S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: "Aber ich habe Angst"

Von Jan Fleischhauer

Nur weil man sich vor etwas fürchtet, heißt das nicht, dass es auch besonders gefährlich wäre. Aber die kühle Risikoabwägung zählt in der Stimmungspolitik nicht - wie die Ehec-Panik zeigt. Im Gegenteil: Wer lieber Zahlen als Gefühlen vertraut, gilt heute als verantwortungslos.

Wie werden wir den Ehec-Ausbruch, der Deutschland seit Wochen den Atem raubt, in Erinnerung behalten? Als Ebola des Rohkostzeitalters? Den schwarzen Fluch vom Biohof? Die große Sprossen-Pest?

Es ist schon vertrackt, gerade sind die Deutschen noch zu Tausenden auf die Straße gegangen, um sich und das Land vor dem Atomtod zu bewahren, und dann kommt das Verderben aus dem Frischeregal. Die Bilanz bislang: drei tote Arbeiter in Fukushima, 35 Opfer nach dem Outbreak in der norddeutschen Tiefebene. Was die Tödlichkeit angeht, steht es derzeit nicht gut für die Ökoindustrie, aber so darf man natürlich nicht rechnen. Die Toten der Atomwirtschaft zählen immer zwanzigfach, damit liegt sie noch vorn.

Angst ist ein eher unzuverlässiger Ratgeber, wie sich zeigt. Das subjektive Empfinden, etwas sei so gefährlich, dass man es besser meide, ist trügerisch. Nur weil man sich vor etwas besonders fürchtet, heißt das nicht, dass es auch besonders zu fürchten wäre. Aber Statistik und Wahrscheinlichkeit verlieren schnell ihre Bedeutung, wenn es um Ängste geht, sie werden sogar mit Bedacht außer Acht gelassen. Anders ist ja nicht zu erklären, dass die meisten Menschen sich bei einer Autofahrt sicherer fühlen als bei einer Flugreise, obwohl das Gegenteil angezeigt wäre.

Tritt sie kollektiv auf, kann die Angst auch erschreckend teuer sein: Eine Milliarde Euro wird die E-Panik die europäische Agrarwirtschaft am Ende wohl kosten, wie das "Handelsblatt" ausgerechnet hat. Wenn die Verbraucher selbst Gurkengläser und eingelegte Tomaten zu entsorgen beginnen, hilft kein Zureden mehr, da ist jedes Argument verloren.

Trotzdem steht die Angst in der politischen Debatte hoch im Kurs, tatsächlich ist sie als Gefühlswort allerersten Ranges geeignet, sofort jede Diskussion zu bestimmen. Nichts wirkt so unschlagbar authentisch wie das Bekenntnis, sich zu fürchten, und authentisch zu sein gilt seit den achtziger Jahren als Ausweis größter Wichtigkeit. Gegen echte Betroffenheit kommt keine Risikoabwägung an; wer lieber Zahlen als Gefühlen vertraut, hat schon verloren, wie es die Autoren des kleinen Büchleins "Schöner Denken", eines munteren Glossars der Linkssprache, bereits vor längerem anschaulich beschrieben haben: "Authentisch ist, wenn in einer Bürgerversammlung fünf hochkarätige Wissenschaftler dargelegt haben, warum der Neubau eines Golfplatzes kein bedrohliches Risiko darstellt, und dann einer aufsteht und sagt: 'Aber ich habe Angst.' Dann können die fünf Experten einpacken und die Journalisten wissen, wem sie ihr Mikrofon unter die Nase halten."

Es hat ein wenig gedauert, bis die Gefühlskultur das Regierungshandwerk erreichte, aber nun ist auch das geschafft. Wer heute noch glaubt, von Politikern erwarten zu dürfen, dass sie in schwierigen Zeiten einen kühlen Kopf bewahren, hat nichts von moderner Stimmungspolitik begriffen, wie der Profi weiß. Natürlich sei die Energiewende der Bundesregierung erklärungsbedürftig, hat der ehemalige Hamburger Bürgermeister Ole von Beust vergangene Woche eingestanden: "Aber was wollen sie machen, wenn 70 Prozent der Bevölkerung für den Ausstieg sind? Politiker sind keine Helden, sie wollen wiedergewählt werden." Früher galt das Regieren nach Gefühlslage als Opportunismus, heute sieht man darin ein Zeichen besonderer Einfühlsamkeit und Bürgernähe.

