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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Die Irrtümer der Guttenberg-Gegner

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Mit dem Fall Guttenberg droht nun angeblich der bürgerlichen Wertewelt irreparabler Schaden. Dabei übersehen die Kritiker, dass der Umgang des Freiherren mit den Wissenschaftsstandards typisch für die laxe Art des Adels ist - und gerade nicht fürs Bürgertum.

Es ist immer wieder rührend mit anzusehen, wenn sich Menschen, die einst schon den Verzicht auf ein Deo und das "Sie" in der Anrede als revolutionäre Tat feierten, Sorgen um die Erosion bürgerlicher Verkehrsformen machen. Überall herrscht jetzt großes Händeringen, je weiter man nach links blickt, desto ringender. Der Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin sieht "Sitte und Anstand" in Deutschland gefährdet und das "Vertrauen in die Institutionen des Landes" erschüttert, die Vertreter der Linkspartei beklagen den Verfall der "politischen Kultur in Deutschland", die SPD glaubt das Land bereits auf dem Weg in "eine andere Republik".

Was ist passiert? Hat die Bundeskanzlerin für den Tag ihres Ausscheidens einen Vertrag mit dem Kremlkonzern Gazprom geschlossen? Ist ihr Mann in den Aufsichtsrat eines großen Unternehmens berufen worden, obwohl er eingestandenermaßen nichts von Wirtschaft versteht? Nein, der Bundesminister der Verteidigung, Karl-Theodor zu Guttenberg, hat sich bei der Abfassung seiner Doktorarbeit zu freigebig aus den Arbeiten anderer Leute bedient. Eine unverzeihliche Schlamperei bei den Fußnoten - und schon droht den "Fundamentalwerten einer bürgerlichen Gesellschaft" irreparabler Schaden, wie die Opposition nun barmt.

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass Guttenberg gerade kein Bürgerlicher ist, wie schon ein Blick auf die Liste seiner Vornamen zeigt, vom Freiherren ganz zu schweigen. Wenn überhaupt, dann lässt der fahrlässige Umgang mit den Usancen des Wissenschaftsbetriebs ein Standesbewusstsein erkennen, wie es dem Adel seit jeher eigen ist. In dieser Welt nimmt man sich, was einem zu gebühren scheint, heute ist es eben der "Dr. jur." an der Uni Bayreuth. Gerade Linke sollten Klassenunterschiede kennen, ihr ganzes Theoriegebäude beruht schließlich darauf, aber irgendwie scheint den heutigen Vertretern die Erinnerung an die Grundbegriffe des Marxismus abhanden gekommen zu sein, was nur den Schluss zulässt, dass die meisten tief und fest geschlafen haben, als die Kritik der politischen Ökonomie an der Reihe war.

Der Opposition geht es nicht um Wissenschaftsstandards

Nun kann man natürlich auch die Bundeskanzlerin dafür schelten, dass sie ihren Verteidigungsminister nicht gleich fallen lässt, wenn sie die "Süddeutsche Zeitung" dazu auffordert. Indem sie ihn halte, gebe sie ein verheerendes Beispiel, heißt es. Nun ja. Jedes Kind durchschaut ja die Empörungsroutine, mit der jetzt das Opfer des Volkslieblings gefordert wird. Der Opposition geht es nicht um die Wissenschaftsstandards in Deutschland, sondern um den Fall eines Ministers, der so populär ist, wie alle Führer der Gegenseite zusammen nie sein werden. Das ist legitim, hat aber nichts mit Moral zu tun. Außerdem ist es durchaus auch ein konservativer Wert, einem bedrängten Kameraden in schwerer Stunde beizustehen. Loyalität gehört nicht zu den hervorstechendsten Tugenden der Linken, wo sich jeder selber der nächste ist, wie schon der Besuch eines x-beliebigen Grünen-Parteitags zeigt. Vielleicht ist deshalb die Verbitterung so groß, dass man dem Freiherren trotz allen Getobes nicht richtig beikommt.

