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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Die Revolution frisst die Grünen

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Die Grünen sind die richtige Wahl für alle Leute, die sich vor zu viel Veränderung fürchten. Weil es davon in Berlin weniger gibt als gedacht, haben die Milieuschützer der Ökopartei ausgerechnet in ihrer Hochburg den Machtwechsel verpasst. Wer rebellisch sein wollte, wählte die Piraten.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich eine Wahlniederlage zu erklären. Das Wetter war schuld. Der Bundestrend stand gegen einen. Der Gegner hat sich unlauterer Methoden bedient. Das sind die gängigen Ausflüchte, wenn man nicht über Programm oder Spitzenkandidaten reden will. Welche Erklärung haben die Grünen, dass sie am Sonntag in Berlin meilenweit ihr Wahlziel verfehlten, den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit abzulösen? Ganz einfach: Ihr Wahlkampf war zu anspruchsvoll für die Hauptstadt. Das ist wenigstens mal eine originelle Deutung des Wahlausgangs, muss man sagen. Wählerbeschimpfung gehört schon länger nicht mehr zum Repertoire des Wahlverlierers.

Allenthalben heißt es nun, die Grünen hätten sich nicht durchgesetzt, weil sie auf Ideen und Konzepte setzten, während die SPD sich damit begnügte, gute Laune zu verbreiten und ansonsten jede Auseinandersetzung über Sachfragen vermied. Inhalte statt Gefühl - auf diese Formel brachten viele Beobachter den Wahlkampf der Ökopartei schon, als sich in den Umfragen andeutete, dass es mit der Machtübernahme in der Hauptstadt nichts werden würde. So gesehen haben die Grünen die Quittung erhalten, muss man folgern: Den Berlinern reicht es eben, dass die SPD die besseren Plakate hatte. Das ist natürlich ein bedenkliches Zeichen, wie besorgte Stimmen aus der linksalternativen Mitte sogleich anmerkten. Wenn die Wähler Plakate statt Programme vergleichen, steht es nicht gut um die Demokratie, ist ja klar.

Mag sein, dass die Berliner zu einfältig sind, um zu erkennen, welche Chance sie mit ihrer Entscheidung gegen Renate Künast als Bürgermeisterin vertan haben. Eine andere, sehr viel naheliegendere Erklärung des Wahlausgangs wäre, dass sie genau wussten, was sie taten. Man braucht nicht das 240 Seiten umfassende Programm der Grünen gelesen zu haben, um eine ziemlich präzise Idee von deren Gedankenwelt zu haben. Man muss eigentlich nur einen Auftritt der grünen Spitzenkandidatin verfolgt haben. Selbst Menschen, die nicht besonders viel mit Wowereit am Hut hatten, schreckten am Ende bei der Vorstellung zurück, nun jeden Morgen mit der Frage geweckt zu werden, wie es denn gestern bei ihnen um die Mülltrennung stand.

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Wahl in Berlin: Piraten drin, FDP raus

Die Grünen verbinden mit ihren Erziehungsappellen gern den Anspruch, besonders fortschrittlich zu denken. Dabei ist inzwischen das Gegenteil richtig: Nicht die Bejahung von Veränderung ist ihr Ziel, sondern der weitreichende Schutz davor. Wenn sie von Stadt reden, meinen sie den Kiez und seine Bewahrung - vor dem Ausbau der Stadtautobahn, vor zu vielen Touristen, vor der "Luxussanierung" und natürlich vor allen Großprojekten, wozu schon ein neues Museum oder ein Riesenrad am Bahnhof Zoo gehören. Früher rief man den Hausmeister zur Hilfe, wenn man Ruhe und Ordnung beeinträchtigt sah. Heute wählt man die Grünen, die dann gegen die Störung des Hausfriedens vorgehen.

Diese biotopische Milieuschutzpolitik findet durchaus ihre Anhänger, auch in einer Stadt wie Berlin, in der es, anders als im beschaulichen Süden der Republik, immer schon etwas lauter und ruppiger zuging. Aber es reicht eben nur für 17 Prozent und nicht für eine Mehrheit, die einem den Posten des Bürgermeisters anträgt. So ruhebedürftig und veränderungsunwillig ist der Berliner dann doch nicht, wie sich zeigt. Da ist er aus härterem Holz geschnitzt als sein Pendant in Stuttgart. Dort hält man ja auch die Kehrwoche in hohen Ehren, möglicherweise einer der Gründe, warum den Grünen in Baden-Württemberg gelang, was ihnen in Berlin verwehrt bleibt.

Eigenartigerweise leben die Grünen bis heute ziemlich komfortabel von ihrem Image als Außenseiter des Systems. Dass ein Großteil der grünen Führungsriege über das Leben in der Politik nahe ans Rentenalter gerückt ist, fällt in der öffentlichen Wahrnehmung kaum ins Gewicht. Auch über die Tatsache, dass viele Anhänger aus einem Milieu stammen, das man beim besten Willen nicht mehr als frech und unangepasst bezeichnen kann, wird großzügig hinweggesehen. Tatsächlich sind die Grünen nirgendwo so stark vertreten wie im Öffentlichen Dienst. 40 Prozent der höheren Beamten wählen die Ökopartei, wie kürzlich eine Forsa-Umfrage ergeben hat, in Berlin sind es sogar 60 Prozent. Auch das mag das enorme Ruhebedürfnis erklären, das in den grünen Programmen überall durchschlägt.

