S-Bahn-Krawalle Viele Opfer, keine Täter

Krachende Zaunlatten, ausgerissene Haarbüschel, verletzte Kinder: Vor zwei Tagen kam es in einer S-Bahn auf dem Weg nach Rostock zu einer Massenprügelei zwischen Linken und Rechten - noch immer ist unklar, wer wen angriff.

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Hamburg/Rostock - Die Frage ist: Wer war tatsächlich Opfer - und wer Täter? Klar ist nur, dass die Polizei gegen mehr als 50 Linke und Rechte ermittelt.

NPD-Demonstration: In Rostock selbst blieb es diesmal ruhig
AP

NPD-Demonstration: In Rostock selbst blieb es diesmal ruhig

Nach bisheriger Erkenntnissen der Bundespolizei war in der S-Bahn von Güstow auf dem Weg nach Rostock folgendes passiert: Gegen Mittag kam es am Haltepunkt Pölchow - knapp 10 Kilometer südlich von Rostock - zu einer "Auseinandersetzung linker und rechter Veranstaltungsteilnehmer". Laut Stefan Perschall, Sprecher des Bundespolizeiamts Rostock, waren Vertreter beider Gruppen auf dem Weg in die Hansestadt, um entweder an einer NPD-Demonstration oder die Gegen-Veranstaltung zu besuchen. Hintergrund: In einem links-alternativ geprägten Stadtteil Rostocks hat vor kurzem ein Bekleidungs-Geschäft der rechtsextremistischen Szene eröffnet, um das es bereits mehrfach zu Krawallen gekommen ist.

Um 12.45 Uhr am Samstag, erzählt Bundespolizei-Sprecher Perschall SPIEGEL ONLINE, wurde man über die Krawalle im Zug informiert, die Beamten seien "in wenigen Minuten" am Bahnhof von Pölchow gewesen und hätten die Lage unter Kontrolle gebracht. Anschließend habe man die Identität von 64 Personen festgestellt. Die vorläufige Bilanz: "7 Mitglieder beider Lager" seien verletzt worden, auch von "erheblichem Sachschaden" an dem Zug, vor allem durch Steinwürfe, spricht Perschall. Gegen 17 aus dem rechten und 37 Menschen aus dem linken Lager würden nun "strafrechtliche Ermittlungen wegen des Verdachtes des Landfriedensbruchs, der Körperverletzung und der Sachbeschädigung geführt".

Opfer und Täter hat die Polizei nicht ausgemacht. War es in Wirklichkeit ein brutaler Angriff von Neonazis auf eine Gruppe harmloser Linker? "Das ist nicht auszuschließen", sagt Perschall und verweist auf die laufenden Ermittlungen. Augenzeugen wollen sogar ein verletztes Kind gesehen haben, von mit Zaunlatten prügelnden Rechtsradikalen ist die Rede. Oder haben doch die Linken angefangen? Perschalls Antwort: "Das ist alles spekulativ".

Augenzeugen sprechen von brutaler Gewalt

Für den Verein der Opfer rechtsextremistischer Gewalt "Lobbi" und mehrere Augenzeugen ist der Fall klar: Demnach sind die Rechtsradikalen an der Station Pölchow gezielt in einen Waggon mit Linken eingedrungen. "Mit äußerster Brutalität gingen die Rechten gegen ihre Opfer vor und prügelten auf Erwachsene wie Kinder ein", heißt es auf der Lobbi-Webseite. Fluchtwege seien versperrt, Scheiben gezielt mit den Steinen aus dem Gleisbett eingeworfen worden, behauptet ein Augenzeuge gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Die Rechtsradikalen bedrängten auch eine Mutter mit ihrer kleinen fünfjährigen Tochter, das Kind erlitt Schnittverletzungen am Kopf", sagt er.

"Auf dem Bahnsteig traktierten die Rechten mit ausgebrochenen Zaunlatten fliehende Opfer", dort hätten "ganze Büschel ausgerissener Haare der Opfer" gelegen, ist bei Lobbi zu erfahren. Ein "taz"-Kollege erzählt, er habe "später sogar in dem Zug in Rostock noch Haarbüschel gefunden". Der Journalist berichtet auch davon, dass mehrere NPD-Politiker aus dem Zug gestiegen seien - unter anderem Udo Pastörs, Fraktionschef im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, sowie sein parlamentarischer Geschäftsführer Stefan Köster und Fraktionsvize Timo Müller.

"Das ist richtig", sagt Köster SPIEGEL ONLINE. Falsch dagegen das meiste andere. Seine Version der Ereignisse macht die Linken zu Tätern und die Rechten zu Opfern: Rund 60 sogenannte Antifaschisten - es klingt etwas verächtlich - seien in Schwaan in die S-Bahn eingestiegen, erzählt Köster, und hätten sich im vorderen Teil des Zugs niedergelassen. Dort saßen allerdings "sieben Leute aus unserer Reisegruppe", wie es der NPD-Mann ausdrückt. "Die wurden erst verbal angegangen und dann verprügelt, auch mit Tränengas attackiert." Köster weiß das so genau, weil "ich diese jüngeren Herren später befragt habe". Alles weitere, daran erinnert sich Köster genau, waren "Gegenmaßnahmen zum Schutz der Sieben". Die "Horrormeldungen" von Lobbi und die Beschwerden der Linken hält er deshalb für "beschämend". Im Übrigen, von wegen friedliche Linke: "Rucksäcke voller Steine haben die dabeigehabt", will der NPD-Politiker in Erfahrung gebracht haben.

Suche nach Klarheit

Mathias Brodkorb könnte mehr wissen: Der SPD-Landtagsabgeordnete gilt als seriöser Beobachter der rechten Szene, betreibt gemeinsam mit anderen Jungsozialisten die Anti-NPD-Seite "endstation-rechts.de". Doch auch Brodkorb irrt bislang auf der Suche nach Klarheit über die Vorgänge vom Samstag. "Ich habe bisher nur eine verlässliche Zeugenaussage", sagt er. Ihm stelle sich demnach folgendes dar: Tatsächlich hätte im Vorderteil des Zugs eine Gruppe von rechten Jugendlichen gesessen. Diesen sei in jedem Fall "verbal nahegelegt worden", den Wagen zu verlassen. "Ich weiß nicht, ob sie auch körperlich bedrängt wurden", sagt er. Das hätte dann den Angriff der Rechten zur Folge gehabt, glaubt Brodkorb, "die haben dann den Waggon halb zerlegt und entsprechend Gewalt angewendet".

"Die Aussagen gehen auseinander", sagt Bundespolizei-Sprecher Perschall. Dem ist wenig hinzuzufügen.



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