals sind doch peanuts , wenn stuttgart sich nen bahnhof für ca. 5 millarden leisten kann!!! deutschland ist nur noch peinlich...
5. Energielieferungen aus den USA?
cirkular 29.03.2014
Immerhin steht die EU nach Russland und vo Indien an dritter Stelle der Feinde der USA, die man mit konsequenter atomarer Abschreckung im Griff halten will. Da ist schnell mal ein Gasterminal blockiert.
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Interaktive Grafik

Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

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