Es ist überhaupt ein Missverständnis, von Konservativen ein durchgängig untadeliges Benehmen zu erwarten, nur weil sie noch Werte wie Redlichkeit und Anstand im Munde führen. Krumme Touren, Ehebruch oder Bereicherung im Amt kommen in den besten Familien vor, da machen die Rechten keine Ausnahme. Die Frage ist nur, ob man dies als tadelnswerte Abweichung betrachtet oder eher als lässliche Sünde, ja sogar lobenswerte Auflehnung gegen die repressive Bürgermoral. Auch in Bayreuth verleiht sich ein Doktorand nicht selber seine Note. So gesehen sollten die Professoren, die jetzt dem Minister mit der ewigen Verachtung des Wissenschaftsbetriebs drohen, ihren Zorn lieber gegen die eigenen Kollegen richten, die für eine aus Zeitungsartikeln und Lexikoneinträgen zusammengeschusterte Arbeit ein "summa cum laude" verleihen, Plagiat hin oder her. Dass der Bayreuther Jura-Professor Oliver Lepsius sich nun mit besonders aufschäumender Kritik an dem ehemaligen Doktoranden hervor tut, muss man in diesem Zusammenhang wohl als die Übersprungshandlung eines Menschen verstehen, der aus gutem Grund um seinen Ruf fürchtet.

Die Mehrheit hält zu Guttenberg

In der Elite hat man sein Urteil gefällt, jetzt erwartet man natürlich, dass die Leute folgen und ebenfalls den Kopf des Verteidigungsministers fordern. Umso größer das Unverständnis, dass die Mehrheit zu dem bedrängten Manne hält. Nach der ersten Runde an Vorwürfen sind die Sympathiewerte sogar noch einmal gestiegen; dies kann man sich in den aufgeklärten Vierteln nur mit der Einfältigkeit der Masse erklären, Volksverachtung gehörte hier schon immer zum guten Ton.

In diesem Fall könnte allerdings der seltene Fall eintreten, dass die Dauerempörten schon aus Opportunismus die Fahne wieder einrollen, die sie eben noch aufgezogen haben. Auch unter den Wählern von SPD, Grünen und Linkspartei gibt es viele, die finden, die Politiker sollten sich langsam wieder anderen Themen zuwenden als der Jagd auf einen Regierungsvertreter, der nun neben seinem Adelstitel eben ohne Doktorprädikat auskommen muss.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 820 Beiträge
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1. Sorry, aber..
gambio 28.02.2011
Zitat von sysopMit dem Fall Guttenberg droht nun angeblich der bürgerlichen Wertewelt irreparabler Schaden. Dabei übersehen die Kritiker, dass der Umgang des Freiherren mit den Wissenschaftsstandards typisch für die laxe Art des*Adels ist - und gerade nicht fürs Bürgertum. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,748031,00.html
der Artikel hat keinen Kommentar verdient, ausser dass er keinen verdient hat.
2. Wer schädigt hier das Bürgertum ....
CancunMM 28.02.2011
....? Doch nicht die Kritiker des Herrn Guttenberg, sondern Herr Guttenberg selbst und seine Verteidiger belasten diese Wertvorstellung.
3. Bin ich jetzt im falschen Film?
Professor123 28.02.2011
Soll dieser Artikel ein Karnevalsscherz sein, bin ich zufällig auf die Seite der BLÖD-Zeitung gekommen oder meinen Sie das ernst, was Sie da schreiben? Wenn SPON das erst meint, dass die Guttenberg-Gegner und nicht die Guttenberg-Huldiger auf dem Holzweg sind, dann ist der Spiegel für mich gestorben...
4. #
myspace 28.02.2011
Zitat von sysopMit dem Fall Guttenberg droht nun angeblich der bürgerlichen Wertewelt irreparabler Schaden. Dabei übersehen die Kritiker, dass der Umgang des Freiherren mit den Wissenschaftsstandards typisch für die laxe Art des*Adels ist - und gerade nicht fürs Bürgertum. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,748031,00.html
Netter Versuch, nur Guttenberg ist kein Adeliger und schon gar kein Freiherr. Seine Vorfahren waren adelig aber nicht Guttenberg selbst. Die Bezeichnung 'Freiherr' ist nur Teil seines Nachnamens.
5. Adelig? Was ist das?
mkes 28.02.2011
Zitat von sysopMit dem Fall Guttenberg droht nun angeblich der bürgerlichen Wertewelt irreparabler Schaden. Dabei übersehen die Kritiker, dass der Umgang des Freiherren mit den Wissenschaftsstandards typisch für die laxe Art des*Adels ist - und gerade nicht fürs Bürgertum. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,748031,00.html
Da er jetzt Vertreter für Bürger sein wollte, muß er sich auch mit diesen Standards messen lassen. Und somit schlicht die Konsequenzen ziehen. Davon abgesehen gibt es keine von Geburt "adeligen" Menschen. Das ist ein Denkfehler vieler Menschen, die noch immer glauben das Könige eine gute Idee ist. :D "Adel" beweist man durch tadeloses Verhalten. Somit kann so etwas meist nicht vererbt werden.
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