Ein Problem ist nur, wenn ein Konkurrent auftaucht, der noch rebellischer wirkt als man selbst. Gegen die Piraten ("Ihr habt die Antworten, wir haben die Fragen") haben es auch die Grünen schwer - jedenfalls bei der Klientel, die sich trotz oder wegen ihres Alters immer noch gern spätpubertär gibt. Die Piraten sind die ideale Partei für alle Jungwähler und solche, die sich dafür halten: freier Zugang zu Drogen (was "Hilfe statt Kriminalisierung" bedeutet, weiß jeder Hauptschüler zu übersetzen); freies Kopieren von allem, was einem im Netz gefällt. Gegen dieses Angebot kommt auch die Angst vor dem Atomtod nicht an.

Eine Forderung der Grünen war immer, das Wahlalter auf 16 Jahre zu senken. Nach dem Erfolg der Piratenpartei am vergangenen Sonntag werden sie sich überlegen, ob das wirklich eine so gute Idee ist.

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Kolumne - Der schwarze Kanal
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1. Jawoll !
clonck 19.09.2011
Zitat von sysopDie Grünen sind die richtige Wahl für alle Leute, die sich vor zu viel Veränderung fürchten. Weil es davon in Berlin weniger gibt als gedacht, haben die Milieuschützer der Öko-Partei ausgerechnet in ihrer Hochburg den Machtwechsel verpasst. Wer rebellisch sein wollte, wählte die Piraten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,786999,00.html
Wer eine noch nicht von Abhängigkeiten und Macht korumpierte Partei wählen wollte hat die Piraten gewählt. Hoffentlich wird mehr draus.
2. Hauptsache: Rebellisch
ray4901 19.09.2011
Zitat von sysopDie Grünen sind die richtige Wahl für alle Leute, die sich vor zu viel Veränderung fürchten. Weil es davon in Berlin weniger gibt als gedacht, haben die Milieuschützer der Öko-Partei ausgerechnet in ihrer Hochburg den Machtwechsel verpasst. Wer rebellisch sein wollte, wählte die Piraten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,786999,00.html
Rebellisch aber, Herr Fleischhauer, wie Sie, wollen wir doch bleiben, gell! Da spielt es doch keine Rolle, wer die Rebellion anführt, Hauptsache: Richtung stimmt. Die andere Richtung, die der echten freien Demokraten, wird durch das Wahlergebnis eher etwas in Frage gestellt;-) Was ist bloss in die Berliner gefahren! Wenn das nur nicht Schule macht...
3. -
Noctim 19.09.2011
Auch wenn ich mit dem Programm der Piraten-Partei nicht mehr vollständig d'accord bin, muss man doch die Stimme des Volkes (nicht der Partei) respektieren. Immerhin 8-9% der Wähler haben dem Establishment gezeigt, dass der jetzige Weg über die Köpfe vieler Menschen hinwegführt und man sich von den "großen" Parteien nicht mehr ernstgenommen oder gar verkauft fühlt. Natürlich werden viele Protestwähler dabei sein. Aber die gingen früher eben zur Linken oder den Grünen. Aber selbst diese beiden Parteien sind mittlerweile so spießig und glattgebügelt, dass sie ihre Glaubwürdigkeit signifikant verspielt haben. Politik richtet sich heute nicht nach Idealen oder Problemen aus, sondern nach Umfragewerten. Finden die Bürger Atomstrom doof, müssen wir eben einlenken. In diesem Fall passiert vielleicht das Richtige, aber aus den falschen Motiven heraus. Viel Geld fließt das hinten rum und wie Merkel, von der Leyen, Rösi oder Westerwelle beweisen, ist Kompetenz nicht ans Amt gebunden. Warum dann nicht jungen Leuten die Chance geben, ihre Meinung in die Politik einfließen zu lassen? Immerhin setzen diese Menschen sich für ihre Ideale ein. Jedem steht es frei, eine Partei zu gründen, wenn er mit dem Status-Quo nicht zufrieden ist. Die meisten Menschen begnügen sich aber mit dem faulen Meckern über die ach so böse Welt; bloß nicht selbst aktiv werden. Und Wählen ist eh was für Streber und verblendete Rentner. Oder?
4. .....
WhereIsMyMoney 19.09.2011
"Die Grünen sind die richtige Wahl für alle Leute, die sich vor zu viel Veränderung fürchten." So ist das also jetzt? Neuerdings sind also die CDU und SPD die für Aufbruch zuständig stehen? Anscheinend haben die Blockade und Proteste gegen Stuttgart 21 so manchen "Journalisten" die Sicht vernebelt. Zu den Piraten: Sie haben ein wichtiges Thema ins Mainstream gebracht, dafür ist das deusche Wahlsystem perfekt geschaffen. Aber ansonsten stehen die ja für Nichts wofür die Grünen nicht auch stehen. Es gibt keinen Grund weshalb die anderen Parteien, zumindest die linken, die Position der Piraten zu diesem Thema nicht einnehmen sollten. Und damit kommt auch das Ende der Piratenpartei, aber die werden eben ihr Ziel erreicht haben. Das ist das Wichtigste.
5. Thema
Lueder, 19.09.2011
Zitat von sysopDie Grünen sind die richtige Wahl für alle Leute, die sich vor zu viel Veränderung fürchten. Weil es davon in Berlin weniger gibt als gedacht, haben die Milieuschützer der Öko-Partei ausgerechnet in ihrer Hochburg den Machtwechsel verpasst. Wer rebellisch sein wollte, wählte die Piraten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,786999,00.html
Die grünen Ideen sind ja erstmal gar nicht mal sooo schlecht, nur hat sich die Partei in den letzetn jahren von einer recht liberalen Partei zu einer ziemlich konservativen Partei gewandelt. Der Begriff Ökospiesser kommt ja nun nicht von ungefähr!
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Jan Fleischhauer

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