Ein Problem mit dem Weltschrecken ist, dass er so gehäuft auftritt. Was haben wir in den vergangenen 30 Jahren nicht schon alles überlebt: den sauren Regen und das Waldsterben, die Überbevölkerung, das Ozonloch und die Aids-Katastrophe, die nach den ersten Hochrechnungen bis heute etwa die Hälfte der Weltbevölkerung dahingerafft haben müsste. Zwischendurch mussten wir noch mit den Nematoden im Fisch fertigwerden, den "tödlichen Eiern", die es 1993 sogar auf einen SPIEGEL-Titel brachten, der Vogel- und der Schweinegrippe, und natürlich BSE, dem Killer im Fleischklops. Man mag es dem einen oder anderen also nachsehen, wenn er nicht gleich ansprang, als es hieß, dass demnächst die Polkappen schmelzen würden. Auch gegen Unheilsverkündigungen kann man abstumpfen.

Apropos Polkappen. Lange nichts mehr davon gehört. Irgendwie scheint der Klimawandel an Bedrohung verloren zu haben. Aber so geht es, wenn zwei Ängste miteinander konkurrieren: Nun fürchten wir uns eben ganz doll vor dem Atom, weshalb wir viele neue Kohle- und Gaskraftwerke brauchen, da müssen die Klimaziele leider zurücktreten. Nicht auszudenken, wie die Öffentlichkeit reagiert hätte, wenn Fukushima und Bienenbüttel auf die gleiche Woche gefallen wären. Vermutlich würden wir heute noch auf die Energiewende warten, weil die Bürger zu sehr damit beschäftigt gewesen wären, die heimischen Nahrungsbestände auf Dosenkost und Tiefkühlpizza umzustellen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 350 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. achja, immer diese...
.link 13.06.2011
...bösen Linken aus CDU und FDP...
2. wieder einmal nur Kopfschuetteln
peter20 13.06.2011
Zitat von sysopNur weil man sich vor etwas fürchtet, heißt das nicht, dass es auch besonders gefährlich wäre. Aber die kühle Risikoabwägung zählt in der Stimmungspolitik nicht - wie die Ehec-Panik zeigt. Im Gegenteil: Wer lieber Zahlen als Gefühlen vertraut, gilt heute als verantwortungslos. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,768189,00.html
Tatsaechlich wuensche ich mir eine wesentlich sachlichere und weniger effektheischende Berichterstattung in den Medien. Wenn aber wieder einmal Fleischi daherkommt und so tut, als habe die Atomlobby all die realen harten Zahlen gebucht, waehrend die Gegner allein sich in Emotionen weiden, dann ist das - wieder einmal von Fleischi - absolut falsch: - Wieso legen die Atombefuerworter kein hartes Zahlenwerk vor, wie hoch man in Deutschland einen Gau zu versichern haette ? (und bitte schoen auch welche Versicherung dies uebernaehme?) und umgekehrt: - Welche Industrielobby schuert denn gerade Aengste ueber den Wirtschaftstod Deutschlands nach einem Atomausstieg??? Und fuer dieses absolut zynische Aufrechnen, wieviele Tote es bisher in Japan gegeben habe, dafuer haette Fleischi wirklich schon eine Woche Schreibverbot verdient: Also ob er es selbst nicht auch wuesste, wie Strahlung und Strahlenschaeden sich kurz-mittel- und langfristig auf den menschlichen Koerper auswirken!
3. Volltreffer
tmpsec 13.06.2011
Mal wieder herrlich und treffend beschrieben, diese deutsche Lieblingsbeschäftigung "Angst zu haben". Quo vadis, Deutschland?
4. ....
NaljiaSkal 13.06.2011
Ich bin zwar zu jung um den Ozonloch- und Waldsterben-Hype aktiv mitgemacht zu haben, aber nachdem ich in den letzten 10 Jahren schon BSE, MKS, SARS, Dioxin, Schweine- Vogelpest sowie NORO überlebt habe ist meine Angst- und Hysteriekonto irgendwie erstmal aufgebraucht... sorry EHEC. Was mir trotzdem irgendwie Grinsen lies war, das es dieses Mal die Veganer und Vegetarier getroffen hat die bei den anderen Krisen immer mit ihrem moralisch überlegenen Zeigefinger wedeln konnten... Es kommt ja meistens im 2 Jahrestakt, was kommt also 2013? Wie wärs mal mit einer Hautkrankheit, eignet sich gut für Fotos!
5. Ich fasse es nicht
DergerechteZorn 13.06.2011
Zitat von peter20Und fuer dieses absolut zynische Aufrechnen, wieviele Tote es bisher in Japan gegeben habe, dafuer haette Fleischi wirklich schon eine Woche Schreibverbot verdient: Also ob er es selbst nicht auch wuesste, wie Strahlung und Strahlenschaeden sich kurz-mittel- und langfristig auf den menschlichen Koerper auswirken!
Mein Vorschlag: Fleischhauer wird internationaler PR Chef von Tepco. Mit Firmenvilla neben dem Fukushima AKW.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema S.P.O.N. - Die Kolumnisten
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 350 Kommentare
Jan Fleischhauer

Facebook

Fotostrecke
Dresdner Kirchentag: Lichter, Andrang und ein Star