S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Bruder Wulff

Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

Wie jede Affäre hat auch die Affäre um den Bundespräsidenten einen moralischen Mehrwert. Längst sind wir vom Zuschauer zum Richter geworden, das erklärt das große Interesse. Dabei übersehen viele nur zu gern, dass uns der Mensch Wulff viel näher steht, als uns das lieb sein kann.

Mit der Affäre Wulff ist es wie mit einem Auffahrunfall auf der Autobahn: Man geht unwillkürlich vom Gas, um alles mitzubekommen, auch wenn einem das anschließend ein wenig peinlich ist. Die meisten Leute, die ich kenne, sagen inzwischen, dass sie der Sache überdrüssig seien, aber kaum steht irgendwo etwas Neues, gucken sie doch wieder hin.

Was interessiert uns an dieser Geschichte so?

Auch neun Wochen nach Ausbruch der Affäre haben sich die Vorwürfe nicht zu einem strafrechtlich relevanten Vorgang verdichtet. Das meiste, was uns präsentiert wird, sind die Art von Einladungen, wie sie immer wieder vorkommen, wenn einer sehr viel mehr Geld als der andere hat. Das einzige, was überrascht, ist die Selbstverständlichkeit, mit der das Ehepaar Wulff offenkundig die Großzügigkeit von Freunden und Bekannten in Anspruch nahm. Tatsächlich ist die Frage inzwischen nicht mehr, was noch ans Licht kommt. Die wirkliche Frage lautet, welche Reisen die Wulffs selber bezahlt haben. Es würde die Sache möglicherweise deutlich vereinfachen, wenn der treue Anwalt Gernot Lehr eine Liste der Flüge und Hotelaufenthalte zusammenstellen würde, bei denen zweifelsfrei ist, dass der Bundespräsident die Rechnung alleine beglichen hat.

Vom Hang des Bundespräsidenten zum Luxus

Der unmittelbare Mehrwert jeder Affärenberichterstattung ist der moralische Selbstgenuss. Die mediale Teilnahme macht einen nicht nur zum Zuschauer, sie erhöht auch alle zu Richtern. Je nach Temperament (und Einsicht in die eigene Fehlbarkeit) fällt das Urteil milder oder harscher aus. Die Vorgänge, um die es geht, sind dabei in dem Rahmen, den wir selber kennen und deshalb aus eigener Anschauung bewerten können.

Viel ist jetzt vom Hang des Bundespräsidenten zum Luxus die Rede, aber das ist Unsinn. Wer nach einer Antwort sucht, warum Christian Wulff in den vergangenen sechs Jahren ständig die Hilfe anderer in Anspruch genommen hat, findet sie in der Scheidung von seiner ersten Frau Christiane. Nach Abzug aller Zahlungs- und Unterhaltsverpflichtungen werden dem damaligen Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen überschlägig nicht viel mehr als 3000 Euro netto im Monat geblieben sein. Das ist mehr als viele Menschen in Deutschland verdienen, aber eben auch nicht sehr viel, wenn man eine junge Frau an seiner Seite hat, mit der man ein neues Leben beginnen möchte.

Überall finden sich jetzt Menschen, die ungefragt Details zum vermeintlichen Wohlleben der Wulffs offerieren. Irgendwann hat mal jemand auf einem Flug nach Miami mitbekommen, wie das Präsidenten-Ehepaar auf bessere Plätze wechseln durfte. Jetzt hängt er sich ans Telefon und meldet den Vorgang bei einem der ermittelnden Presseorgane. Man darf vermuten, dass auch die Kopien aus dem Hotel in Sylt, die "Bild" am vergangenen Donnerstag seinen Lesern präsentierte, nicht vom Baum gefallen sind. Aber man soll sich nicht täuschen lassen: Nicht alles geschieht aus dem edelsten Motiv.

Wir sind alle verführbar

Wir sind alle verführbar, auch zu kleinen und größeren Vorteilsnahmen. Es gehört zu den Ironien dieser Affäre, dass nicht wenige der upgrade-allergischen Journalisten, die schon einen vergünstigten Flug in der Business Class als Skandal empfinden, selber nichts dabei fanden, jahrelang bei Air Berlin mit Rabatt zu fliegen. Man kann sich - wie Robert Leicht in seinem Kommentar - zudem fragen, ob es sinnvoll ist, wenn Verlage oder Redaktionen ihre Feiern von Unternehmen sponsern lassen.

Zwar wird niemand den Journalisten unterstellen wollen, dass sie nicht mehr unvoreingenommen berichten können, weil sie verbilligt mit Air Berlin geflogen sind oder sich den Sekt von einem Konzern haben bezahlen lassen. Aber man sieht an diesem Beispiel, welche Probleme auftauchen, wenn man sich ernsthaft daran machen sollte, für den politischen Betrieb die Standards der Nach-Wulff-Zeit zu etablieren.

Ich habe in den vergangenen Wochen schon Politiker zum Mittagessen getroffen, die sich bei Vorlage der Rechnung gefragt haben, ob sie sich noch von mir einladen lassen dürfen oder ob sie nicht auf einer hälftige Kostenübernahme bestehen müssen. In gewisser Weise steht uns Christian Wulff viel näher, als uns das lieb ist, auch das macht die Bewertung so kompliziert.

Im Beobachtungsstrudel

Es ist bemerkenswert, wie schnell sich im Augenblick die Maßstäbe ändern, wenn nur das Ziel stimmt. Eben noch galt der Schutz der Privatssphäre als unveräußerliches Gut, das selbst Hochkriminellen einen unverletzlichen Kernbereich zugestand, in den niemand Fremdes hineinhorchen darf. Nun finden sich im "Stern" seitenweise Mails teils privaten Inhalts, ohne dass ganz klar ist, wo der Bruch jedes Fernmeldegeheimnisses die Aufklärung der Affäre weiterbringt.

Natürlich kann man alles begründen, wenn man sich Mühe gibt, auch die Veröffentlichung von Blackberry-Nachrichten zwischen "Schnulli" Olaf Glaeseker und "Oberschnulli" Manfred Schmidt. Diese Kosenamen werden zu den Dingen gehören, die noch in Erinnerung bleiben, wenn die genauen Umstände der Affäre schon wieder ins Dunkel des Halbwissens abgesunken sind.

Aber ein wenig gespenstisch ist es doch, so zum Voyeur gemacht zu werden. Man muss sich nur einmal vorstellten, man würde selber in einen solchen Beobachtungs- und Publikationsstrudel geraten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 224 Beiträge
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    Seite 1    
1. ohne Titel
ThumAndreas 13.02.2012
Zur Vertiefung: - Bruder Hitler | Cicero Online (http://www.cicero.de/berliner-republik/bruder-hitler/36576)
2. Hallo, Frau Schwartzer!
Brand-Redner 13.02.2012
Zitat von sysopNach Abzug aller Zahlungs- und Unterhaltsverpflichtungen werden dem damaligen Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen überschlägig nicht viel mehr 3000 Euro netto im Monat geblieben sein. Das ist mehr als viele Menschen in Deutschland verdienen, aber eben auch nicht sehr viel, wenn man eine junge Frau an seiner Seite hat, mit der man ein neues Leben beginnen möchte. Affären: Bruder Wulff - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,814918,00.html)
In diesem Falle sollte man sich fragen, ob man die richtige Frau gewählt hat - ich könnte das auch ganz altmodisch eine _Charakterfrage_ nennen. Denn diese Zeilen unterstellen doch, dass man in erster Linie genug Geld braucht, um (s)einer Frau zu imponieren! Ich kann nicht beurteilen, ob dies alles ausgerechnet bei Bettina Wulff zutrifft; vielleicht kennt Herr Fleischhauer sie besser als ich. Aber was Alice Schwartzer zu diesem erzkonservativen Frauenbild sagen würde, hätte ich doch zu gern gewusst!
3. Antwort
froschi1411@msn.com 13.02.2012
Der Verfasser dieses Artikels betrachtet Herrn Wulff als Normalbuerger, vergisst aber dabei voellig dass an der ersten Mann im Staat andere Anforderungen gestellt werden. Wie kann ein Kleinbuerger der immer die Hand aufhaelt Akzente setzen und Werte vermitteln ??? Dieser Mann ist fehl am Platz.
4. Worums geht
Progressor 13.02.2012
Wenn ich als Ministerpräsident eines Landes etwas gefragt werde und per Gesetz dazu verpflichtet bin wahrheitsgemäß zu antworten, dann habe ich zurückzutreten, wenn ich überführt bin vorsätzlich gelogen zu haben. Alles andere beschädigt die Glaubwürdigkeit unserer Demokratie. Insbesondere dann, wenn der Betroffene später das oberste Staatsamt bekleidet.
5. "uns der Mensch Wulff"
Baikal 13.02.2012
Zitat von sysopWie jede Affäre hat auch die Affäre um den Bundespräsidenten einen moralischen Mehrwert. Längst sind wir vom Zuschauer zum Richter geworden, das erklärt das große Interesse. Dabei übersehen viele nur zu gern, dass uns der Mensch Wulff viel näher steht, als uns das lieb sein kann. Affären: Bruder Wulff - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,814918,00.html)
# Ihnen, Fleischauer, Ihnen steht dieser Mensch nahe, nicht uns. Sie sind von seinem Holz, Sie halten ihre private Höhensonne für die Lichtquelle der Welt und wundern sich, wenn andere frieren.
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